Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 172 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Insbesondere bringt der Vorsitzende unter lebhaftem Beifall de r Versammelten der Familie Missotzky und Herrn Jacob H. Schifl in New York für ihre großherzigen Stiftungen seinen Dank zum Ausdruck. Die Familie Wissotzky hat bereits im vorigen Jahre für das Technikum in Haifa 100 OOO Rubel, gewährt, und Herr Jacob L. Schiff stellt für den gleichen Zweck 100 OOO Dollar zur Verfügung. Auch dem früheren Duma-Abgeordneten Herr Dr. Schmarjah Levin, der in der Versammlung anwesend war. sprach der Vorsitzende für seine erfolgreichen Verhandlungen in den Vereinigten Staaten 'zur Förderung des hochbedeütsamen Unternehmens den Dank des Hilfsvereins auS. - Herr Simon hebt ferner hervor, daß die Wirksamkeit des Hilfsvereins auf kulturellem Gebiete den erfreulichsten Fortgang nehme und im Berichtsjahre wiederum eine Erweiterung erfahren habe. Für kulturelle Zwecke sind rund 130 ÖOO Mark aufgewendet worden; Herr Simon gibt alsdann einen kurzen Ueberblick über die Tätigkeit des HilfsVereins in Galizien, Rumänien und Bulgarien. In Galizien subventioniert der Hilfsverein Kindergärten, eine Kreditgenossenschaft und ein Mädchenheim. Von besonderer Wichtigkeit aber auch besonders schwer ist es in Galizien, einem armen Lande mit geringer Industrie,. der armen und verelendeten Bevölkerung Arbeitsgelegenheiten zu verschaffen und möglichst weite Kreise zur Arbeit zu erziehen. Dies ist um so schwerer, als durch den Fortschritt der Technik die Hausindustrie, die man nach dem Stande der Entwicklung vorläufig in Galizien einzubürgern suchen muß, .zurückgedrängt wird. < Doch gelang es immerhin Erfolge zu erzielen. In der Spitzenhäkelei- und Klöppelei, der Haarnetzerei ufw., wurde im Jahre 1908 durch Vermittlung des Wiener Hilfsvereins ungefähr 3500 Arbeitskräften ein Verdienst von ca. -300000 Kronen erschlossen. Der Hilfsverein der Deutschen Juden unterstützte den Wiener Hilfsverern durch Besoldung eines Sekretärs, der speziell sich mit der Erschließung und Vermehrung von Arbeitsmöglichkeiten befaßt. Ferner beteiligt sich der Hilfsverein der Deutschen Juden an der Aktion, die der Hilfsverein in Wien zur Unterbringung von galizischen Knaben bei Handwerkern vornehmlich in Westösterreich unternommen hat. Zur Durchführung einer sozial-ethischen Aktion in Galizien,, die nach dem Stande der dortigen Bildung gleichfalls von größter Tragweite für die kulturelle und wirtschaftliche Hebung der . jüdischen Bevölkerung erscheint, ist der Hilssverein der Deutschen Juden mit der Großloge für Deutschland U. O. B. B. verbunden, mit der er auf diesem wie auf einer Reihe anderer Gebiete in enger Gemeinschaft in segensreichster Weise zusammenwirkt. In Rumänien und Bulgarien subventionierte, der Hilfs- Verein wiederum eine Anzahl von Instituten. Er fördert das dortige Schulwesen namentlich durch Entsendung deutscher Lehrkräfte. * Die Lage der Juden in Bu lgarien ist verhältnismäßig günstig, sie erleiden dort keine Bedrückungen. Im Gegensatz dazu haben die Juden in Rumänien von der Ausnahmegefetzgebung, die seit Jahrzehnten auf wirtschaftlichem, politischem und kulturellem Gebiete gegen sie geschaffen wird, aufs schwerste zu leiden, und ihre Läge verschlimmert sich fortdauernd, da der Kampf gegen sie auf dem Wege der Gesetzgebung und durch Verwaltungsmaßregeln weiter sortgeführt wird. Auch auf dem Gebiete des Schulwesens sind Eingriffe in die Freiheit des Unterrichts in bedrohliche Nähe gerückt- Dies hat eine besondere Bedeutung, da man die Juden durch systematische Ausschließung aus den öffentlichen Schulen zur Gründung eigener Schulen gezwungen hat. Es ist bei der Politischen Konstellation bisher noch nicht möglich gewesen, mit vollem Erfolg zugunsten der rumänischen. Juden bei den Mächten zu intervenieren. Der Hilfsverein, der es. im Jahre 1908 an Ben^ühungen auch in dieser Beziehung nicht hat haAen^'.