Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Vorsitzender der Veranlagungskommission und in der Baukommission, und im Schulvorstand, hervorragend tätigt Meine Herren! Kurz in -seinen Worten, knapp in seinen Reden, energisch in seinem TÜnklar und weitschauend in seinem Blick, hat er zu den Leuten gehörtdie geboren sind zur Leitung und Mitarbeit in einergrößeren Verwaltung. Was ihn besonders auszeichnete, war, daß er auch trotz - alledem für andere Meinungen zugänglich war. Daß ihm feine juristischen Kenntnisse besonders nützlich bei der Verwaltung gewesen sind, ist noch ein besonderer Vorzug, den wir an diesem verdienten Mann gehabt haben. Er ist dahin! Wir müssen ohne ihn suchen weiter zu arbeiten. Hoffen wir, daß wir Männer finden werden, die in seinem Sinne bereit sind, an dem Gedeihen unserer großen Gemeinde mitzuwirken. Ich bin sicher, daß wir alle diesem verdienten Mitarbeiter, diesem treuen Manne und guten Juden ein ehrendes Andenken über das Grab hinaus bewahren werden." Schmerzlich bewegt erwiderte der greise Vorsitzende des Gemeindevorstandes mit folgenden Worten: „Der Herr Vorsitzende der Repräsentanten-Versammlung hat unseres verstorbenen Kollegen rühmend gedacht. Wir danken ihm herzlich dafür. Unter den Vorzügen, die der Verstorbene besaß' war es besonders die hervorragende Ruhe, mit welcher er alle die Dinge behandelte, die ihm entgegentraten. Bei den schwierigsten Problemen kannte er keine Aufregung, mit größter Ruhe hat er alle Arbeiten behandelt, und die größten Erfolge, die er hatte, verdankte er dieser wunderbaren Eigenschaft. Die Mitglieder des Gemeinde- . Vorstandes haben einen schweren, großen Verlust erlitten. Wir werden noch lange, lange ihn entbehren müssen, und wir werden daran zu denken haben, was uns fehlt. Das ist die . sicherste Bürgschaft, daß wir ihn in steter Erinnerung halten. Man pflegt so häufig Menschen erst nach ihrem Tode richtig zu würdigen. Meine Herren!- Dieser Kollege ist bei Lebzeiten von uns in voller Weise gewürdigt worden; erhöhen können wir unseren Beifall für seine Taten nicht; aber jedenfalls haben wir alle Ursache, uns für lange Zeit seiner zu erinnern. Ich danke Ihnen , nochmals für die warme Anteilnahme, die Sie durch Ihre Worte dem Vorstande erwiesen haben." Der „Verband der Deutschen Juden" wurde vor fünf Jahren gegründet zur Vertretung aller den Juden im Deutschen Reiche gemeinsamen Interessen. Der Vorsitzende einer solchen großen Vereinigung zu sein, ist gewiß auch keine leichte Aufgabe. Aber alle, die den Frankfurter Judentag im Herbst 1907 mitgemacht, waren der Ueberzeugung, daß die Wahl keinen Geeigneteren treffen konnte, als Justizrat Lachmann. Alle erinnern sich gewiß heute unter dem Eindruck der Trauerbotschaft, mit welcher Energie und Besonnenheit, mit welcher zielbewußten Klarheit und Ruhe der Verstorbene jene Verhandlungen geleitet und durch alle Fährnisse mit fester Hand zu jenem guten Ende geführt hat, dessen Eindruck für alle Teilnehmer ein unvergeßlicher bleiben wird. Der Jewish Golonizätion Association (JCA) gehörte Justizrat Lachmann als Vertreter der Berliner Gemeinde seit 1896 an. Diese Institution hat bekanntlich die große und schwere Aufgabe, den Fonds, den Baron Hirsch seinerzeit zur Begründung von Kolonien für die Juden des Ostens hinterlassen, angemessen zu verwalten. Was Justizrat Lachmann da geleistet, wird , einst die Geschichte der JCA zu verzeichnen haben. Wir begnügen uns für heute, darauf hinzuweisen, daß er auch hier die schwerste Zeit der Verwaltung mitgemacht und