Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- Seite 167 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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beglückenden Momente des Schaffens, die ihn über sich selbst hinaushoben, die gab es jetzt nicht mehr für ihn; sein Ehrgeiz' war in der Hinsicht verflogen. . Es scheint, daß es für. jedes Gefühl einen Punkt der Sättigung gibt; wenn der erreicht ist, verliert sich die Fähigkeit, Noch weiter in sich aufzunehmen. Und an diesen Punkt war Isidor angelangt, denn es bemächtigte sich seiner eine große Depression, die ihn um so mehr niederdrückte, da es ihm gänzlich an tiefinnerlichen Hilfsquellen fehlte, um sich über das Alltägliche zu erheben. Es war unter dem Einfluß dieser Gemütsverfassung, der trüben Stimmung, in die ihn die farblose Monotonie seines, von keinen Ausnahmemomenten veredelten Arbeitslebens versetzt hatte, daß die unerwartet an sein Ohr schlagenden feierlichen Klänge eines Sederliedes, die ihn wie ein Lockruf aus längst vergangenen schönen Zeiten trafen, eine solche Erschütterung in ihm hervorriefen.' Wohl schalt er sich, daß er in einem knabenhaften Stimmungsrausch sich zu überflüssiger Gefühlsduselei Hinreißen lasse; aber dg Gedanken gegen Gefühle nur eine schwache Waffe sind, so änderte das nichts an dem Umstand, daß er mit Ergriffenheit den jubelnd in die Nacht hinausklingenden Stimmen lauschte. Und sich im Geiste in seine früheste Jugend zurückversetzt fühlend, die Visionen, die aus den im Elternhaus gefeierten Sederabenden in seinem Gedächtnis haften geblieben waren, mit Genuß wieder heraufbeschwor, um sie jetzt als reifer Mann, gleich einem köstlichen tief innerlichen Erlebnis, noch einmal durchzukosten. Dabei wurde ihm mehr und mehr deutlich, wie hinter dem Schicksal eines jeden Menschen eine Gerechtigkeit steht; und daß es sich rächt, wenn man den Festesstunden, die der fromme Glaube als Meilsteine für den Lebensweg eingesetzt - hat, nicht die.richtige Wertschätzung zuteil werden und sie im Getriebe des Alltags zugrunde gehen läßt! Eine große neue Klarheit über den Wert althergebrachter Bräuche zog in sein Herz ein. Empfand er es doch in diesem- Augenblick an sich selbst, wie sie ein Band schlingen, das' fest und stark miteinander verbindet. Fortan wollte er dasselbe Nicht wieder zu lockern versuchen; dieser'Gedanke reiste als fester Vorsatz in ihm! Den einmal erfaßten Gedanken zu Ende zu denken und nach ihm zu handeln, das sollte die neue Aufgabe seines Lebens werden, deren Verwirklichung er seine beste Kraft zu widmen sich vornahm! In diesem Augenblick, gerade als er die Stufen des Hauses verlassen wollte, auf denen er eine ganze Weile gestanden hatte, um dem Gesang zu lauschen, von -dem er sich nicht losreißen konnte, schob der Mond das schwere Gewölk> das ihn verhüllt hatte, einen Augenblick völlig zur Seite, und ein heller Stern ward neben ihm am Firmament sichtbar. . Das erschien Isidor in seiner hoch gesteigerten Erregung wie ein verheißungsvolles Zeichen, eine glückliche Vorbedeutung dafür, daß er die Verwirklichung seines Vornehmens zu einem gedeihlichen Abschluß bringen werde. Sein eben noch so trübes Gesicht wurde von einem siegesgewissen Lächeln übersonnt, ein streitsroher Uebermut ergriff ihn, und zufriedenen Herzens machte er sich auf den Heimweg, mit leichten federnden Schritten, die kräftig in der menschenleeren Straße widerhallten. Sebernacbt Von Helene v. Engelhardt*). edernacht! ... die rechte Stunde Weist die Weltenuhr des Herrn: Schon aus violettem Grunde Löst sich matt der erste Stern; Goldne Abendflammen glimmen In verglühtem Sonnenduft. Und es zieht wie Geisterstimmen Leise, leise durch die Luft. Leise, leise durch die klare Abendluft der Frühlingswelt . . . Wie die Geister toter Jahre Schwebt es über Flur und Feld! Grüßt in weichem Wehmutsschleier ... Raunt in Tönen lind und sacht Von uralter Passahfeier, — * Ferne, — „mitten in der Nacht!" Ferne Seufzerlaute hauchen . . Fernes Halle! bricht hervor ... Längst versunkne Bilder tauchen Aus der Zeiten Schutt empor: Passah fest in Gosens Lande! . . . Und des Ewgen Wundermacht Sprengte dort der Knechtschaft Bande . . . „Das war mitten in der Nacht!" Andre Stimmen . .-.'andre Szenen! Schattenhaft und feierlich! ... In der braunen Wüste dehnen Zelt' an Zelten zahllos sich; Sterne blinken groß hernieder, Und die Feuersäule wacht... Lobgesänge. . . Passahlieder ... „Das war mitten in der Nacht!" Steigt herauf, Erinnerungen, Kreist um uns im Dämmerlicht ... Alte Wunder, hoch besungen, Schaun uns groß ins Angesicht! — Hauch von Palästinas Grenze Schwebt daher im Sternenschein . . . Odem längstverblühter Lenze Weht mit Sedernacht herein! Grüßt vom teuren Jordanstrande . Flüstert von der Palmenstadt . . . Himmelsluft vom Morgenkande Kühlt die Häupter arbeitsmatt; Singt ein Lied von stolzen Kränzen Um Altar und Festpokal — Wo die Rosen Sarons glänzen, Und die Lilie blüht im Tal! ... Und durch unsrer Seele Tiefen Zieht ein Bild aus jener Zeit, Da der Andacht Stimmen riesen Zu des Tempels Herrlichkeit: Ha! wie dort die Klänge rauschten — Wie der Sabbatglanz erwacht — . Und die Tempelmauern lauschten . . . „Das war mitten in der Nacht!" Ewger, der Du mitternächtig Tausendfach Dich offenbart, ... Ewger, dessen Hand uns mächtig Mitten in der Nacht bewahrt: Finsternis und Schicksalswetter Brachen längst die alte Pracht ... Sende den ersehnten Retter, Send' ihn — mitten in der Nacht! Und ein wunderbares Ahnen Dämmert in der Brust empor: Näher schön auf dunklen Bahnen ' " Schwebt der Tag, den Gott erkor! Lichtumivogt aus schwarzem Grunde, Ueber Tiefen grau'n — umfacht. Schwingt sich der Erlösung Stunde — Amen! „mitten in der Nacht!" *) Die hochbegabte baltische Dichterin Helene v. Engelhardt, Verfasserin lyrischer und epischer Dichtungen, die von R. v. Gottschall und anderen Literarhistorikern sehr hoch gestellt werden, hat ein Bändchen Verse unter dem Titel „Prinzessin Sabbat" vollendet, die nur noch eines Verlegers gewärtig sind. Es ist noch nichts davon veröffentlicht, doch kann man schon nach der hier mitgeteilten Probe annehmen, das; die Gedichte großes Interesse erwecken werden. Es ist merkwürdig, wie ties die Dichterin den Gedanken des Festes-erfaßt und mit welchem Geschick sie den bekannten Hymnus des zweiten Sederabends „Wajhi behazi ha-lajla“ in ihr stimmungsvolles Gedicht hineinzuweben verstanden hat. Die Red.