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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-26 · Heft 13 (26.3.1909) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 13 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 155 (sequence 11)
Language
German
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- Sie war dazu gezwungen, Daisy in Pflege zu geben, und das verursachte große Ausgaben. Aber diese Sorge war nichts gegen den fortwährenden Aerger, den ihre legitimen Enkel ihr verursachten. Gleich am ersten Abend murrten sie über die Aermlichkeit und Schäbigkeit ihrer Speicherwohnung. Was ihre Großmutter auch für sie tun mochte, es gelang ihr nicht, ihre Ansprüche zu befriedigen; sie sprachen immer nur . von den früheren guten Tagen. Sie waren durch den Vater und den unregelmäßigen Haushalt in Grund und Boden verdorben. Der Einfluß der christlichen Stiefmutter hatte zwar verfeinernd auf sie gewirkt, war aber doch von zu kurzer Dauer gewesen, um nachhaltig zu sein. Er hatte gerade lange genug gedauert, um Josef den religiösen Pflichten, die Fanny ihn gelehrt, abtrünnig zu machen, und es war keine der kleinsten Aufgaben der alten Frau, ihn dem alten Glauben zurückzugewinnen. Das einzige, was Natalia über die Misere des Lebens hinweg half, war ihre Liebe zu der kleinen Daisy, die täglich schöner, graziöser und herzgewinnender wurde. Natalia hatte in ihrem ganzen Leben kein so entzückendes Kind gesehen. Alles, was Daisy tat und sagte, schien ihr vollkommen zu sein. Ihr Gehorsam, ihr Verständnis für die Großmutter waren einfach bewunderungswürdig. Eines Tages, als Daisy drei Jahre alt war, erzählte die Kleine der Großmutter, daß, als sie abwesend gewesen, Becki Josef an den Haaren gezogen habe. „Still! Du mußt nicht klatschen," sagte Natalia verweisend. „Becki hat Josef nicht an -den Haaren gezogen," korrigierte Daisy sich sofort. Becki. die sich über das Ghetto erhaben fühlte, obwohl sie, ohne sich dessen bewußt zu sein, dessen schlimmste Eigenschaften ererbt hatte, ärgerte sich sehr darüber, daß Daisy sich all die jüdischen Worte und Redensarten, die aufzügeben Natalia zu alt war, aneignete, obwohl Becki stets dagegen protestierte. Es war dies nicht der einzige Grund heftigen Wortwechsels zwischen Becki und der Großmutter, die von ihrer Enkelin offen beschuldigt wurde, daß sie Daisy vorziehe. Becki war kaum 15 Jahre alt, als sie mit einen: Unabhängigkeitsbedürfnis, das sonst sehr lobenswert war, in dem Pelzgeschäft des Vaters ihrer zweiten Stiefmutter Arbeit suchte und dann Unterkommen bei einer Familie fand, die ihr, wie sie sagte, nicht so auf die Nerven fiel wie ihre Großmutter. Ein oder zwei Jahre später folgte Josef ihrem Beispiele. So geschah es durch unvorhergesehene Schicksalswendung, daß die alte sünfundsiebzigjährige Trödlerin allein mit dem siebenjährigen Kinde zurückblieb. Aber dieses Kind entschädigte sie für alles, was sie durchgemacht, hatte,- und ließ sie alle überstandenen Sorgen und Mühen vergessen. Als ihre scharfen Augen schwächer zu werden artfingen, fädelte Daisy ihr abends die Nadeln ein und saß bei ihr, wenn ihre geschickten Hände alte Kleider in neue verwandelten. Daisy las ihr dann aus ihren englischen Erzählungsbüchern vor. Natalia interessierte sich lebhaft für diese Kindergeschichten, die sie in ihrer zweiten Kindheit zum erstenmal hörte. Jack, der Riesentöter,. Aladin und Aschenbrödel waren für sie entzückende neue Geschichten. Die Lieblingsgeschichte beider aber war das Märchen vom Rotkäppchen, mit seinem stets wiederkehrenden Satz: „Großmutter, was hast Du für große Augen!" Das ließ sich so'drollig sagen; es schien besonders für sie geschrieben zu sein. Oft sah Daisy plötzlich auf und sagte: „Großmutter, was hast Du für einen großen Mund!" „Damit