Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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‘ OesterreLch-Ungsm. M Wien, 22. März. .Die Kriegsfurcht drängt jetzt' hier jede wandere-Erwägung zuvüÄ.. .Sonst hätte es nicht unbeachtet bleiben können, daß Oesterreich abermals ein Novuni' äufzüweisen hat, nämlich ein antisemitisches Parlamentspräsidium.. Der Präsident des Abgeordnetenhauses, der hinlänglich bekannte Dr. Pattai« ist christlich-sozialer und der Vizepräsident Dr. Steinwender deutsch, nationaler Antisemit. Es. ist ein Glück, daß dies Herren gerade in diesen Stellungen keinen besonderen Schaden anrichten können. — Wie ich Ihnen seinerzeit mitgeteilt, hat der hiesige Advokat Dr. F. Elbogen im. Namen der Mutter desselben ebenfalls ein Gnadengesuch für Leopold Hilsner eingereicht, das nun auch, abgelehnt worden ist. Dieselbe zählte ungefähr 30 000 Unterschriften, die allen Beruss¬ und Gesellfchastsschichten angehören. In dieser Woche erhielt Dr. Elbogen von dem Kreisgericht Pisek den Beschluß zugeteilt, laut welchem dasselbe das Gnadengesuch dev Mutter Hilsners, welches ihm vom Justrzministerium zur Amtshandlung abgetreten wurde, zurückgewiesen hat, „weil keine wichtigen Gründe für die nachgesuchte gnadenweise -Nachsicht dieser Strafe vorliegend Dr. Elbogen gedenkt nunmehr, aus Grund inzwischen erlangten neuen bedeutungsvollen Materials an die Oberstaatsanwaltschast ein Gesuch um Wiederaufnahme des i Strafverfahrens zu richten. — Interessant ist es, daß in Böhmen sowohl das Prager jüdische Organ „Selbstwehr", wie das tschechisch-jüdische -Blatt „Rornch" konfisziert wurden, weil sie einen Aufsatz aus der Feder ß des obengenannten Verteidigers über, den Prozeß Hilsner gebracht haben. — Am 14. d. M. ist hier der angesehene Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Ludwig Kunwald, ein Schwiegersohn Leopold Komperts, seligen Andenkens, im 74. Lebensjahre gestorben. Kunwald war Generalsekretär des Vereins gegen Verarmung und Bettelei, Vorstandsmitglied des Wiener Zweigvereins der Deutschen Schiller- Stiftung, Kurator der Kaiser Franz Josef I.-Jubiläums-Stiftung für Volkswohnungen und Wohlfahrtseinrichtungen und vieler anderer .gemeinnütziger Institutionen. — Ein Berliner Agrarierblatt brachte in der vorigen Woche die sensationelle Meldung, daß „in Ungarn der ehrwürdige alte Kaiser Franz Josef fortgesetzt damit geärgert wird-daß man ihm die.Verlängerung der Jägdpacht von Gödöllö zu versagen droht," und daß dies „eine Gepflogenheit ungarischer Juden"' sei. Es soll aber ausdrücklich hier konstatiert werden, daß kein Jude mit dieser Angelegenheit auch nur das Geringste und Entfernteste zü tun hat. Von Kah und jfern. — Der Kaiser stattete am 22. d. M. nachmittag 4 Uhr Herrn James Simon in dessen Hause in der Tiergartenstraße einen zweistündigen Besuch ab und nahmdie künstlerischen Neuerwerbungen, die in Gemälden von Franz Hals und anderen Meistern und in alten Holzschnitzereien bestehen, in Augenschein. — Am 16, d. M. beging Herr Julius Rotholz, der Schwiegervater des Justizrats Fedor Stern, seinen 90. Geburtstag und überwies aus diesem Anlaß dem Hospital der -jüdischen Gemeinde den Betrag von 10 000 Mark. — Der in vor. Nr. mitgeteilte/Aufruf zur Errichtung einer Anstalt für jüdische Blinde aus dem Deutschen Reiche hatte den erfreulichen Erfolg, daß bereits tauseyd Mitglieder dem Verein beigetreten sind. — Dem Kommerziesirat Julius Goldschmidt ist vom Großherzog von Mecklenburg-Schwerin das Ehrenkreuz des. Großherzoglich Mecklenburgischen Greifenordens verliehen worden.. — Der Seelenzahl wie den Zensiten nach folgen die jüdischen Groß-Gemeinden in nachstehender Weise auseinander: Berlin, Hamburg, Frankfurt a. M., Breslau, Köln, München, Nürnberg, Leipzig, Mannheim, Posen, Königsberg, Stuttgart, Hannover, Dresden, Danzig, Karlsruhe. — Am 14. d. M. ist hier der Justizrat Dr. Simon Hirsekorn im 56. Lebensjahre gestorben. — Der Gemeindesekretär Hoffmann in Hannover, dessen 40jähriges Amtsjubiläum vor etwa einem Jahre unter Beteiligung der Verwaltung und der ganzen Gemeinde gefeiert wurde, beging am 18. d. M. seinen i7;0. Geburtstag und gleichzeitig sein 50jähriges Lehrerjubiläum. Von öiner Feier ist aus Wunsch des Jubilars Ahstand. genommen worden.;-=- Der Oberpräsident hat die von der jüdischen- Gemeinde G öttin gen kürzlich vorgenommene Wohl von Repräsentanten für ' ungültig erklärt-wett Ausländer an dev Wahl teilgenommen hätten,—- Rektor Josef F einer in Hamburg, feierte in diesen.Tagen sein25jähriges Lehverjubiläum, Er ist ein Schüler des Münsterschen Lehrerseminars, und amtierte zuerst in Sonsbeck a. R., sodann in Fürstenwalde und seit dem Jahre 1892 an der Stiftungsschule von 1815 (Realschule) in Hamburg. Am 18.,. 