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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-26 · Heft 13 (26.3.1909) · p. Seite 150

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 13 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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gehalten hat. In diesem Vorträg ist das Programm seiner Lebensarbeit und seiner religiösen Weltanschauung genau umschrieben. Wir werden diesen Vortrag in der nächsten. Nummer zum Abdruck bringen, und unsere Leser werden sich aus der Lektüre selbst ein Urteil über den Theologen Levin bilden können. Wohltuend werden ihnen sicher daraus vor allem die milde, humane Gesinnung, der tiefe sittliche Ernst, die hohe Auffassung vom Judentum und die innige Liebe zu diesem entgegenwehen,'die ihre Wirkung selbst da nicht versagen, wo' sich ihre Wege von denen des geistigen Führers der Reform trennen mögen. Nicht minder wohltuend wird alle Leser der auf das Positive gerichtete, echt religiöse und echte jüdische Sinn anmuten, der aus den Darlegungen Levins hervorgeht. Die Reform hat eben in dem letzten Vierteljahrhundert nach einer langen Periode der Stagnation eine große innere Reorganisation durchgemacht, um die sich unser Jubilar besondere Verdienste erworben. Man konnte dies am besten aus seiner Betrachtung über den Sabbat ersehen. Mit derselben Entschiedenheit wie die frommen Zebomre-Zebabtros-Vereine stellte der Redner die Forderung auf, daß der Sabbat als ein Grundpfeiler des Judentums diesem für alle Zeiten erhalten bleiben müsse. Den Vorwurf, als hätte die Reform diesen abgeschafft, widerlegte er in treffender Weise dadurch, daß sie sich ja nicht von der Hauptgemeinde getrennt und dadurch den historischen Zusammenhang erhalten habe. Sie habe nur für diejenigen, die den Sabbat nicht halten können, an dem einzigen freien Wochentage einen Gottesdienst eingerichtet, und zwar einen Gottesdienst, der in seinen Hauptbestandteilen ebenfalls ganz auf dem historischen Gebetritus beruht. In diesem Wunsch, sich der Hauptgemeinde anzugliedern, liegt, was aus dem Bekenntnis des Levinschen Vortrags deutlich zu erkennen war. kein anderes Motiv, als diesen historischen Zusammenhang zu wahren und die eigene Daseinsberechtigung innerhalb des Gesamtorganismus der Bekennerschaft zu erhalten. Denn die Reformgemeinde ist ja heute mehr als je in der Lage und auch sicher bereit, für ihre religiöse Ueberzeugung weiter große Opfer zu bringen. Erfreut sie sich doch seit etwa einem Jahrzehnt einer Leitung, die aus angesehenen, zielbewußten, für das Judentum begeisterten Männern sich zusammensetzt, deren eifriges Wirken die gedeihliche Existenz und die Zukunft der Reformgemeinde verbürgt. Die Orthodoxie sollte das auch erkennen und sogar noch fördern. Denn nur dadurch wäre allen weiteren Reformbestrebungen innerhalb der Hauptgemeinde ein für allemal ein Riegel vorgeschoben. Durch den Hinweis auf die Erfüllung aller Bedürfnisse und Forderungen, die überhaupt religiöse Berechtigung haben, könnte die Hauptgemeinde dann jedes weitere Verlangen nach Reformen ablehnen. So, und nur so, kann ein dauernder Friede zwischen den einzelnen großen Richtungen hier hergestellt werden. Als ein Bürge dieses Friedens erscheint aus der linken Seite unser Jubilar, dessen positiver und historischer Standpunkt ihm selbst die Sympathien der Konservativen und Orthodoxen zugewendet hat. Seine Lehrbücher der biblischen Geschichte und Literatur (III. Auflage 1897), der jüdischen Geschichte und Literatur (IV. Auflage 1908) und der israelitischen Religionslehre (II. Auflage 1900) erfreuen sich auch in diesen Kreisen eifriger Benutzung. Sie