durch seine praktische Erfahrung manches Schlechte verhindert und viel Gutes geschaffen hat. Ohne irgend einer der Tendenzen zu folgen, die sich in dem Ausschuß geltend machten, ging er unbeirrt und gerade auf das Ziel los, das er im Sinne des Stifters für das richtige von vornherein gehalten hat. Denn er war ein aufrechter Mann. Von tief religiösem Empfinden — ein Erbteil seiner alten und frommen Familie, vor allem seines Vaters, des Geheimrats Salomon Lachmann seligen Angedenkens — von Geradheit der Gesinnung, von Klarheit des Urteils, von einem starken Pflichtgefühl und von Energie des Handelns. Mit solchen Eigenschaften war der in der Blüte der Manneskraft Dahingegangene wohl berufen, eine führende Stelle einzunehmen. Und zwar nicht nur in dem obengeschilderten, sondern auch in dem Kreise, in den er durch die Wahl seines Lebensberufes gestellt war, und in dem er durch die Ehrenhaftigkeit seineß Charakters, durch Verstand und Fleiß, durch Rat und Kraft eine nicht minder hervorragende Stellung eingenommen hat. Es mag als der höchste Rühm des Mannes gelten, wenn man ihm nachsagen darf, er hat seinen Platz voll ausgefüllt im Leben — und wenn auch nicht einer dagegen Widerspruch erheben kann. Feiger Gedanken bängliches Schwanken war ihm fremd und fern; ängstliches Klagen kannte er nicht. Er ging ruhig und sicher seines Weges durch das Leben und hielt es eher mit dein Gebot des Dichters: Allen Gewalten Zum Trotz sich erhallen, Nimmer sich beugen, Kräftig sich zeigen, ' Rufet die Arme Des Himmels herbei. Und so blieb er,' bis sein Tag zur Neige ging. Viel zu früh für ihn, wie für uns. Denn die Zahl der Männer ist in unserem Kreise sehr klein, die trotz der schweren Arbeit in ihrem Berufe oder Geschäft noch Zeit und Lust haben, eine fast ebenso große Arbeit den Angelegenheiten der Gesamtheit zu widmen, und die mitdem festen Charakter ben festen Willen, mit dem Wissen das Können verbinden, um eine solche Arbeit auch wirklich zum Nutzen dieser Gesamtheit leisten zu können. Edmund Lachmann war eine solche Persönlichkeit. Und darnn^ wird die Erinnerung an sein Wirken und Schaffen nicht' so' leicht aus dem Gedächtnis der Mitlebenden schwinden. „Was vergangen, kehrt nicht wieder — Aber ging es leuchtend nieder — Leuchtet's lange noch zurück!" _ > ■ Die Nrkormbewrgung im Judentum. Ein Vortrag. Von Dr. M. Levin. elcher Gedanke beherrscht heute jede wissenschaftliche Betrachtung? Es ist der Gedanke der Entwicklung. Man untersucht, wie etwas von innen heraus geworden, zugleich aber auch den Zusammenhang mit der Außenwelt und Umgebung; man sucht feftzustellen, welche Anregungen, welche Einflüsse bestimmend waren, welche Bedürfnisse, welche Forderungen sich aus den Zeitverhältnissen hervordrängten, und welche Mächte schließlich den Ausschlag gaben. Die historisch-kritische Methode gewährt uns einen Einblick in das Getriebe der Entwicklung: Aktion und Reaktion, Ausbau und Beschränkung, Aufhebung und Abänderung, Umbildung und Neugestaltung. Wie bei der Naturforschung, wie auf dem politischen und sozialen Gebiete, wie auf allen Gebieten des Geisteslebens und der Kunst können wir uns auch auf dem religiösen Gebiete vor der genetischen Methode nicht mehr verschließen. Auch im Judentum werden wir von seinem Ursprung an bis zur Gegenwart den Entwicklungsgedanken zu verfolgen haben. Gewöhnlich steht der Kultus im Mittelpunkt des religiösen Lebens, weil er am meisten geeignet ist, um das Volk ein einigendes Band zu schlingen. So ist schließlich der ,1 , * V t - ' ^i.V, ji-ilr.iAäSsJfe