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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-02 · Heft 14 (2.4.1909) · p. Seite 164

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 14 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
Seite 164 (sequence 8)
Language
German
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Wenngleich gar viele, die den Sabbat nicht halten, auch einen Sonntagsgottesdienst nicht besuchen — wir haben nur an die zu denken, die ihn freudig aufnehmen. Den Sonntägsgottesdienst wird man früher oder später nicht mehr umgehen können, wenigstens nicht in den großen Gemeinden. Es wäre betrübend, wenn erst ein noch größerer Abfall die Augen öffnete, um endlich zu deu notwendigen Maßnahmen zu drängen. Wenden wir uns nun der jüngsten Bewegung zu, die als. „Liberales Judentum!" eine Neugestaltung anftrebt. Von vornherein fesselt sie unsere Aufmerksamkeit dadurch, ' daß sie sich als eine Laienbewegung darstellt — unter 24 Vorstandsmitgliedern der Vereinigung befinden sich nur drei Rabbinen. Uns will es scheinen, als ob die Vereinigung sich wieder an den Anfang stellt jener Bewegung der vierziger Jahre im vorigen Jahrhundert. Wie konnte es nur kommen, daß ein halbes Jahrhundert von solcher Tragweite übergangen wurde, ohne Anlehnung an ein bereits historisch Gegebenes? Gleichviel, der Volkswille beginnt sich von neuem zu regen. Für die Gemeinden im Deutschen Reiche begrüßen wir die Bewegung nicht nur als eine aufrüttelnde Macht, wir begrüßen sie als eine rettende Macht; sie ist uns ein Zeichen der Selbstbesinnung, ein Erwachen zu ' einem neuen Tage, der zu großen Aufgaben ruft. Wir wünschen ihr Gedeihen und segenbringende Fortentwicklung. Anders als im Reiche liegen die Verhältnisse in Berlin, wo drei Richtungen eine feste Position gewonnen haben und stark vertreten sind: die Orthodoxie, wir nehmen sie als eine Partei, obgleich sie sich in zwei Lager teilt’ ferner die Mittelpartei und endlich die Reformpartei. Inwiefern findet der Name liberales Judentum, wenn wir von der Orthodoxie absehen, auf die beiden anderen Richtungen Anwendung? Liberalismus als Denkweise, als unbefangener, vorurteilsloser Freisinn ist beiden gemeinsam, nur durch die Mäßigung in den Zielen auf der einen Seite,,wie auch durch ihre Taktik ergibt sich zwischen beiden Parteien - ein wesentlicher Unterschied. In bezug auf die Taktik müssen wir die Bezeichnung liberal ganz und gar der Mittelpartei anheimgeben. Ein liberales Judentum, das an eine politische Partei erinnert, die zwischen rechts ■ und links vermittelt, muß Rücksichten nehmen, muß Kompromisse schließen, muß behutsam Vorgehen. Sämtliche Rabbinen, die der liberalen Vereinigung beratend und schaffend zur Seite stehen, gehören der Mittelpartei an. Eine konsequent durchgeführte Reform besteht auch für ihre Vertreter in ihrem Namen. Sie kann ihren Namen nicht ausgeben, wenn sie nicht ihre Errungenschaften aufgeben will, die bereits konsolidiert sind und sich bewährt haben. Welchen Ausweg finden wir in dieser erneuten Sturm¬ und Drangperiode? Wir wiederholen, daß wir nur die Verhältnisse in der Reichshauptstadt ins Auge fassen, und da kommt uns zu unserer Genugtuung die Erklärung entgegen, die die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland in der jüngsten Nummer ihrer Zeitschrift abgegeben hat, wonach die lokalen Verhältnisse berücksichtigt werden sollen. Die erste Bedingung ist die Einheit der Gemeinde. Innerhalb der Gesamtgemeinde muß allen drei Richtungen offiziell der Raum gewährt werden. Jeder Richtung