liefern zugleich den Beweis, daß ihr Verfasser ein tüchtiger Pädagoge ist, dem die Sorge um die Erziehung der Jugend vor allem am Herzen liegt. Haben wir nun den Jubilar cils Vertreter der Reform und als Schulmann kennen gelernt, so bleibt uns nur noch übrig, ihn auch noch in seiner Eigenart als Predi g er zu charakterisieren. Auch hier trifft es sich sehr gut, daß wir ihn, während sein jüngster Vortrag ihn uns als Theologen vorführt, durch seine eben erschienene, seiner Gemeinde zum fünfundzwanzigsten Jubiläum des Amtsantritts gewidmete Predigtsammlung ^) als Redner kennen lernen. Levin ist. ein vorzüglicher Prediger. Er verkündet in seinen Reden das rein ideale Judentum in einer gediegenen, klaren, lebensvollen Sprache und Darstellung, die oft schwungvoll und hinreißend ist, sich aber niemals in rhetorische Floskeln und Blumen verliert, die immer ernst und würdig, immer von der edelsten Menschenliebe durchdrungen ist. Er steht als Redner etwa zwischen Holdheim und Jellinek. Mit dem einen verbindet ihn die lebenswahre Ausfassung des Judentums, die logische Disposition, die edle Schlichtheit des Vortrags. Mit dem anderen teilt er die tiefe Erfassung der alten Hagada und das Verständnis für die Zeiterscheinungen. Er behandelt die Fragen der Gegenwart, die großen Probleme und Erscheinungen der Zeitgeschichte im Völkerleben, in Religion und Wissenschaft mit. tiefem Ernst und hohem Geist; er erfüllt sie mit dem Lichte religiöser Erkenntnis. So sind seine Reden rechte Muster der jüdischen Homiletik, die auch in der Lektüre nichts von dem frischen Hauch einbüßen, der sie auf der Kanzel auszeichnete. Der Titel dieser eben erschienenen Festreden mag vielleicht manchem seltsam erscheinen, aber er erklärt sich sehr einfach durch die große Auffassung, die Levin von dem Berufe des Predigers hat, der im Klang der Harfe das Individuelle und im Ton der Posaune das Allgemeine behandeln soll, dem die Harfenklänge oer Psalmisten und der Posauenschall der Propheten als ideale Muster vorschweben müssen. Was wieder an diesen Predigten sympathisch berührend ist, das ist der echt jüdische und doch zugleich auch echt humane Geist, der sie erfüllt. Begeisterter kann der Beruf und die Mission des Judentums auch auf einer orthodoxen Kanzel nicht verkündet werden, als in der Rede: „Israels Beruf". Zwei Predigten zu Chanuka, eine zu Purim, zwei zu Tischebeaw zeigen uns den Redner auf der Höhe der Weltanschauung, die Israels hervorragende Prediger und Lehrer von jeher eingenommen haben. Wir sind am Ziele unserer Jubiläumsbetrachtung. Und wenn wir uns mm' fragen, wodurch es dem Manne, der als Theologe, Schulmann und Prediger eine so tiefe Wirkung auf weitere Kreise ausgeübt, vor allem gelungen ist, diese zu erreichen, so erhalten wir die treffendste Antwort, wenn wir uns des Ausspruchs erinnern, der auf einen der bedeutendsten Führer des Judentums, aus den Amoräer Selra, geprägt wurde. Auf ihn hat man zu seiner Zeit das Wort der Sprüche Salomonis (20. 6) angewendet: „Den Mann der Treue, wer findet ihn!" Und von demselben Selra wird merkwürdigerweise die folgende Sentenz berichtet: „So groß ist die Ehre der Gesamtheit, die Achtung vor den Menschen, das Ansehen der öffentlichen Meinung, daß sie sogar biblische Verbote aushebt." Die Treue zu seinem Berufe, die Treue zu seinen Idealen charakterisiert auch diesen Mann und seine Lebensarbeit.. Treue aber ist Kraft und der Eckstein eines so humanen und großen Wirkens, wie es unser Jubilar bisher entfaltet und hoffentlich noch lange ausüben wird. - y »Harfe und Posaune", Festreden. (Berlin 1909. M. Poppelauer).

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