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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-04-02 · Heft 14 (2.4.1909) · p. Seite 159

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 14 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
Seite 159 (sequence 3)
Language
German
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daß Sie ungerecht sind, daß' Sie lügen und das russische Volk verleumden; die russische Konstitution wurde nicht von Juden, sondern vom ganzen russischen Volke erobert. Wenn Sie die Juden deshalb beschuldigen, daß sie sich der revolutionären Bewegung angeschlossen, so bestreiten wir dies nicht, und habe ich schon einmal darauf hingewiesen, daß ein Teil der indischen Jugend sich deshalb der Revolution angeschlossen habe, weil man diese aus den Lehranstalten hinausgejagt hat. Ich gebe zu, daß die ganze jüdische Masse der Revolution Aufmerksamkeit schenkte, nicht deshalb, um die Gleichberechtigung zu erringen, sondern weil Sie dieselbe in eine verzweifelte Lage, der größten Rechtlosigkeit versetzten. Warum wunderten Sie sich auch, nach allem diesen, daß, da. zu den russischen Meeren ein neues Meer jüdischer Tränen und jüdischen Blutes hinzugefügt wurde, der Moment eintrat, wo dieses Meer sich bewegte und ans den Ufern trat. Der Deputierte Markow sprach den Wunsch aus, daß die russische Regierung in der Zukunft sich nicht mehr der Dienste des Juden Azew bedienen solle; ich schließe mich diesem. Wunsche an, und wir bedauern aus ganzer Seele, daß der Povokator Azew ein Jude gewesen. Auf der Provokation waren aber auch alle jüdische Pogrome begründet, und daß die'Schuldigen vieler Pogrome, darunter auch des Sedlcer, bis jetzt nicht zur Verantwortung gezogen wurden, fällt ausschließlich der Regierung zur Last. * Ueber den am 19. d. M. stattgehabten Empfang des Ehacham Baschi beim Sultan wird dem Deutschen Bureau der Alliance Isra6lite Universelle aus Konstantinopel berichtet: 21. März 1909. Um 12 Uhr mittags fuhren drei kaiserliche Hoswagen vor dem Hause des Chacham Baschi in Pera vor, um ihn nach dem Jildis- Palais abzuholeu, wo der Empfang unmittelbar nach dem Selamlik stattfinden sollte. Ter Chacham Baschi wurde , vom Zeremonienmeister Talaat Bej und von dem ersten Kapukehaja abgeholt. Der letztere überreichte um 1 Uhr dem Chacham Baschi eine schriftliche Einladung des Sultans, woraufhin der Chacham Baschi sich sofort ans'den Weg über Galata nach dein Jildis begab. Im ersten Galawagen nahmen der Chacham Baschi und Talaat Bej und ihnen gegenüber der erste Kapukehaja Platz. Im zweiten Wagen saßen die beiden Vizepräsidenten des religiösen Rats und im dritten Wagen der Präsident und Vizepräsident des Nationalen Rats. Die Wagen wurden begleitet. Im Palais wurde der Chacham Baschi vom Oberzeremonienmeister Ghalib Pascha und vom Kammerherrn Nury Pascha empfangen, die ihn zum Sultan führten. Die Sonderaudienz dauerte eine Viertelstunde; dabei äußerte sich der Sultan wörtlich folgendermaßen: „Ich bin bereits über Ihre Gelehrsamkeit und Klugheit unterrichtet, deshalb freue ich mich, Sie jetzt mit eigenen Augen zu sehen. Ich freue mich weiter, aus Ihrem Munde von der Treue und Ergebenheit meiner jüdischen Untertanen Mitteilung zu erhalten. Mit Vergnügen höre ich, daß Sie sehr gut türkisch sprechen. Ich wünsche Ihnen, daß Sie viele Jahre gesund imb glücklich den Posten, auf den Sie jetzt gestellt sind, verwalten." Mit einem kurzen Danke des Chacham Baschi auf diese Worte des Sultans war die Audienz beendet, und die Heimkehr fand in derselben Weise statt, wie die Hinfahrt, nur daß die Rückkehr über Pera erfolgte. * Die nationalen Gegensätze der im türkischen Reiche vereinten Völker, welche im ersten konstitutionellen Verbrüderungstaumel begraben schienen, beginnen bereits sich von neuem zu regen, noch bevor das junge Parlament in das Stadium gesetzgeberischer Tätigkeit getreten ist: Zwei