Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- Seite 166 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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treibt dennoch im den geheimsten Schlupfwinkeln unserer Seele . sein sonderbares Wesen. ' : - ’ - Wie käme sonst er,. Isidor de Vries, der erklärte Freidenker, dazu, jetzt seine, immer so nachdrücklich betonte Gleichgültigkeit, ja Abneigung, gegen alle religiöse Formeln wanken zu fühlen? Mit einem Male einen weihevollen Schauer einer rituellen Handlung gegenüber zuempfinden/ für die er bisher nur ein überlegenes Lächeln hatte? Woher rührt diese, seiner sonstigen Art so entgegengesetzte träumerische Weichheit, die ihn statt der gewohnten inneren Sicherheit jetzt gefangen hält, und die er vergeblich zü bekämpfen sucht, weil er findet, daß sie mit der Würde seiner Persönlichkeit nicht im Einklang steht? Wie mit Zauberschlag erhebt sich plötzlich wieder das teure, jetzt verlorene Elternhaus vor seinem geistigen Auge. Die freundliche Wohnstube, vor der die hohen Linden rauschten, vollgepfropft mit traulichen Möbeln aus des Großvaters Zeit. Und dieser selbst, der ehrwürdige Greis, dessen gebeugte Gestalt sich in den tiefen Lehnstuhl schmiegt, der aber trotz seines hohen Alters und des. silberweißen Haares und Bartes, noch mit hellen, blitzenden Augen in das Leben schaut. Mit welcher Hingabe las der Patriarch an jedem Sederabend die Geschichte vom Auszug der Kinder Israels vor, bis ihn zum Schluß doch die Kräfte verließen, und des Vaters volltönende Stimme anstatt die des Greises erklang! , Die Mutter im weißen Kleide, das Schwesterchen angetan mit dem besten Feiertagsgewand, und er selbst im Vollgefühl seiner Knabenwürde, der schon übersetzen kann, was man da in hebräischer Sprache vorliest — sie alle saßen um den, nach Vorschrift gedeckten Tisch, und aufrichtige Festesfreude belebte ihren kleinen Kreis. ' Dann aber kamen die Entwicklungsjahre, die Zeit, da Isidor, in unabweislichem Klarheitsbedürfnis, dem starren - „Du sollst" und „Du mußt" seines Religionslehrers ein immer wiederholtes „Warum" entgegensetzte. Er grübelte und rang mit sich selbst, bis er eines Tages seinem Vater, der um keinen Fingerbreit an den althergebrachten Traditionen rütteln lassen wollte, unumwunden erklärte, er könne nicht länger anseinen Gottesdienstübungen teilnehmen, da er zu der Ueberzeugung: gelangt sei: „Es hat jeder Mensch seinen eigenen Gott; ich will dem meinen nur dienen; indem ich lebe und meine Pflicht tue!" Damals drohte ein breiter Riß zwischen ihm und den Seinen zu klaffen, aber die innige Liebe, die sie miteinander verband, hatte denselben glücklicherweise überbrückt. Der Vater setzte dem Ungestüm seiner Jugend die Ruhe des Mannes, der Großvater die Bedächtigkeit des Greises gegenüber. Am hilfreichsten aber erwiesen sich die günstigen äußeren Umstände. ' . Denn gerade in dieser Zeitperiode begann, nachdem Isidor mit gutem Erfolg das Gymnasium absolviert hatte, die Lehrzeit für seine geschäftliche Laufbahn, und mußte er das Elternhaus verlassen, um nach. Amsterdam, der großen Handelsmetropole, überzusiedeln. In dem Getriebe der Großstadt, während der wenigen Mußestunden, die ihm seine anstrengende Tätigkeit ließ, fand Isidor, trotzdem er ein Jüngling war, der alles im Leben mit Gemütswärme umfaßte, wenig Nahrung für die Fähigkeit, seine Seele zu entwickeln, und religiöse Streitfragen beschäftigten ihn kaum mehr. Er machte zwar den Versuch, seine Lebensführung soviel wie möglich mit den Anschauungen, , die im elterlichen Hause herrschten, in Uebereinstimmung zu bringen; aber gar bald erkannte er, daß er sich dabei in unlösbare ' Widersprüche mit seiner eigenen Ueberzeugung verwickelte. Ihm fehlten eben die Begriffe, von denen sein Vater ausging; er beschdute das Leben' von einem anderen, seinem individuellen Gesichtswinkel aus. Mehr und mehr festigte. sich in ihm die Ueberzeugung, daß, was m vergangenen Zeiten Zweck' und Sinn hatte, für ein Kind unserer Zeit gänzlich veraltet und überlebt sei, und er glaubte darin eine völlig einwandfreie Entschuldigung für die Tatsache' zu finden, daß er alle religiösen Gebräuche, die ihm lästig waren, über Bord warf. Weilte er in der Heimat, so vermied er es ängstlich, sich in. ein Gespräch über religiöse Angelegenheiten einzulassen. Freilich verlor sein Verkehr mit den Eltern dadurch das innig Vertraute; an seine Statt trat etwas rücksichtsvoll Förmliches von Isidors Seite, und eine nur schlecht verhüllte leichte Gereiztheit in des Vaters Auftreten, namentlich als dieser sah, wie er nach und nach als beratender Helfer des früh selbständigen Sohnes abgesetzt wurde. Isidor war von jeher ein fleißigerstrebsamer Arbeiter gewesen; zu dieser Naturanlage gesellte sich eine große Wirkungsfreudigkeit in seinem kaufmännischen Beruf; dabei die Spannkraft seiner natürlichen Intelligenz — kein Wunder, daß er in seiner Karriere außerordentlich schnell vorwärts kam. Schade nur, daß er zu dem Zweck, da sich die wirtschaftlichen Lebensbedingungen durch die aufs höchste gesteigerten Anforderungen immer schwieriger gestalteten, voll und ganz in den materiellen Dingen des Lebens ausgehn mußte, was der Entwicklung seines Innenlebens keineswegs zugute kam. Denn durch den Zwang, gewohnheitsmäßig bei dem Materiellen zu verweilen, wird das Denken und Fühlen nicht gerade auf einen höheren Ton gestimmt. Der erfolgreich Arbeitende wird sich jedoch dieser Tatsache nicht bewußt. Weil sich sein Blick für die allgemein menschlichen Fragen weitet, glaubt er auch Vertiefungssähigkeit zü besitzen, die nur durch die Ungunst der äußeren Umstände nicht zur Entfaltung kommt. Mit eiserner Willenskraft sich von Stufe zu Stufe auf der sozialen Leiter emporarbeitend, hatte Isidor es im Zeitraum von zehn Jahren zum Leiter einer der ersten Bankfirmen gebracht; aber aus dem ideal veranlagten Jüngling war dabei ein Mann geworden, der, eitel und selbstgefällig, die Breite des Alltagsweges wandelte. Der bei allem Vollgefühl seines Wertes dennoch ängstlich in der Welt herumhorchte, ob er auch wirklich so hoch taxiert würde, wie er es verdiente, und sich vor allem bestrebte, den Sohn Israels zu verleugnen. Obgleich sein Aeußeres den unverfälschten orientalischen Typus trug, behaupteten gefällige Freunde, an denen es demjenigen, der Erfolg im Leben hat, niemals fehlt, er sehe aus wie ein Vollblutitaliener. Isidor war klug genug, den Unwert solcher Schmeichelei — denn als solche sollte er den Vergleich auffassen — einzusehn, doch nicht stark genug, sie entbehren zu können. Mehr und mehr entfremdete er sich seinen Glaubens? genossen, besonders nachdem der Großvater, und einige Jahre später auch sein Vater das Zeitliche gesegnet hätten. Seine Schwester war inzwischen einem Ausländer als Gattin in weite Ferne gefolgt, und so lebte von seinem ganzen Familienkreis nur Noch seine Mutter in der Nahe, deren innige, rastlos für ihn sorgende Liebe den einzigen Sonnenstrahl über sein Leben goß. Denn er konnte es sich nicht verhehlen, die wahre sonnige Lebensfreude, so wie sie mit seinem noch jugendlichen Alter im Einklang stand, fehlte ihm gänzlich. Solange er anstrebte, was er-jetzt besaß, hatte er nichts entbehrt; sein Dasein war vollständig ausgefüllt. Aber die Freude, mit der er während des Entstehens seiner Stellung gearbeitet' hatte, die