Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Aber schon am folgenden Tage erhielt sie einefröhliche Postkarte von Daisy, die der Gemüsehändler unten im Hause ihr vorlas. Das erfüllte sie mit neuem Mute. Natalia nahm unverdrossen ihren Sack aus und wanderte durch die erstickend, schwülen Straßen. ' . In der zweiten Woche schrieb das Kind einen Brief, in dem es erzählte, daß es eine ganz besondere Freundin in einer alten Dame gefunden habe, die sehr gut zu ihr sei und wohl reich sein müsse; sie holte Daisy zum Spazierenfahren ab, und erwies ihr viel Freundliches. . Diese alte Dame schien eine Zuneigung zu ihr gefaßt zu haben von dem Augenblicke an, da sie das Kind vor dem Hause hatte spielen sehen. „Vielleicht hat Gott in seiner Gnade ihr jemand geschickt, der sich ihrer annimmt, wenn ich dahingegangen sein werde," dächte Natalia, der die Ausgabe, die Treppe hinunter- und dann wieder heraufzugehen, um sich den Brief vorlesen zu lassen, heute so schwer erschien, daß sie ein Gefühl hatte, als würde sie nie wieder ihr Tageswerk ausnehmen können. Ganz elend und zerschlagen legte sie sich zu Bett. Ihre Zimmernachbarin, die Frau des Flickschusters, nahm sich ihrer an, pflegte sie und schickte zum Armenarzt. Aber sie wollte durchaus nicht, daß man Daisy von ihrer Krankheit schreiben solle, und daß dieser die Ferien verkürzt würden. An dem Tage, als Daisy zurückerwartet wurde, bestand sie, trotz ärztlicher Widerrede, darauf, auszustehen und sich anzukleideu. Dann schickte sie alle fort und lag stille auf ihrem Bette, bis sie Daisys leichten Fußtritt hörte; dann sprang sie auf, um sie in scheinbarer Gesundheit zu empfangen. Aber das Geräusch anderer Fußtritte sowie der Eintritt einer brillentragenden silberhaarigen, vornehmen Dame, die das Kind begleitete, verdarben ihr die Freude des Wiedersehens. Sie hatte das, was Daisy von ihrer neuen Freundin geschrieben, vollständig vergessen und schaute nun mit pathetischem Blicke aus die fremde Dame und das sonnverbrannte Kind. „O, Großmutter! was hast Du für große Augen!" rief Daisy und lief fröhlich lachend auf sie zu. Aber die gewohnte Antwort blieb aus. „Das Zimmer ist nicht ordentlich geputzt," sagte Natalia in-vorwurfsvollem Tone und putzte sorgsam den Stuhl ab, den sie ihrem Gaste anbot. Aber die alte Dame nahm ihn nicht an. „Ich bin gekommen, um Ihnen selbst zu danken für alles, was Sie für meine Enkelin getan haben." „Ihre Enkelin?" Natalia fiel auf ihr Bett zurück. „Ja. Ich habe gewissenhafte Nachforschungen angestellt, es ist ganz gewiß. Daisy ist sogar nach mir getauft worden. Ich freue mich so sehr darüber." „Sie sind hergekommen, um sie von mir fortzunehmen," schrie die Alte entsetzt. Daisys frisches Aussehen schien ihr schon ein Zeichen dafür zu sein, daß sie in eine andere Wett gehöre. „Nein, nein, beruhigen Sie sich doch.. Ich habe genug durch meine Selbstsucht gelitten. Es. ist meine Unduldsamkeit, durch die meine Tochter sich mir entfremdet hat." Sie senkte demütig ihr weißes Haupt, bis ihre Gestalt beinahe so gebeugt wie die Nataliens erschien. „Was kann' ich tun, mein Unrecht gut zu machen, Buße zu^tun? Wollen Sie nicht mit mir kommen, bei mir auf dem Lande leben und mir erlauben, für ' Sie zu sorgen. Ich bin nicht reich, aber doch so gestellt, Ihnen jede Bequemlichkeit bieten zu können." Natalia schüttelte den Kopf. „Ich bin Jüdin. Ich könnte nicht mit Ihnen'essen." . ■ - „Das habe ich ihr ija auch gesagt, Großmutter," meinte Daisy eifrig. „Dann soll das Kind bei Ihnen bleiben, aber Sie müssen mir gestatten, dafür zu sorgen," sagte die alte Dame. „Aber wenn es doch so. sehr gern auf dem Lande ist" — murmelte Natalia schwach. „Ich will aber am liebsten bei Dir sein, Großmutter," und Daisy drückte ihre rosige Wange fest an das verwelkte Gesicht der Alten, das von hellen Freudentränen benetzt wurde. „Daisy nennt Sie Großmutter und mich nicht," sagte die alte Dame mit einem Seufzer. „Ja — — und ich — ich habe dereinst ihrer Mutter den Tod gewünscht — o, möge Gott mir die Sünde vergeben." Natalia brach in leidenschaftliches Schluchzen aus und wiegte sich hin und her, Daisy fest an das Herz drückend. „Was sagen Sie da?" Daisys Großmutter flammte auf, und der alte Grimm erwachte in ihr. „Sie haben Gretchen den Tod gewünscht?" Natalia nickte. Ihre Arme fielen schlapp herunter. „Tot, tot, tot," erwiderte sie mit seltsam klingender Stimme. Dann glitt ein starrer Ausdruck über ihr Gesicht, und sie fiel auf ihr Bett zurück. Trotz der glänzend schwarzen Perrücke hatte sie plötzlich ein unendlich altes verändertes Aussehen. „Sie ist krank," ries Daisy entsetzt. Die Frau des Flickschusters eilte herbei, half Natalia ordentlich in das Bett ünd erzählte, mit welchem Eigensinn sie darauf bestanden habe, aufzustehen. Natalia lebte noch bis zum nächsten Nachmittag, und Daisys wirkliche Großmutter stand neben der jüdischen Totenwächterin an ihrem Totenbette. . .Gegen elf Uhr morgens sagte Natalia: „Stecke die Kerzen an, Daisy, der Sabbat naht." Daisy, legte ein weißes Tischtuch über den alten hölzernen LxU), stellte die Kupferleuchter darauf, zog ihn ganz nahe an das Bett und steckte die Kerzen "an. Ein heiliger Frieden leuchtete von dem Antlitze der alten Trödlerin- Ihre vertrockneten Lippen murmelten hebräische Gebete, mit denen sie den Sabbat begrüßte; allmählich aber verstummte sie —- „Daisy," sagte ihre Großmutter, „bete das Gebet, das ich Dich gelehrt habe." „Kommet her zu mir, alle die Ihr mühselig und beladen seid, ich will Euch erquicken," schluchzte das Kind gehorsam.' (Schluß.) Literarische Mitteilungen. Die „Neueste Geschichte des jüdischen Volkes" von-Professor Dr. Martin Philippson (Band I) ist soeben ins Jüdisch-deutsche übertragen worden, und wird von der Zeitschrift „Der Fraind" in St. Petersburg ihren Lesern als Prämie gegeben. Wie wir hören wird der zweite Band des großen Werkes, im Laufe dieses. Jahres noch druckfertig werden. Derselbe uinfaßt die Geschichte der Juden im slawischen Ofteuropa und im Orient, ferner in West- und Mitteleuropa sowie in Amerika -von 1876 an bis auf die Gegenwart. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.