Interessengruppen sind es, deren Zwistigkeiten den Freunden eines einigen osmanischen Reiches noch manche Nuß zu knacken geben mögen: auf der einen Seite jene Völkerschaften, die entweder nach eigener nationaler-Autonomie und Loslösung von der Türkei. streben oder ihre partikularistischen Bestrebungen in Anlehnung an ein nichttürkisches Mutterland zu verwirklichen trachten und anderseits jene Völker, die ihr Heil im Wöhle, des gemeinsamen osmanischen Reiches sehen und entschlossen sind, nach besten Kräften an der Wahrung der Reichseinheit, mitzuwirken. In Saloniki haben sich nun zum erstenmal die Griechen, im Kampfe gegen die komiteetreuen Juden des modernen Kampfmittels, des wirtschaftlichen Boykotts bedient, selbstverständlich nicht, ohne auf jüdischer. Seite Gegenmaßregeln hervorzurufen. Bilden die Juden auch die Majorität der Salonikier Bevölkerung, so macht der Rückhalt, den die Griechen in ihrem eigenen Mutterlande finden, dieselben doch zu gefährlichen Gegnern. Die Sympathien der Jungtürken befinden sich in diesem Kampfe natürlich auf seiten der Juden und finden in den Preßorganen der Regierung lebhaften Ausdruck. Wie verlautet, sind die angesehenen Juden Salonikis damit beschäftigt, ein eigenes Bankinstitut ins Leben zu rufen. , IultiZrst Sr. lEömunÖ Fachmann. Berlin, 28. Mürz. JJ2inen schweren Verlust hat die Judenheit in diesen Tagen erlitten: Justizrat Lachmann, der Vorsitzende des „Verbandes der Deutschen Juden", der zweite Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zu Berlin, das Mitglied des Vorstandes der ^Jewisli Colonization Association“ ist am 27. d. M. im 56. Lebensjahre gestorben. Es genügt schon, diese drei verschiedenen Institutionen hervorzuheben, um den Verlust, den wir zu beklagen haben, würdigen zu können. Aber diese Würdigung ist erst dann eine vollständige, wenn man erfährt, was der uns so plötzlich Entrissene in diesen verschiedenen Zweigen seiner ehrenamtlichen Tätigkeit geleistet und geschaffen hat. Im Vorstand der Berliner Gemeinde war Dr. Edmund Lachmann seit 20 Jahren unermüdlich und unverdrossen tätig. Eine solche Arbeit ist wahrlich keine Sinekure;-sie erfordert eine Hingabe und einen Fleiß, den keine Mühe bleicht, und den doch wenige würdigen können, weil ihnen die Fülle der Arbeit und der Aufgaben, die der Vorstand der Gemeinde zu bewältigen hat, gar nicht bekannt sein kann. Und die Jahre, in denen Lachmann dem Vorstand angehörte, waren gerade die schwersten und aufreibendsten, weil die wichtigsten Fragen der Organisation und Reorganisation aus der Tagesordnung standen. Hier war sein Einfluß und seine ruhige Sicherheit von großer Bedeutung. Doch hören wir, was die kompetentsten Beurteiler gerade dieser Tätigkeit, der Vorsitzende der Repräsentanten-Versammlung der jüdischen Gemeinde, der Stadtverordnete Herr Louis Sachs, und der Vorsteher Herr Julius Jacoby in der gestrigen Sitzung darüber zu sagen hatten. Zunächst , der erstere: „Die Gemeindeverwaltung, insbesondere der Vorstand, der Gemeinde hat einen schmerzlichen, fast unersetzlichen Verlust erlitten. Justizrat Dr. Edmund Lach mann ist gestern früh an den Folgen eines ihm zugestoßenen Unfalls nach einem schweren Schmerzenslager verschieden. Verschieden in einem Alter von 56 Jahren, also noch in der besten, rüstigsten Mannesfrische, wo wir wohl das Recht hatten, noch große Hoffnungen aus ihn für die Zukunft zu sehen. Sie wissen ja auch, daß er weit über unsere Verwaltung hinaus sich der Interessen der Judenheit der ganzen deutschen jüdischen Welt angenommen und als Führer sich bewährt hat. Meine Herren! Justizrat Lachmann war seit dem Jahre 1890, also 19 Jahre hindurch Mitglied des Gemeindevorstandes, seit dem Jahre 1901 erster Stellvertreter des Vorsitzenden; er hat in.den verschiedensten Verwaltung? zweigen Erspießliches geleistet, fleißig und tüchtig gearbeitet, er war

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