Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
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an den Offiziersgesellschasten teilzunehmen. Das hat er getan. Auf seine Erkundigungen ist ihm' mitgeteilt worden, daß er allgemein gefallen habe, daß nichts gegen ihn vorliege. Aber nach einiger Zeit nahm ein Vorstandsmitglied der Offiziersgesellschaft — feiner Versicherung nach lediglich aus freiem Antrieb und persönlichem Interesse, ohne jeden Auftrag von irgend welcher Seite — mit ihm über seine Angelegenheit Rücksprache und erklärte ihm, er habe doch den Eindruck ^gewonnen, als ob er wegen seines Glaubens bei der vorzunehmenden Wahl möglicherweise abgelehnt werden könne, und er empfehle ihm deshalb sein Gesuch zurückzuziehen. (Hört! hört! links.) Er hat das nicht getan, und die Wirkung war, daß am 11. Januar d. I. ihm die Mitteilung zuging, daß er nicht gewählt worden sei. (Hörthört! links.) An diesem Falle ist die Militärbehörde nicht schuld; es ist der Geist, der hier aus dem Offizierkorps gesprochen, hat, und gegen diesen Geist machen wir Front und müssen wir Front machen^ hoffentlich in völliger Uebereinstimmung auch mit der Militärverwaltung, aus Gerechtigkeit und zur Wahrung der verfassungsmäßigen Rechte der jüdischen Staatsbürger. (Sehr richtig! links.) Wie wir hören, sind es 14 Einzelfälle, alle genau belegt und dargestellt, die der Abgeordnete Kopsch dem Kriegsminister vorgelegt hat. Die nun folgende Rede des Kriegsministers v. Einem berührt aber noch nicht diese Fälle. Sie lautete in ihrem die einschlägigen Fragen betreffenden Teile: „Nun einige Worte an Herrn Kopsch. . Er hat mir wieder ein Aktenstück überreicht, das, glaube ich, Beschwerden enthalten soll über Nichtberücksichtigung des jüdischen Elements als Arzt, als Reserve» offizier. Ich habe schon einmal darauf hingewiesen, daß es keine Bestimmung und kein Gesetz gibt, das darauf hinwirkt, daß aus konfessionellen Gründen irgend jemand als Reserveoffizier nicht zugelassen werden könnte. Ich bin allerdings der Meinung, daß es in der Armee wohl vorkommt, daß ein junger Mann israelitischen Glaubens einmal deshalb nicht Reserveoffizier wird, weil er Jude ist, aber wenn die Konfession (Zuruf rechts: Die Religion!) — die Religion als Grund angegeben ist, so ist das gegen die allerhöchsten Bestimmungen. Es ist ausdrücklich in einer Verfügung, die am ' 10. Juli 1908 vom Kriegsministerium ergangen ist, daran erinnert, daß es unstatthaft ist, Einjahrig-Freiwillige und. Reseroeoffiziersasp trauten lediglich wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgenleinschaft, wegen des Standes ihres Vaters und dergleichen von der besonderen Ausbildung zu der Offiziersprüfung und Beförderung auszuschließen. Ich hoffe, daß das eine gewisse Wirkung dahin getan hat, daß man tatsächlich nur auf. die Tüchtigkeit sieht. Es ist also nicht statthaft, daß ein Reserveoffizierskorps einen jungen Mann, der sonst die Befähigung hat, einfach abweist, weil er Jude ist. Nur bei der Untersuchung der Fälle ist mir eins aufgefallen. Die jungen Leute haben Bemerkungen mitgeteilt, die ihnen von den Offizieren gemacht sind, und das hat sich dann einigermaßen anders herausgestellt. Wenn zum Beispiel ein junger Mann sagt, der Leutnant habe ihm gesagt: Es ist wirklich geradezu großartig, wie Sie Ihren Zug führen; ich wollte, ich könnte das auch! (große Heiterkeit rechts), das wird als bare Münze hingenommen — nun, das ist doch etwas eigentümlich. (Heiterkeit.) Diese jungen Herren scheinen wohl ein bißchen leichtgläubig gewesen zu sein. Sie haben hin und wieder aufmunternde Bemerkungen gleich so angesehen, als ob sie nun eigentlich schon die Epauletten hätten oder am. nächsten Tage bekommen sollten. Ich habe bei der Prüfung des weiteren bemerkt, daß verschiedene Regimenter, um sicher zu gehen, sich Tabellen angelegt haben, in denen sowohl der ausbildende Offizier wie auch der Hauptmann jede Woche genau das Resultat einzeichnen, welches diese' Ausbildung erreicht hat, den Eifer des Betreffenden und auch seine Fähigkeiten. Da stimmen diese Eintragungen, die nun mit großem Eifer jede Woche gemacht sind, durchaus nicht überein mit den Angaben, die mancher von diesen jungen Leuten gemacht hat. Auf den Eifer allein kömmt cs nicht an. sondern tatsächlich doch auf die Fähigkeit, wirklich kommandieren und eine Truppe führen zu können; das muß man unter allen Umständen verlangen. Und ich muß auch verlangen, daß die jüdischen Herren sich unbedingt dem Urteil fügen^ das die Vorgesetzten über sie sprechen.' Remönstriert wird gegen die Qualifikation eigentlich nur von den jungen jüdischen Herren. (Gelächter links.) Ich gebe zu/ sie mögen manchmal recht gehabt"stakien^ aber in vielen Fällen,' die mir 'vorgetragen sind, haben sie ganz sicher nicht recht gehabti Die Armee hat, ich glaube, bis zum Jahre. 