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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-02 · Heft 14 (2.4.1909) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 14 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
Seite 165 (sequence 9)
Language
German
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denen die meisten geschmackvoll in altholländischem Baustil aufgeführt sind, einen erfreulicheren Anblick wie es augenblicklich der Fall ist, Lrytz der phantastischen Beleuchtung, die die dunkle Wolkenwand, welche sich in festem Umriß hinter der östlichen Häuserreihe dehnt im Gegensatz zu der gegenüberfliegenden sonnenbeschienenen ergibt. Ein heilloser Lärm schwirrt in breiten Wellen durch die Luft, die ganze reiche Tonskala einer aufgeregt schwatzenden und feilschenden Volksmenge. , Vor einer der engen Seitengassen, in der es wie in einem Ameisenhaufen wimmelt, eine wie zu einem Knäuel verwirrte Menschengruppe! Fest nebeneinander, barrikadengleich .ausgebaut, zahllose zweiräderige Handkarren, fast alle von gleicher Form und Größe, aus denen die verschiedenartigsten Hausgeräte und Eßwaren zum Verkauf ausgestellt liegen. Sie sind von dichten Gruppen von Käufern umringt, die alle ohne Ausnahme ihre Reden und Ausrufe mit lebhaftem Gebärdenspiel begleiten. Nur noch wenige Stunden, und das ungesäuerte Pessachbrot tritt an dessen Stelle; aller Handel ruht für einige Tage, und der große Vorrat an Eßwaren der hier aufgestapelt liegt, wird wertlos, falls er nicht zuvor seinen Käufer gefunden hat. Spekulative Hausfrauen, mit diesem Umstand Rechnung haltend, haben deshalb ihre Einkäufe für die bevorstehende Feiertage bis zum letzten Augenblick verzögert, in der Erwartung, dann einen vorteilhaften Handel abzuschließen. Aber jetzt drängen sie in Hast und Eile, denn es ist höchste Zeit, wenn sie zum festlichen Jeder die übliche Mahlzeit bereithaben, und sich und die Hausgenossen in das Feiertagsgewand kleiden wollen. Noch eindringlicher wird das Bieten und Feilschen; alle Lebhaftigkeit, die diesem Volke, das da durcheinanderwimmelt innewohnt, äußert sich in gleichen Gesten und Lautenwodurch die auffallende Aehnlichkeit, die merkwürdigerweise der äußeren Erscheinung vieler dieser Männer und Frauen anhastet, noch verstärkt wird. Der oberflächliche Beobachter gewinnt den Eindruck, daß es lauter Sprößlinge einer einzigen riesengroßen Familie sind, die dort die Straße füllen. , Nur wer genauer zusieht, gibt sich Rechenschaft darüber, daß ein jeder sein scharf ausgesprochenes individuelles Sondergepräge trägt! Denn wir befinden uns hier zwar im Ghetto, aber keineswegs in einem solchen, wie es ehemals bestand, als abschließende Mauern und Gesetze den Verkehr mit der . Welt da draußen und die Kulturmöglichkeiten wehrten. Nach der Befreiung von dem widerrechtlichen Druck wußten die ehemaligen Ghettobewohner gar bald, die Brücke aus der geistigen Vereinsamung in das pulsierende Leben zu schlagen, und mancher der Nachkommen jener, die durch finsteren Zwang solange kulturentrückt geblieben waren, schwang sich im Laufe der Jahre zum Träger hoher Kultur auf. Die engen finsteren Wohnstätten der damaligen Zeit, haben längst freundlichen Hellen Häusern Platz gemacht, was nicht nur in hygienischer Beziehung als ein Vorzug zu betrachten ist. Die Jodenbreestraat unterscheidet sich, was Häuserbaü und Verkehrsmittel betrifft, durch nichts mehr von jeder anderen Großstadtstraße. Was zu den täglichen Lebensbedürfnissen gehört, Speise und Trank, wie sie die Volksklassen lieben, sowohl fertig zubereitet wie im Rohzustände, neue und getragene Kleidungsstücke, das alles wird hier unter Gottes freiem Himmel ausgestellt und zu Kauf geboten. Schon find die geschäftigen Hausfrauen, die eben