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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-26 · Heft 13 (26.3.1909) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 13 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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die das Recht und die Veranlassung; dazu' hätte, über die mannigfachen Zurücksetzungen, die ihm zu Teil werden. Was wird nun das Resultat sein? Es wird alles beim alten bleiben! Und trotzdem dürfen die preußischen Staatsbürger jüdischen Glaubens durchaus nicht aufhören, für ihr gutes Recht einzutreten, und auch die liberalen Abgeordneten, die für ihr entschiedenes Auftreten alles Lob verdienen, dürfen nicht aufhören, diese Rechtsansprüche in den Parlamenten beständig zu vertreten. Ueber die Debatten selbst geben wir, da die Tageszeitungen diesmal nur kurze Auszüge bringen konnten, die stenographischen Berichte, soweit diese bei Schluß dieses Blattes bereits erschienen waren. Schon in der Sitzung vom 17. d. M. hatte der Abgeordnete Dr. Müller-Meiningen den Mangel an Militärärzten beklagt, „an dem auch konfessionelle Engherzigkeiten schuld seien; die Zurücksetzung der jüdischen Aerzte wird sich im Falle eines Feldzuges bitter rächen." In der Sitzung vom 18. d. M. berührte zunächst der Abgeordnete Schräder kurz diese Angelegenheit, indem er ausführte: „Ebensowenig will ich reden über die Zurücksetzung der Juden bei der Ernennung zu Reserveoffizieren, und zwar aus dem einfachen Grunde, daß jedem von uns, der die Dinge kennt, ganz klar ist, daß niemand, der Jude ist, Reserveleutnant werden soll, und zwar, weil er Jude ist. Daß andere Gründe angegeben werden, weiß ich ja; aber wenn niemals ein Jude Reserveoffizier wird, muß man sich sagen, es geschieht, weil er Jude ist. (Sehr richtig! links.) Es lohnt sich gar nicht mehr, einzelne Fälle anzuführen. Ich will es auch meinerseits nicht tun, obgleich ich genug Material hätte. Ich will nur sagen, so liegt die Geschichte; sie widerspricht unseren Gesetzen, aber sie liegt so." Ihm folgte der volkparteiliche Abgeordnete Sto rz mit. folgenden Ausführungen: „Eine große Gefahr ist der Mammonismus, der zweifellos in die Armee eingedrungen ist. Der Herr Kriegsrninister hat das gestern eigentlich auch, nicht bestritten. Es mag fein, daß die schlimmste Periode in dieser Richtung schon hinter uns liegt. Die öffentliche Meinung hat recht stark und deutlich dagegen reagiert, und ich darf wohl annehmen, daß in der verantwortlichen Leitung unserer Armee die bedauerlichen demoralisierenden Einflüsse des Mammonismus erkannt worden sind. Es gab eine Zeit, wo man von oben herab Heiraten von Offizieren mit reichen Jüdinnen gerne gesehen hat. Run, wenn solche Heiraten Liebesheiraten sind, dann will ich gar nichts dazu sagen. (Heiterkeit.) Das ist sehr erfreulich. Aber in vielen Fällen , haben auch andere Motive aus beiden Seiten zugrunde gelegen. Meinem Empfinden wäre es sympathischer gewesen, wenn die Militärverwaltung nicht auf diese Weise das jüdische Element in die Armee hineingebracht hätte, sondern wenn man auch einzelne Juden als Offiziersaspiranten angenommen hätte. (Sehr gut! links.) Die Juden sind keine einheitliche Rasse, sie. sind keine einheitliche Masse; was man als jüdische Eigenschaften bezeichnet und mit Recht unliebsam empfindet, diese Eigenschaften, sind nicht Gemeingut aller Juden. Die Geschichte der Juden zeigt, daß diese Rasse außerordentlich tüchtige militärische Eigenschaften in der Vergangenheit hat. Es wäre bloß ein Erordernis der Gerechtigkeit, wenn man den absolut ablehnenden Standpunkt ausgeben wollte. (Sehr richtig! links.) Ich will durchaus nicht der Meinung Ausdruck geben, daß nun der Kriegsminister mit besonderer Aorliebe jüdische Osfiziersaspiranten annehmen sollte. (Aha! und Heiterkeit rechts.) Das sei ferne von mir! Ich bin kein Philosemit und kein Antisemit und beurteile diese Frage rein sachlich. Aber deshalb bin ich der Meinung, daß diese absolute Negation einmal ousgegeben werden sollte. Die jüdischen Mitbürger fühlen sich mit Recht zurückgesetzt. und was ist die Folge dieser Zurücksetzung? Daß die jüdische Bevölkerung eben künftig wie früher auch, um so ausschließlicher sich dem Gelderwerbe hingibt. Mit um so größerer Sicherheit schaffen wir damit eine jüdische Geldaristokratie, das kann aber doch nicht den Interessen der Nation entsprechen. Also ich meine, daß es höchste Zeit wäre, den prinzipiell ablehnenden Standpunkt aufzuheben. . früher-.waren