Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Betätigung sämtlicher Gesellschaftsklassen der hiesigen Gemeindealle gesellschaftlichen Rangunterschiede und 'Vorurteile beseitige und somit einigend veredelnd wirke. Der Redner schloß mit einem Hoch auf das fernere Gedeihen des Synagogenchor-Vereins; das mit Begeisterung ausgenommen wurde. Der ernste Eindruck dieser Ansprache wurde durch den Vortrag des Psalms 116 von Joseph Weiß vertieft, den die aktiven Mitglieder des Synagogenchor-Vereins boten. Rauschender Beifall folgte der klangschönen Wiedergabe des '' schwierigen Chorwerkes. Im weiteren Verlause der Festlichkeit wurden Salogesänge von Frau Wertheimer und Frau Weißkopf, Herrn Kantor Goldberg und Herrn Dr. Götz vorgetragen, worauf ein aus acht Damen des Chorvereins in Kostümen der Rokokozeit vorzüglich getanztes Uenustt L1a reine den Schluß der Darbietungen bildete. Danach begann das Tanzvergnügen. Bei der Kaffeepause begrüßte der Vorsitzende des Synagogenchor-Vereins Herr Max Grünberg, die Gäste und passiven Mitglieder, besonders aber Herrn Rabbiner Dr. Fuchs mit warmen Worten. Dieser erwiderte die Begrüßung mit verbindlichstem Danke und hielt dann, an die Worte des 116. Psalms anschließend: „Ich war gering und er half mir" eine kurze Ansprache, die in sinniger Weise auf die Vorbedingungen freundschaftlicher Beziehungen zwischen Rabbiner und Shnagogenchor hinwies und mit einem Hoch auf das fernere Blühen des Synagogenchor-Vereins schloß. Die nun folgenden geistreichen Ansprachen der Herren Gemeindeverordneten M. Frankel und F. Frank unterhielten die Zuhörer und erfreuten durch die gemeinsame Anerkennung für die Tätigkeit des Synagogenchor- Vereins und seiner Leiter, des musikalischen Leiters, Herrn Kantor Goldberg, und des 1. Vorsitzenden, Herrn M. Grünberg. Diesen Herren wurde auch noch besonderer Dank namens der aktiven Mitglieder des Chorvereins von Herrn Lehrer Sommerfeld ausgesprochen. Das Fest verlief in fröhlichster Stimmung. — Hamburg, 19. März.. Die Gesellschaft für jüdische Volkskunde hielt ihre Generalversammlung ab. Auch im letzten Jahre haben die Sammlungen der Gesellschaft durch wertvolle Schenkungen und Ankäufe eine wesentliche Erweiterung erfahren. Ein großer Teil der Sammlungen wurde am 29. November, sowie am 6. und 8. Dezember einem größeren Publikum zugänglich gemacht, das die Ausstellung unter fachkundiger Führung mit lebhaftem Interesse in Augenschein nahm. Aber auch außerhalb dieser Zeit wurden die Sammlungen von Auswärtigen besichtigt und einzelne Stücke der Bibliothek und des Museums an Gelehrte zu Studienzwecken verliehen. Das Organ der Gesellschaft, die „Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde", deren Herausgabe von 1909 ab mit 700 Mark subventioniert wird, fand auch im letzten Jahre den Beifall der Fachgelehrten und der Freunde der Volkskunde. Mitglieder der Gesellschaft sind zurzeit 315 Einzelpersonen und sieben wissenschaftliche Korporationen. Nach dem Kassenberichte, den Herr Leibowitz in dankenswerter Ausführlichkeit erstattete, hat sich die Finanzlage der Gesellschaft wesentlich gefestigt. Der Mitgliedsbeitrag wurde für 1909 auf vier Mark festgesetzt. Die Herren Dr. Fink und Emil Heckscher wurden in den Vorstand der Gesellschaft gewählt. — München, 18. März. Hiesige Blätter bringen interessante Berichte über den Verlaus der nun glücklich beendigten Expedition des Forschungsreisenden Professor Dr. Merzbacher. Die Arbeiten des ersten Expeditionsjahres waren mehr der Erforschung der großen, den östlichen zentralen Tian-Schan entwässernden Stromgebiete gewidmet. Im darauffolgenden Jahre 1908 aber wurde das Forschungsgebiet ganz und gar in die noch so wenig bekannten Ketten des östlichen Tian-Schan verlegt, und zwar wurden dort zunächst die schon ihrer Gestalt nach &e*n Geologen und Morphologen besondere Probleme bietenden Buldus-Täler durchwandert und auf die Südseite übergegangen, wo die Expedition ungefähr anfangs Mai 1908 an dem Ufer des großen Randsees Bagratsch-kul anlangte. Im letzten Expeditionsjahre wurde fast nur unbetretenes oder noch ungenügend durchforschtes Gebiet durchreist und nicht nur eine eingehende Kenntnis des Baues des östlichen Tian-Schan gewonnen, sondern auch reiche geologische, paläontologische, zoologische und botanische Sammlungen heimgebracht, die Professor Merzbacher Wohl zum größten Teile zur Vermehrung der wissenschaftlichen Schätze der Akademie der Wissenschaften