ich Dich besser fressen kann," antwortete die - Großmutter flugs, und dann umarmten und küßten sie sich zärtlich. Der Freitagabend war der große Abend, der einzige Abend in der Woche, an dem Natalia nicht arbeitete. Nur die Religion war stark genug, sie zu bestimmen, die fleißigen Hände ruhen zu lassen. Auf dem weißen Tafeltuche standen zwei .Kupferleuchter mit Kerzen darin, die angesteckt' wurden, sobald die ersehnte Dämmerung das Nahen des Sabbats verkündete, um mit ihrem Schein das Fischgericht und das rituell geflochtene Brot festlich zu beleuchten. Nach dem Abendeffen sang Natalia das hebräische Dankgebet mit großer Andacht. Dann erzählte sie Daisy von ihrer Jugendzeit in Polen, komische Geschichten oder auch traurige Erinnerungen an die dort erlittene Unterdrückung und Verfolgung. Daisy horchte aufmerksam, lachte, weinte und schauderte bei ihren grotesken Erzählungen. Die Vermischung der Rassen war vielleicht Grund dazu, daß sie sich zu einem ganz ungewöhnlich sensitiven und intelligenten Kinde entwickelt hatte, und Natalia war 'durchaus dazu berechtigt, zu glauben, daß ihr eine glänzende Zukunft bevorstehe. Aber nach 18 Monaten dieses köstlichen Lebens ließ plötzich Natalias wunderbare Leistungsfähigkeit nach. Sie verdiente immer weniger. Neben der Dankbarkeit gegen Gott, daß er die Last, Becki und Josef zu erhalten, von ihren Schultern genommen hatte, schlich sich langsam eine geheime Furcht in ihr Herz. Wie, wenn sie aus dem Leben gerufen würde, ehe Daisy alt genug war, .sich selbst durch das Leben zu bringen? Wie, wenn sie unfähig würde, diese Last der Arbeit bis zum Ende zu tragen? Was die Lage noch ernster machte, war, daß so viele Emigranten nach London kamen, und der Hauswirt die Miete um einen Schilling die Woche erhöht hatte. Wenn Daisy schlief, lag die alte Frau noch lange wach im Bette und flehte zum Herrn, er möge ihr Kraft verleihen und ihr Leben erhalten. Es war ein schwüler Sommer, und das machte, die Last unter dem immer mehr anschwellenden Sack den ganzen Tag von Türe zu Türe zu ziehen, beinahe unerträglich. Eine unbedeutende Sache war es, die es Natalia grausam zum Bewußtsein brachte, daß ihre körperliche wie ihre finanzielle Kraft im Abnehmen war. Die Ferienzeit nahte heran. Daisy gehörte zu den glücklichen Kindern, denen von dem Schulkomitee ein Aufenthalt auf dem Lande bewilligt wurde. Sie sollte vierzehn Tage in Kent auf einem kleinen Gute verbringen, . indessen erwartete das Komitee, daß ihre Eltern oder ihre Pflegerin die kleine Summe von vier Schillingen für die Reisekosten beitrügen. Daisy' wäre wohl auch ganz frei mitgenommen worden, wenn die Großmutter ihre absolute Armut erklärt hätte. Aber dann hätte man erst Nachforschungen, über ihre finanzielle Lage angestellt, und vor solch einer Demütigung bebte Natalia zurück. ^Fast mehr noch bebte sie davor, dem armen Kinde selbst ihre Armut zu enthüllen. Am allerpeinlichsten war der Gedanke, Daisy den ländlichen Aufenthalt versagen zu sollen, auf den sich das Kind schon lange gefreut hatte, und von dem es sich die schönsten Vorstellungen machte. Natalia selbst hielt nicht viel von dem Landleben, da sie in einem armen polnischen Dorfe geboren worden war, in den: die Bewohner ihre elenden Baracken mit den Schweinen teilten. Durch rastloses Umherwandeln in der Hitze, durch unermüdliches Handeln mit. den Hausfrauen gelang es Natalia, die vier Schillinge aufzubringen, und die nichts ahnende Daisy stieg fröhlich in den von glücklichen, lärmenden Kindern erfüllten Züg, während die Großmutter ihr mit ihrem bunten Taschentuch den Abschiedsgruß zuwinkte. . Der erste Abend, den sie ohne ihren kleinen Sonnenschein verlebte, erschien der alten Trödlerin ganz schrecklich zu sein.

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