Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3228852-3228866--65431-3277555- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ist, eine zentrale Bedeutung zu. Da wird zunächst _ gezeigt, daß die Frage der Willensfreiheit einen mehrfachen Sinn hat, je nachdem man sie vom Standpunkt der Wissenschaftder Moral oder der Religion aus stellt. Die Wissenschaft fragt: „Gilt für das Seelische das Gesetz der Kausalität?" Der moralische Beurteiler fragt: „Ist eine Handlung der reine Ausdruck der Gesinnung des Handelnden?" Religion fragt: „Ist der Mensch, der gesündigt hat, unrettbar dem Bösen verfallen?" Der Verfasser bekennt sich zur kausalen Bedingtheit alles seelischen Geschehens, sowie es die moderne Wissenschaft lehrt. Gibt es dann aber, wenn unser Seelenleben kausal bedingt ist, noch sittliche Handlungen? Der sittliche Charakter einer Handlung hängt von der Gesinnung ab, die sich in ihr ausprägt. Sie ist aber nur dann wirklich ein Zeichen unserer Gesinnung, wenn sie sich mit Notwendigkeit aus unserem Wesen ergibt. Dadurch, daß die Richtung unseres Willens durch das stärkste der miteinander kämpfenden Motive bestimmt wird, wird die Tatsache nicht aufgehoben, daß zum Handeln noch ein Persönliches, ein schlechthin Unableitbares, eben der Wille, die der Ausdruck unseres Wesens ist, notwendig hinzutritt. Freiheit heißt nicht Gesetzlosigkeit, sondern das Fehlen eines Zwanges, der das Herantreten unserer normälischen seelischen Beschaffenheit verhindert. Der Sinn der religiösen Freiheitslehre ist: „daß der Mensch seiner sittlichen Natur immer wieder zum Siege verhelfen kann, weil sie sein Wesen bildet; der Freiheitsglaube des Judentums ist mit der Ueberzeugung identisch, daß die menschliche Seele gut ist, so daß eine schlechte Handlung nur infolge einer vorübergehenden Hemmung seiner moralischen Kraft zustande kommt." Interessant ist die Gegenüberstellung der Moral des Judentums und der des Christentums. Die Moral des Judentums betrachtet den einzelnen als Glied einer Gesamtheit, in der alle gleichen Anteil haben, und weist dem Menschen überhaupt die Aufgabe zu, die Erde zu beherrschen. Diese Lehren hat das Christentum teils umgewandelt, teils ins Gegenteil verkehrt. Aufgabe des Menschen sei nicht Herrschaft über die Natur, sondern Rettung der Seele aus den stets sie bedrohenden Gefahren der Sünde. Der einzelne hat kein Recht auf Verfolgung seiner Interessen, sein Wert liege nur darin, Glied des Ganzen zu sein, er muß sein eigenes Interesse dem Nächsten zum Opfer bringen. Das aber ist auf der einen Seite ein Ueberspannen des Gefühls der Sündhaftigkeit, ein Pessimismus, der sich auf die Dauer nicht halten läßt, auf der anderen Seite ein Zurückdrängen des Egoismus, da wo er berechtigt ist, in der Theorie, einer Theoriedie nie Praxis werden kann. Angereiht wird daran die Stellungnahme zur Nietzscheffchen Morallehre. Hier wird nachgewiesen, wie die Grundprämisse Nietzsches, daß die Moral der Nächstenliebe die Lehre der Schwachen und Kranken ist, wie die Nächstenliebe vielmehr „aus dem Glücksgefühl einer starken und frohen Natur stammh die von ihrem Reichtum an alle die abgeben will, die der Freude entbehren". Verständnisvoll wird hier anerkannt, wie berechtigt die stärkere Betonung der Einzelpersönlichkeit ist. Bon hier werden auch die Linien der Moralentwicklung der Zukunft gehen müsien, eine Synthese von individualistischer und sozialer Moral. Sie