verwenden wird. n. Schweinfurt, 15. März. Am Ende v. I. hatte bei Gelegenheit der Beratung eines neuen Ortsstatuts für die Sonntagsruhe der Fabrikant Jacob Ullmann hier sich an die beiden städtischen Kollegien mit einer Eingabe gewandtes möge den Inhabern solcher jüdischer Engros-Geschäfte, die nachweislich am Sabbat und jüdischen Feiertagen geschlossen, sind und demgemäß ihrem jüdischen Personal mindestens 24 Stunden Ruhe in jeder Woche gewähren, gestattet sein, auch nach Inkrafttreten des neuen Ortsftatuts ihr jüdisches Personal — und zwar nur dieses — bei geschlossenem Laden in Kontor und Lager während fünf Stunden arbeiten zu lassen, während das neue Ortsstatut nur eine Arbeitszeit von einer Stunde für alle Geschäfte zuläßt. Der ganz außerordentlich warmen und energischen Befürwortung unseres ersten Kultusvorstandes Herr Kommerzienrat Heimann in seiner Eigenschaft als Magistratsrat war es zu verdanken, daß der Magistrat mit großer Majorität eine im ganzen vierstündige Arbeitszeit für die in Frage stehende Geschäfte beschloß, trotzdem eine Umfrage in andern bayerischen Städten in dem Sinne, ob man dort eine derartige Ausnahmebestimmung getroffen habe, mit Ausnahme von München ein negatives Resultat ergeben hatte. Das Gemeindekollegium in seiner Sitzung vom 8. Dezember trat dem Beschluß des Magistrats bei einem Stimmenverhältnis von 15 zu 13 nicht bei. Damit war die Angelegenheit vorläufig zur unerfreulichen Ruhe gekommen. Es ist nun wiederum das Verdienst des ersten Kultusvorstandes, daß die Sache wieder in Fluß gebracht wurde. Für die Ablehnung im Gemeindekollegium war wesentlich das negative Ergebnis der oben erwähnten Umfrage schuld, indem man den Nachdruck darauf legte, man habe nicht nötig, gerade hier Ausnahmen zuzulassen, die, München abgerechnet, nirgends sonst konzeriert seien. Mit Rücksicht hierauf veranstaltete die Kultusverwaltung zusammen mit dem Distrikts-Rabbinat ihrerseits eine Enquete, die das Ergebnis zeitigte, daß die Anfrage des Magistrats zurzeit unzutreffend gestellt war> indem tatsächlich in fast allen größeren bayerischen Städten eine Veranlassung zu Ausnahmen bisher gar nicht gegeben war, da dort, wo eine Neuregelung der Sonntagsruhe nicht erfolgt ist, alle Geschäfte, christliche wie jüdische, eine Reihe von Stunden, die zwischen drei bis fünf variiert, arbeiten dürfen. Auf Grund dieser Feststellung richtete nun die Kultusverwaltung ihrerseits im Interesse aller in Frage kommenden Geschäftsinhaber von neuem das diesbezügliche Gesuch an die städtischen Kollegien, indem sie ganz besonders auch darauf hinwies, daß die in Frage stehende Forderung auch an den höchsten Stellen als eine gerechtfertigte empfunden wird, wie dies die diesbezüglichen Entschließungen des bayerischen und badischen Ministeriums bewiesen. Die Begründung dieses Gesuches, unterstützt durch persönliche Aufklärung der Gemeindebevollmächtigten, führte zu dem nicht nur für unsere Stadt, sondern auch im Interesse der Frage der Sabbatheiligung im allgemeinen mit großer Freude zu begrüßenden Resultat, daß in der Vorwoche der Magistrat erneut mit allen gegen 3 Stimmen, das Gemeindekollegium mit 21 gegen 6 Stimmen die geforderte Ausnahmebestimmung zum Beschluß erhob. Zweifellos wird dieser Beschluß die Billigung der Königlichen Kreisregierung erhalten, deren Stellungnahme durch die Entschließung des Königlichen Staatsministeriums vorgezeichnet ist. Wir wünschen, daß das hiesige Beispiel auch an anderen Orten Nachahmung finden und ein für die Sabbatheiligung günstiges Resultat zeitigen helfen möge. Es verdient besonders hervorgehoben zu werden, daß Herr Kommerzienrat ^Heimann, obwohl er selbst auf religiös-liberalem Standpunkt steht, in anerkennenswertem Gerechtigkeitssinn sich für die Forderung seiner orthodoxen Gemeindemitglieder mit aller Energie einsetzte, ein Beispiel, das gewiß zur Nachahmung empfohlen werden kann. .Aber auch auf eine recht bedauerliche Erfahrung im Verfolg dieser Angelegenheit müssen wir mit aufrichtiger Betrübnis Hinweisen. Wie sich nachträglich herausstellte, hatten vor der erstmaligen Beratung drei jüdische Angestellte an den Stimmführer der kleinen sozialdemokratischen Fraktion sich mit dem im» glaublichen Ansinnen gewandt, dieselbe möge sich für die Ablehnung der geforderten Ausnahmebestimmung einsetzen. Es soll mit Genugtuung konstatiert werden,. daß dieses Vorgehen bei allen rechtlich Denkenden einstimmige Verurteilung gefunden hat.