1880 tatsächlich jüdische Reserveoffiziere gehabt; die Armee hat ganz zweifellos keinen Schaden davon gehabt, und ich muß. offen sagen — vielleicht werde ich deshalb kolossal angegriffen — ich halte es einfach für einen Akt der Gerechtigkeit, daß ein jünger Mann, , auch wenn er Jude ist, wenn er sonst tüchtig ist und im übrigen geeignet, auch zum Reserveoffizier gemacht wird. (Abgeordneter Kopsch: Bravo!, Große Heiterkeit.)" In der Sitzung vom 20. d. M. - kam der Abgeordnete Gothein nochmals aus die Sache zurück. Er sagte - unter anderem: „Gerne wissen möchte ich, ob die bayerische Militärverwaltung in bezug auf ihre Neserveoffiziere ebenso denkt wie in Preußen. Bisher war sie in dieser Beziehung viel vernünftiger. (Heiterkeit.) Sollte sie aber dem. Beispiel Preußens folgen, so würden gewiß sehr viele Leute den Offfziersrock ausziehen. Der Kriegsminister sprach sich auch dagegen aus, daß Juden wegen ihrer Religion in der Armee zurückgesetzt würden. Es ist aber eine Tatsache, daß wir keine jüdischen Offiziere haben, und daß nur sehr wenig einjährige Juden Reserveoffizier werden. Viele jüdische Einjährige geben sich deswegen bei der Armee auch keine übermäßig große Mühe, weil sie denken, ach was. wir werden ja doch nicht Neserveoffiziere. Der Kriegsminister sagte, wenn hie Religion als Grund für die Nichterueunung zum Reserveoffizier angegeben würde, so wäre dies gegen die allerhöchste Verordnung./So wird die Sache auch nicht gemacht. So etwas denkt man, aber so etwas sagt man nicht. Die Tatsache bleibt jedoch bestehen. Natürlich ändert sich dieses in dem Moment, wo der Jude getauft wird. Wir haben in der Armee Offiziere rein jüdischer Abstammung, die getauft sind, die es sogar bis zum Generalmajor gebracht haben. In Oesterreich haben wir sogar einen jüdischen Generalseldmarschall, in Italien war ein Jude Kriegsminister. Der Kriegsminister hofft, daß sich die Verhältnisse bei uns ändern werden^ und er setzte hinzu: Vielleicht werde ich deswegen noch einmal heftig angegriffen. Dieser Angstruf, ich wollte sagen dieser Stoßseufzer ist sehr charakteristisch für den Kriegsminister. Der Kriegsminister kann auch hier gar nichts tun." Auch der Abg. Müller-Meiningen sprach noch einmal in dieser Sitzung: - „Welche Vorurteile herrschen müssen, das zeigte die charakteristische Aeußerung des Ministers, die er gestern hier tat. Er erklärte, "daß auch die jüdischen Reserveoffiziere nur nach ihrer Tüchtigkeit behandelt werden und fügte hinzu, ich sage das, obwohl ich deshalb wohl schwere Angriffe erleben werde. Sind wir so weit, daß wir 'selbstverständliche Fundamentalsätze unserer Verfassung nicht mehr ohne Gefahr' im deutschen Reichstag aussprechen dürfen? (Lebhafte Zustimmung'links.) Es wäre ja ein Verfaffungsbruch, wenn das anders wäre. . Die Herren, die da gestern bei dieser Gelegenheit höhnische Zurufe machten, de'nen möchte ich sagen: die jüdischen Herren werden schlecht behandelt, aber die jüdischen Töchter und Schwestern derselben Herren sind von gewisser Seite sehr gesuchte Persönlichkeiten zur Auspolierung des Wappenschildes vieler Offiziere. (Große Heiterkeit und lebhafte Zustimmung.) Hier gilt es, verderblichen Vorurteilen konfessioneller und anderer Art mit der ganzen Persönlichkeit eutgegenzütreten. Wir fürchten, daß man die Frage noch oft wird stellen müssen. Aber das soll uns nicht hindern, sie so lange zu stellen, bis die erste befriedigende Antwort darauf kommen wird. . In den zehn polnischen Gouvernements von Rußland soll jetzt, wie uns aus Petersburg geschrieben wird, städtische Selbstverwaltung eingeführt werden — was man so in Rußland ^Selbstverwaltung" nennt. Eine solche war bis jetzt in den russischen Städten mit Ausnahme der polnischen bereits vorhanden. Aus Furcht aber, daß' das jüdische Element, welches in den Städten stark vertreten ist und in manchen'