wären Gotteshäuser zuzuweisen und die ihr entsprechenden Rabbinen, Prediger und Religiynslehrer einzusetzen. Hier in Berlin, wo Hildesheimer, Geiger und Holdheim gewirkt haben, hier ist der klassische Boden, wo die Gemeinde eine vorbildliche Mission zu erfüllen hat. Ihr liegt es ob, das erlösende Wort zu sprechen, indem sie alle drei Richtungen unter ihre Aegide nimmt. . Wir stehen nicht an, der . orthodoxen Partei die Aufsicht über die rituellen Anstalten allein zu überlassen, wie, wenn es nicht anders geht, ihr auch einen eigenen Friedhof einzuräumen, Die Mittelpartei möge im Mittelpunkt der-Gemeinde verbleiben und bestrebt sein, theoretisch zu klären und.praktisch sich zu entwickeln. Ihr genügt es heute, wenn sie den Gottesdienst verkürzen oder ein deutsches Gebet mehr dem Hebräischen einfügen kann. Aber schon an eine Aufhebung der biblisch gar nicht gebotenen zweiten Feiertage wird , sie in absehbarer Zeit kaum denken können. ' Wie steht es nun mit jenen Liberalen der Vereinigung, die über die Mittelpartei hinausgewachsen sind? Sollen sie denn nur für die anderen denken und handeln, für sich selbst aber und ihre Kinder auf so vieles verzichten? Wir muten ihnen nicht zu, sich bedingungslos, der Reformgemeinde anzuschließen und doppelte Beiträge zu leisten, aber wir richten an sie die brüderliche Aufforderung, mit uns gemeinsam dahin zu wirken, daß wir von der Gesamtgemeinde als integrierender Teil ausgenommen werden. Dann werden auch sie zu einem, exakten Reformjudentum gelangen, wenn ihnen die Möglichkeit geboten wird, innerhalb der Gesamtgemeinde mit uns vereinigt, das dritte Glied zu bilden. So handeln wir in historischem Geiste, so wird die Gesamtgemeinde einen neuen Aufschwung nehmen, und Friede und Eintracht wird endlich bei ihr einkehren. Ihr, liebe Brüder und Schwestern, die nichts von uns trennt, weder die Denkweise, noch die religiöse Lebenshaltung, die ihr uns näher steht als der Mittelpartei, wir reichen euch die Hand, stoßet uns nicht von euch! Wozu hier in Berlin einen neuen Kamps beginnen um Dinge, die bereits ausgekämpft sind! Wozu sich noch in Theorien und Allgemeinheiten ergehen, wo so viele für die Reform reif 'sind und. sich im stillen nach ihr sehnen! Geht mit uns eine Verbindung ein auf dem Grunde gemeinsamer Ideen, bildet mit uns das dritte Glied in der Gemeinde, und ihr werdet euch ein unsterbliches Verdienst erwerben, das Verdienst, in die Entwicklungsgeschichte des Judentums eine zeitgemäße Lösung gebracht zu haben. Srdrrsbrnd. Skizze von Sophie Haus. Hltz^in Vorfrühlingstag in der Jodenbreestraat in Amsterdam! Leuchtend, jedoch noch ohne wärmegebend zu sein, steht die Sonne am Himmel, und erhellt die breite Straße, sowie die umliegenden Seitengassen erbarmungslos bis in ihre tiefsten Ecken. Denn sie bringt gar manches ans Tageslicht, was dem Auge des Vorübergehenden besser.verborgen bliebe. Im Innern der Häuser ist das große Reinemachen, eingehend und streng so wie es der Ritus zum Osterfeste vorschreibt, beendet. Aber noch steht in hölzernen Kasten oder unbrauchbar erklärten Eimern der aus der Wohnung entfernte Unrat vör der Türe. Gleich wird die knarrende Rassel, der benachrichtigende Warnruf des städtischen Straßenreinigers, ertönen, der mit seinem großen Karren von Haus zu Haus ziehend, für die Wegräumung aller Abfälle sorgt. Und wenn dann die fünfte Mittagsstunde gekommen ist, mit welcher für heute aller Handel beendet sein muß, dann gewährt die geräumige Straße mit ihren hohen Häusern, von

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