noch mit wohlgefüllten Markttaschen atemlos heimstrebten, dabei, der ungeduldigen Kinderschar die Feiertagskleider anzulegen. Hier und da zeigt sich bereits eine Gruppe der Kleinen, im besten Gewände, mit wichtiger Miene einherstolzierend. Aber bald schlägt die Feierstunde, und dann wird ein jeder, auch der Aermste der Armen, fein Heim aufsuchen, um Leib und Seele zu reinigen vom grauen Alltagsstaub. Dann ist die Mühe und Plage des Daseins vergessen, ein heller, festlicher Glanz zieht in die Herzen der feiertagsfrohen Menschen ein! Und wenn sie sich auch davon bewußt sind, daß sie nach dem Feste wieder alle ihre Lasten und Ketten auf sich nehmen müssen, heute beim Zurrüstegehen des schweren Arbeitstages, beim Beginn der Ostern, sind sie gläubig und froh gestimmt. Eine befreiende Fröhlichkeit läßt ihre Herzen höher schlagen und schwebt um die Tafelrunde, aus welcher die altehrwürdigen Festgesänge, wie sie die Hagada Dorschreibt, erklingen, deren Tonflut sich durch die geöffneten Fenster ins Freie ergießt! Als zu später Abendstunde durch die winddurchbrauste. Straße — denn es hatte sich inzwischen ein sturmähnliches Wetter erhoben — die feierlichen Klänge des „Li lau noeh“ erschallten, als der festliche Lichterglanz aus allen Häusern drang, trug die Jodenbreestraat ein echtes Feiertagsgepräge. In der Richtung vom Bahnhof her kommend, nähert sich jetzt ein stattlicher, noch jugendlich aussehender Mann, nachlässig in Haltung und Gebärde, den Rockkragen zum Schutze gegen die scharfe Lenznachtkühle in die Höhe geschlagen, die Hände achtlos in den Taschen seines Ueberrockes vergraben. Mit der Wegesicherheit eines in diesem Stadtviertel nicht Unbekannten, geht er eiligen Schrittes dahin, ohne seiner Umwelt die geringste Aufmerksamkeit zu schenken, anscheinend tief in Gedanken versunken. Auf seinem Gesicht liegt deutlich der müde Zug des schnell lebenden Großstädters, dessen Blick sich leichter weitet wie vertieft. Eben von einer kurzen Geschäftsreise zurückgekehrt, die ihn, durch die Hast mit der er eine wichtige Angelegenheit erledigen mußte, recht abgespannt hatte, wollte Isidor de Vries sich durch einen Spaziergang in der kühlen Abendluft wieder erfrischen und machte deshalb den Heimweg vom Bahnhof zu Fuß. Aber das Wetter enttäuschte ihn; leichte Schauer, von Regen mit Schnee untermischt, begannen niederzugehen, und so beschloß er den kürzesten Weg, durch die Jodenbreestraat, zu nehmen, den er sonst, in einem angeborenen Widerwillen gegen großes Gedränge um sich her vermied. Da schlagen unerwartet in gleichmäßiger Wiederholung wohlbekannte, wenn auch in vielen Jahren nicht gehörte Laute an sein Ohr, grüßende Lichter winken aus allen Fenstern, er gewahrt die friedliche, durch keinen Handelslärm unterbrochene Stille um sich her, und plötzlich wird er sich davon bewußt: Heute ist der Vorabend des jüdischen Osterfestes, Sederabend! Warum wird ihm nun mit einem Male so weich und wehe zu Mute? Warum empfindet er eine innerliche Beklemmung bei der Vorstellung, wie auch er einstens in lang verflogenen Zeiten, gleich jenen im Innern dieser Häuser, im frohen Familienkreise mit den Seinen um den Sedertisch saß, und feierliche Lieder zum Preise des Höchsten da droben sang! Heiß wallt es mit einem Male in ihm auf: O, wäre ich doch noch zugehörig zu denen, die da in frommem Glauben an die Wunderkraft ihrer Festtage alle Melancholie des Daseins und seine Plagen zeitweilig vergessen können! Der starke Widerhall, den die feierlichen Gesänge in seinem Herzen finden, überzeugt ihn davon, daß auch im aufgeklärtesten Gemüt ein Restchen frommer Anhänglichkeit an das Altehrwürdige lebt, das sich nicht ausrotten läßt. Man verleugnet es, aber es

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