Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- Seite 163 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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und opferfähiges Vorgehen, und was ihre Institutionen betraf, so konnte er sie wissenschaftlich rechtfertigen. Die Aufhebung der Zeremonien und speziell der Speisegesetze brauchte er kaum zu Proklamieren, denn er wollte nicht offZne Türen einrennen. Die meisten, neuzeitlich gesinnten Glaubensgenossen hatten sich selbst schon von ihnen emanzipiert und sie als „Küchenreligion" verworfen. Nur für jene, die ihre Unterlassung der Gesetzesübung auch wissenschaftlich begründet wissen wollten, chatte er die dahin gehenden Schriften verfaßt. Der Vermittlungsvorschlag, den Stein und nach ihm Wiener machten, die talmudisch-rabbinischen Speisegesetze von - den biblischen zu unterscheiden und nur die letzteren festzuhalten, dieser Vorschlag mochte allenfalls für das Haus annehmbar erscheinen, aber für das gesellschaftliche Leben reichte er nicht mehr aus. Da nun das Zeremonialgesetz zum größten Teil' dem Hause zugewiesen ist, so konnte auch Holdheim dem einzelnen überlassen, wie er sich zu dem einen und dem anderen Gesetze verhalten wolle. Ein sonst fortschrittlich gesinnter Geschichtsschreiber, der dieser kraftvollen Natur, weil sie revolutionär vorging, mit Antipathie entgegentrat, sagte von ihr: Seit Paulus von Tarsus hatte das Judentum nicht einen solchen inneren Feind erlebt, der dessen ganzen Bau bis auf die Grundfesten erschütterte. O nein! Holdheim hat nicht die Axt an das Judentum gelegt, denn Wurzel und Stamm waren ihm für alle Zeiten die biblischen Religionslehren und Sittengesetze. Er hat nur morsche Aeste und Zweige, an denen die Zeitenstürme rüttelten, vom Lebensbaum entfernt, so daß neue Triebe hervorgrünen konnten.' Als wir vor drei Jahren seinen hundertsten Geburtstag begingen, vernahm man draußen wenig von ihm, außer in Amerika. Noch immer vermeidet man so ängstlich den Namen Holdheim zu nennen, und doch war er einer der Großen, er war nur seinerzeit um ein Jahrhundert vorausgeeilt. Wir geben zu, daß er in manchen Punkten, von falschen Voraussetzungen geleitet, sich überstürzt hat und dadurch zu Fehlgriffen gekommen ist, aber er stand ja mitten im heftigsten . Kampfgewühl, er mußte viel zerstören, um neu aufbauen zu können; unsere Aufgabe ist eine andere geworden: wir haben nur noch zu bauen und zu bessern, und unser Schaffensgebiet beschränkt sich auf Gotteshaus und Schule. Welche Gestaltung erhielt das Judentum in der Reform- . gemeinde? Unser Leitmotiv ist: historische Entwicklung des Judentums, aber auch Zusammenhang mit der Gesamtjudenheit! Verbinden uns doch so vielfache gemeinsame Interessen nicht nur wissenschaftlicher, sondern auch zivilisatorischer und humanitärer Art, nicht zuletzt die der Abwehr gegen feindliche Angriffe. Den ewigen Gehalt des Judentums in Glaubenslehre und Sittlichkeitsgesetz auszuprägen, das religiöse Bedürfnis nach Erbauung und Belehrung in zeitgemäßer Form zu befriedigen, den Religionsunterricht in einer den Zeitverhältnissen angemessenen Art zu erteilen und durch die Feiertage die Vergangenheit in einer Weise festzuhalten, daß sie den Weg ebnen zu einer hehren Zukunft im Sinne der Propheten — das ist wohl in großen Zügen das Werk, das die Reformgemeinde geleistet hat. Selbst die persönliche Religion, von der man heute so viel spricht, wir pflegen sie auf dem Boden der israelitischen Gemeinschaft, denn das Judentum ist uns nicht bloß eine Institution, es ist uns eine Lebensmacht, und das Aufflammen des jüdischen Herzens