wird nur vollzogen werden können aus der Moralauffassung des Judentums heraus, das den einzelnen in den Dienst der Gesamtheit stellt und ihm doch Raum für eigenes Streben läßt, das die Entwicklungsfähigkeit der menschlichen Seele lehrt und die pessimistische Lehre der Erbsünde ablehnt. Der Verfasser ist mit der modernen religionsphilosophischen Literatur vertraut und weiß sich das Recht .seiner persönlichen Stellungnahme zu wahren. Das Werk bedeutet innerhalb der jüdischen Religionsphilosophie einen starken Fortschritt. Unser Hauptinteresse ist noch zu einseitig - auf die Erläuterung und Darlegung der Lehren unserer mittelalterlichen Philosophen konzentriert, Ihre hohe und bleibende Bedeutung in allen Ehren, über sie hatten mit anderen Problemen zu ringen und gegen andere Einwendungen zu kämpfen als wir; wir dürfen über ihnen nicht die Auseinandersetzung mit den Problemen der Gegenwart verabsäumen und müssen uns mehr als bisher mit den modernen religionsphilosophischen Werken überhaupt vertraut machen. Das Buch ist ein Erzeugnis reifen wissenschaftlichen Denkens und zugleich eines tiefen Verständnisses für die eigenartige Welt des Religiösen. Zu den besonderen Fragen der Formen des Judentums nimmt der Verfasser hier nicht Stellung, wie ich meine, mit Recht; sie gehören in ein Buch, das sich die Aufgabe setzt, das Verhältnis der jüdischen Glaubenslehre zur modernen Wissenschaft zu Untersuchen, nicht hinein. Daß-ihm die Formen der Religion nicht gleichgültig sind, daß man aus dem Schweigen über sie Nicht auf eine Geringschätzung schließen darf, erhellt schon daraus, daß er sich mit Entschiedenheit gegen die Gleichsetzung des Moralischen mit dem Religiösen wendet, und nachdrücklich betont, daß die Moral zwar der wichtigste Teil, aber eben doch nur ein Teil des Religiösen sei. Es erhellt ferner daraus, daß er den Ursprung der Religion in der Andacht und der Ehrfurcht sucht. Andacht und Ehrfurcht werden immer danach trachten, sich in Formen und Bekundungen Ausdruck zu verschaffen. Das Werk ist in hervorragendem Maße geeignet, die Ueberzeugung von der Hoheit und der Lebensmacht des Judentums zu festigen, und in denen, die aus einer falschen Gegenüberstellung von Religion und Wissenschaft und Kunst die Religion für überwunden glauben, erneutes Interesse zu erwecken. Es ist zugleich im besten Sinn modern, denn indem es das wissenschaftliche Denken der Gegenwart anerkannt, lehrt es die Gegenwart religiös weihen. Es ist klar und schlicht geschrieben; als besonderen Vorzug muß man es preisen, daß alle philosophische Schulsprache vermieden ist und es in seiner verständlichen Ausdrucksweise jedem Gebildeten lesbar ist. Möge es eine recht weite Verbreitung erfahren, in vielen Kreisen Eingang finden; es wird überall anregen und religiös interessieren und mit jüdischen Gedanken erfüllen. RESTS Ghetto-Komödien. Von I. Zangwill. Die Lastträgerin. ~ IV.. Tatsache, daß Natalia sich der Kinder bemächtigt habekonnte natürlich kein Geheimnis bleiben, aber die Familie der Stiefmutter tat nicht den kleinsten Schritt, sie zurückzuerlangen. Die Frau selbst ging den Weg, den ihre beiden Vorgängerinnen gewandelt; man hat nie erfahren, ob sie eine Nachfolgerin gehabt hat, und wo Henri Elkmann geblieben war. , Der plötzliche Wechsel von einer allein lebenden-, alten Eigenbrödlerin in eine mater familias war übrigens durchaus nicht so reizend, wie Natalia dies geglaubt hatte. w