im Sanitätsoffizierskorps eine stattliche Anzahl von Juden, .und mir wenigstens ist nicht bekannt geworden, daß man mit diesen Elementen schlechte Ersahrungen gemacht hat. In der letzten Zeit, hat man weitere jüdische Sanitätsoffiziere nicht mehr eingestellt. Damit hängt es zusammen, daß wir einen so außerordentlich großen Mangel an Militärärzten haben, — eine Tatsache, die für Frieden und Krieg gleich be- . bäuerlich ist." In der nächsten Sitzung vom 19. d. M. brachte nun der Abgeordnete KoPsch das ganze Material über die Angelegenheit vor. „Die fehlenden Stellen im Offizierkorps könnten ersetzt werden, wenn man konfessionelle Gegensätze und Vorurteile zurückstellte. Ich habe bereits früher dem Herrn Kriegsminister einem Haufen Beweismaterial für diesen Punkt überreicht, ich bin auch heute in der Lage, dem Kriegsminister ein umfangreiches Pack Schriftstücke zu übergeben, durch welche bewiesen wird, daß aus konfessionellen Gründen Leute vom Reserveoffizierkorps ferngehalten werden. Nach einer Mitteilung in der Presse soll der Kriegsminister von neuem darauf aufmerksam gemacht haben, daß eine unterschiedliche Behandlung der Offiziersaspiranten nach dem Glauben ungehörig sei. Die Nachricht in der Presse rührt.jedenfalls aus einem gerichtlichen Verfahren her, in welchem Oberst v. Randow zeugeneidlich erklärte, daß nach einer Verfügung des Kriegsministers, durch welche ein früherer Erlaß in Erinnerung gebracht wurde, bei Beförderung oder Vorschlägen zur Qualifikation' keine Rücksicht auf die Konfession genommen werden dürfe. Ich wünsche, daß diese Auffassung mehr und mehr Gemeingut auch bei den Offizieren werden möge. Bei den Recherchen müssen noch andere Personen vernommen werden als diejenigen, welche in diesen Fällen als verantwortlich gewissermaßen bezeichnet werden. Wir müssen immer wieder darauf Wert legen, daß alles getan wird, um das Verhalten des Offizierkorps in der gesamten Armee in Uebereinstimmung mit den Rechtsanschauungen im deutschen Volke zu bringen. Ein besonderer Fall ist charakteristisch unter dem Material, das ich dem Kriegsminister zur Verfügung stelle. Er betrifft einen jungen Mann im Infanterie-Regiment Nr. 115 in Darmstadt, dem die Erlaubnis, am Offiziersunterricht teilzunehmen, nicht erteilt wurde. Der Vater erkundigte sich bei dem Regiment und erhielt von dem Regimentskommandeur v. Hütter die Antwort, die Lebensstellung des Vaters und des Sohnes genügten nicht, ihn zuzulassen. Dabei ist der Vater ein hochangesehener Kaufmann in Oberingelheim. Als er sich dann später weiter beschwerdeführend an den Kriegsminister wandte, erhielt er die Antwort: „Lediglich die mangelhaften Dienstleistungen Ihres Sohnes find für seine Nichtzulassung maßgebend gewesen." (Hört! hört! links.) In diesem Falle tritt kraß hervor, daß verschiedene Gründe angegeben werden, und dies läßt erkennen, daß wahrscheinlich ein dritter Grund maßgebend gewesen ist, der weder im ersten noch im zweiten Briese mitgeteilt worden ist, nämlich die Zugehörigkeit zum Judentum. Einen Beweis, daß die Militärbehörde nicht allein verantwortlich gemacht werden kann, sondern daß es der ganze Geist des Osfizierkorps ist, der zu Rechtsverletzungen und zum Zuwiderhandeln gegen Erlasse deS Kaisers führt, liefert ein Fall aus Chemnitz, wo gegen einen Dr.Mühlfelder vorgegangen worden ist. DieserFall ist so charakteristisch, daß ich mir erlaube, aus dem Schreiben des Dr. Mühlfelder, eines angesehenen Rechtsanwalts zu Chemnitz, einiges mitzuteilen. Dr. Mühlfelder diente beim 104. Regiment ,-Kronprinz" in Chemnitz. Er beantragte Weihnachten 1907 beim Bezirkskommando Chemnitz seine Zurwahlstellung zum Reserveoffizier. Aus dieses Gesuch bekam er einen.Fragebogen zugesandt, den er sogleich ausfüllte. Aber es gingen viele Monate darüber hin, ehe er über sein Gesuch etwas hörte. Im August 1908 wurde er von dem Bezirkskommando ersucht, gelegentlich einmal bei der Offiziersabteilung, und zwar bei dem vertretenden Oberstleutnant sich zu melden. Dieser Herr empfing ihn, als er der Aufforderung nachkam, in sehr höflicher und konzilianter Weise; er erklärte, er habe von seinem Vorgänger das Gesuch ganz unerledigt bekommen, und er frage ihn, ob er noch ein Interesse daran hätte, zur Wahl gestellt zu werden. Als er dies bejahte, wurde ihm die weitere Mitteilung, daß nunmehr sofort die Angelegenheit in die Wege geleitet werden würde. Er wurde dann aufgefordert, im September

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