offenbart sich uns am treuesten in der Gemeinschaft. \ Es ist klar, daß auch die Reformgemeinde in der praktischen Ausgestaltung mehrere Stationen zurückzulegen hatte. Denken wir zunächst an den Kultus. Wie viele Bearbeitungen des Gebetbuches mußten vorangehen, ehe wir den Aufbau wieder gewannen, wie er in Siddur und Machsor vor uns steht! Was uns seit zwei Jahrtausenden geschenkt wurde, das haben wir zum lebendigsten Religionsbuch gestaltet. Wenn wir sonst keine Lehrmittel hätten, wir könnten unser Gebetbuch zum Leitfaden nehmen für den Religionsunterricht. Um eine verständnisinnige Andacht zu ermöglichen, ist es in unserer Muttersprache gehalten. Nur wenige Sätze, die die Höhepunkte des Kultus bilden, haben wir in der Ursprache beibehalten, wie das Schema, die Keduschah und das Kaddisch. Im übrigen hat nur der Vorbeter, wie es der sefardische Ritus vorschreibt, das Gemeindegebet vorzutragen, und die Gemeinde hat die einzelnen Benediktionen nur mit Amen zu bestätigen. Im Mittelpunkt des kurzen Gottesdienstes aber steht die Predigt. Kein Gottesdienst ohne das belehrende Gotteswort, das sich zumeist auf einem aus der Thora vorgelesenen Abschnitt aufbaut. ''In der Schule wird die ganze Religionsgeschichte zur Darstellung gebracht, um das Verständnis für die Entwicklung und den gegenwärtigen Stand des religiösen Lebens zu erschließen. Konnte doch mein Lehrbuch der Jüdischen Geschichte und Literatur.von allen Parteien anerkannt und zur Einführung empfohlen werden, da es nach der geschichtlichen Gerechtigkeit eine objektive Darstellung einschließlich der Reform geboten hat. Trotzdem ist die Reformgemeinde von Vorwürfen nicht verschont geblieben. Daß wir unbedeckten Hauptes beten, daß wir'die Frauen den Männern gleich gestellt und sie nicht allein aus die Gallerien gewiesen haben, solche Vorwürfe werden wir wohl kaum ernst nehmen, wenn sie von Männern kommen, die sich über das ganze Zeremonialgesetz hinweggesetzt haben und es kurzweg als orientalisch abfertigen. Daß wir ein Gebetbuch von geringem Umfange besitzen, darüber dürften am wenigsten jene spotten, die ihren starken Band verschämt in Zeitungspapier wickeln. Aber nun folgt der schwerste Vorwurf: wir hätten den Sabbat abgeschafft. Wir wollen nicht hervorheben, daß ursprünglich nicht nur am Sonntag, sondern auch am Sabbat eiw Gottesdienst abgehalten wurde, aber, was wir betonen müssen, das ist, wir haben uns nicht von der Hauptgemeinde losgelöst, obgleich wir dadurch zweifache Beiträge zu entrichten haben.. In den Gemeindesynagogen findet für die Gesamtheit eine Feier statt, also auch für uns, und wenn wir daneben einen Sonntagsgottesdienst pflegen, so haben wir nur der Gesamtgemeinde einen Dienst erwiesen, indem wir allen denen, die am Sabbat verhindert sind, am Sonntag ermöglichen, Geist und Gemüt zu erheben und zu erbauen. Ja, wären wir eine selbständige Gemeinde ohne Zusammenhang mit der Hauptgemeinde, und hätten wir ausschließlich eine Sonntagsfeier eingerichtet, dann allerdings träfe uns der Vorwurf vernichtend, weil wir das Band mit Gesamtisrael gelockert hätten, das den Sabbat als ein ewiges Bundeszeichen zwischen Gott und Israel betrachtet. In Amerika, wo die Gesinnungsgenossen abgegrenzte Gemeinden bilden, blieb denn auch neben dem Sonntagsgottesdienst der Sabbat intakt, und so geschah es auch jüngst in Paris, wo sich eine Reformgemeinde -gebildet hat. Die Trennung von Kirche und Staat ermöglichte ihr, eine selbständige Gemeinde zu werden, und da in einer selbständigen Gemeinde der Sabbat unumgänglich ist, hat sie. ihn neben dem eingeführten Sonntagsgottesdienste beibehalten.