-.behälh das Ziel, den Juden 4« Rumänien zu ihrem Rechte zü .'verhÄKn^nmch: wie vor im Auge. Nach Herrn James Simon berichtet, devGeschäftsführeri. E., Herr Dr. Nathan, über das Schulwesen des Hilfsvereins in der Türkei Er gibt einen Ueberblick über die Grundsätze, nach denen es organisiert und aufgebaut ist. Die Umwälzung in der Türkei, die ganz überraschend erfolgte, ist folge- und aussichtsreich auch für die orientalischen Juden wie in weiterer Wirkung für die osteuropäischen Juden in ihrer Gesamtheit. Es' werden" jetzt in der Türkei Rechtsgarantien für die Bürger geschaffen, die auch den Juden zugute kommen. Man kann ferner annehmen, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse sich ganz wesentlich bessern werden. . . In Berücksichtigung der Verhältnisse im Orient, mit denen bereits in der alten Türkei zu rechnen war, hat der Hilfsverein sein Schulwerk organisiert und die Neuordnung der Dinge gibt diesem Vorgehen noch eine erhöhte Bedeutung. Zunächst werden, soweit möglich, Kindergärten als Fundament untergelegt; in diesen Instituten ist die Unterrichts- und Umgangssprache hebräisch. Die Vielsprachigkeit unter den Juden im Orient, die aus den verschiedensten Ländern der Welt stammen, zwingt dazu, eine Sprache als Binde- und Verständigungsmittel für alle Länder einzuführen. Unter rein pädagogischen Gesichtspunkten wurde das Hebräische gewählt, das die Juden des Orients zusammenhält. Nach Absolvierung des Kindergartens kommen die Kinder in verschiedenartig eingerichtete Schulen, einerseits Land- und anderseits Stadtschulen, und zwar Elementar- und höhere Schulen mit einem: den Bedürfnissen des Ortes.entsprechenden Programm. Ueberall wird die Landessprache arabisch oder türkisch sowie hebräisch gelehrt- In den Dörfern alsdann noch die Realien. In den Städten kommt gegebenenfalls eine Kultursprache respektive, soweit erforderlich, noch eine weitere hinzu, Deutsch oder nach örtlichen Erfordernissen eventuell andere Kultursprachen. Die Kenntnis des Deutschen ist jetzt infolge der Ausbreitung des deutschen Handels im Orient von großer Wichtigkeit. - Zur Heranbildung von Lehrern im Orient ist ein Lehrerseminar in Jerusalem begründet, wo sie Art und Geist des Orients als Lebens- und Bildungsatmosphäre umgibt, ferner ebendaselbst eine Handelsrealschnle, wo auch Französisch und Englisch gelehrt wird. Zwei große Aufgaben sind alsdann noch zu realisieren. Einerseits die Reorganisation der Talmud-Thoraschulen im Orient, wo im wesentlichen nur Talmud gelehrt wird und keine praktischen Kenntnisse vermittelt-werden. Die Zöglinge dieser Schulen ffhb nicht für das Leben vorbereitet und können sich daher ihr Brot nicht, verdienen, sondern sind zum Schaden für sich selbst und die Gesamtheit auf die Chalnkkah angewiesen. Die Reorganisation soll ohne Verrückung der religiösen Grundlage der Institute erfolgen, nur durch Modernisierung der Methoden und zeitgemäße Erweiterung des Lehrplans, indem auch die Realien in den Unterrichtsplan ausgenommen werden. Dies würde zu einer Regeneration des eingesessenen Judentums führen. Alsdann drängte , sich dem Redner bei seinen Reisen im Orient die Notwendigkeit aus, technische Kräfte für das Land heranzubilden, und zwar im Orient selbst, so daß sie Land und Leute und Sprache des Orients kennen. Es zeigte sich auch bei einer flüchtigen Durchquerung türkischen Gebietes, welch außerordentliche r Bedeutung die moderne Technik für die Entwicklung des Landes hat. Das Land ist in starkem Aufschwung begriffen, dort, wo es moderne Straßenanlagen und wo es Eisenbahnen gibt. Der Seeverkehr hebt sich, wo Kai-Anlagen vorhanden find, während jene Gebiete, die dieser Segnung noch entbehren, in tiefstem Verfall liegen, und zwar selbst solche Gegenden, die nachweislich im Altertum zu hoher Kultur gelangt waren. Di< Entwicklung in der Türkei wird also wesentlich davon ab- Hängen, daß die. moderne Technik mehr und mehr diese Länder erschließt. Gelingt es, jüdische Techniker in leitende Stellungen hineinzubringen, so wird es alsdann auch möglich sein, eine große Anzahl jüdischer Arbeiter, die den Technikern unterstellt sind, zu beschäftigen. Die Heranbildung jüdischer Techniker brächte demnach nicht nur einer kleineren Anzahl Glaubensgenossen, die in der Lage waren, sich eine höhere Bildung anzueignen. Vorteil, sondern gleichzeitig den jüdischen Massen, die heute noch in Armut versunken sind. Entwickelt sich der Orient, wie vorauszusehen, und nehmen an dieser Entwicklung des Orients unsere in der Türkei wohnhaften Glaubensgenossen einen hervorragenden Anteil, so wird es alsdann möglich sein, russische galizische, rumänische Juden, die unter so furchtbaren Verhältnissen jetzt leben müssen» nach Asien hinüberzuführen und damit einen L«