19. und 20. d. M. fand an der Jacobson- Schule (berechtigte Realschule und Realprogymnasium mit Erziehungsanstalt) zu Seesen a. Harz, unter dem Vorsitz des Geheimen Hofrats Fricke-Braunschweig als Herzoglicher Kommissar die Schlußprüfung statt. 14 Prüflinge der Realschule und 13 des Realproghmnäsiums haben dieselbe mit Erfolg bestanden und sich damit die Berechtigung Mm einjährigen freiwilligen Militärdienst erworben. Von den Prüflingen gehen fünf auf eine Obexxealschule beziehungsweise Realgymnasium über. — In Kopenhagen wurde ein Stück des dortigen Obergerichtsadvokat Henri Nathansen „Daniel Hertz", das ein jüdisches Milieu zu einem sozialen ^Drama gestaltet, mit großem Beifall ausgenommen. — In Paris wurde jüngst ein Blinder A. Lso n aus Bordeaux, der bereits zu 21 Jahren ^gregö (Substitut) an der dortigen Universität war und gegenwärtig Lyzeal-Professor ist, zum Doktor der. Philosophie promoviert. Dr. M. A. Stein, der sich durch geographische und archäologische Forschungen in Zentralasien große Verdienste erworben hat, hat einen Vortrags- und Ehrenabend vor der Royal Geographica! Society zu London gehabt. Stein ist das Haupt der Landesaufnahmeabteilung in den Nordwestprovinzen Indiens. Er ist der Sohn jüdischer Eltern, und seine Wiege hat in Ungarn gestanden. Mit Dr. Sven Hedin teilt er die Ehre, die Hauptbeiträge des letzten Jahres zu den neuen Ergebnissen geographischer Forschung geliefert zu haben. — Nach der amtlichen serbischen Statistik zählte ganz Serbien im Jahve 1906: 2 735 147, und zwar 2 331 107 Serben, 90 000 Rumänien, 46 OOO Zigeuner, 7494 Deutsche, 5729 Juden, 1956 Magyaren und 10 575 verschiedene andere Nationalitäten. In Serbien werden die Juden amtlich als eigene Nationalität aufgeführt. — Die Petersburger Zentralleitung des „Verbandes des russischen Volkes" hat ..vor einiger Zeit an sämtliche Provinzvereine ein Geheimzirkular versendet, über dessen Inhalt strengstes Stillschweigen beobachtet wurde. Wie die „Rußkoje Slowo" aus sicherer Quelle erfährthat der Verbandsleiter in diesem Zirkular die Filialvereine aufgefördert, die Kampfabteilungen wieder zu organisierenda wichtige Ereignisse bevorständen. — Der neue jüdische Schachmeister Rubinftein, der im Petersburger Weltschachturnier den ersten Preis mit Lasker teilen wird, wurde 1881 im Städtchen Stawisk (Gouv. Lomza) geboren, — Das Departement des Ministeriums der Volksaufklärung erklärte, daß die Juden in die private Lehranstalten ohne Beschränkung ausgenommen werden können. Gleichzeitig wurde erklärt, daß der Befehl über Ausnahme der jüdischen Soldatenkinder ohne Prozentsatz bloß während des Krieges'Geltung hatte! — Aus Kiew telegraphiert man, die Verwaltung der höheren Frauenkurse habe angezeigt, daß nunmehr die Jüdinnen als. freiwillige Zuhörerinnen ausgenommen werden können, ohne Beibringung eines Zeugnisses der Polizei über das Wohnrecht in Kiew. Die Forderung eines solchen Zeugnisses verschloß bis jetzt, die Zulassung der meisten Jüdinnen. Auch ein Fortschritt! — Der Odessaer Stadthauptmann gestattete einem gewissen Alexander Weinstuk, der zum griechisch-katholischen (prawoslawny) Glauben übergegangen war, zum Judentum zurückzukehren. — Der heilige Synod wird sich in Bälde mit der Frage der Beschränkung der Glaubensfreiheit beschäftigen.— Der Wilna er Gerichtshof stellte den Prozeß des Rechtsanwalts Skazjatin wegen seiner Rede beim Prozeß des Belostoker Pogroms ein. — Der sibirische Dumaabgeordnete Bjeloussow erhielt mehrere Briefe aus den sibirischen Gouvernements, in denen er von der. christlichen Bevölkerung ersucht wird, bei der Regierung um Einstellung der Judenausweisungen vorstellig zu werden. — Professor RichardGottheilinNew Uork ist zum Leiter des amerikanischen Instituts für Ausgrabungen in Palästina ernannt worden, — Professor Jacob Holländer in Baltimore ist. als Regierungskommissär nach Liberia geschickt worden. Er hat dort dieselbe Mission, die er im Interesse der Vereinigten Staaten schon in Portoriko, Kuba und St. Domingo erfolgreich dürchgeführt hat. Siehe Inserat: Pastor Hafeman«, Vorbereitung.