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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-26 · Heft 13 (26.3.1909) · p. Seite 146

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 13 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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Mehung won- Fäden xtm die Judengaffe nichtgut möglich warB ' so griff die rabbinische Kasuistik dadurch helfend eindä^ fiE dem frommen Juden gestattete, am Sabbats beim Ausgehen das Taschentuch um den Leib zu binden oder es zu diesem Zweck tags zuvor au die Futterseite des Rockes lose zu heften. Wer im Talmud Bescheid weiß, wird zugeben, daß darin. eigentlich eine kluge. Umgehung der schon in . alter Zeit uner-- träglich gewordenen Strenge der Sabbatruhe liegt; es war dies eine Konzession an die Forderung des Lebens. Aber nichtsdestoweniger wird man sich sagen, daß, wenn die mittel-: alterlichen Rabbinen nicht den Mut hatten, alte und veraltete Gebräuche außer Kraft zu setzen, sie besser daran getan hätten,. lieber gar keine Erleichterung zu schaffen, als auf eine solche Weise, wodurch die religiöse Uebung unter den Juden zu einer geistlosen Aeußerlichkeit herabgedrückt wurde. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts sind wohl Versuche gemacht worden, das Judentum neu zu beleben, es vor allem von seiner scholastischen Kruste zu befreien. Lazarus beklagt es . aber mit vollem Recht, daß diese Bestrebungen keinen rechten , Erfolg hatten. Er meint richtig, daß die Hauptschuld an dem Scheitern aller Erneuerungsversuche darin liegt, daß die Macht des Religiösen in erschreckender Weise abnimmt. „Die Juden haben sich der allgemeinen Kultur in Industrie, Wissenschaften und Künsten, sobald die ehedem geschloffenen Schranken geöffnet waren, wieder zugewendet. Das Judentum selbst aber war mit seinem Lehrgehalt, mit seinen Satzungen und Vorschriften in der Absonderung stehen geblieben. Das hat in immer weiteren und weiteren Kreisen einen Bruch zwischen dem Bekenntnis und den Bekennern des Judentums herbeigeführt." Lazarus macht dafür; zum Teil auch die Wissenschaft des Judentums verantwortlich,; die gar keine Wissenschaft, sondern höchstens historische Gelehrsamkeit und Philologische Wortklauberei sei. Woran aber alle Neuerungsbestrebungen im Judentum hauptsächlich scheiterten, ist nach Lazarus in zwei Punkten zu suchen: in einer übertriebenen Pietät gegen das Alte und Ueberlieferte und in einer nicht minder zu weit getriebenen Scheu vor der Außenwelt. Die Pietät glaubt darin eine Beleidigung der frommen und edlen Vorfahren zu finden, . wenn etwas aufgegebeu wird, was jenen heilig war. Das ist gewiß falsch. Denn im religiösen Leben kommt es doch in erster Reihe auf die subjektive Auffassung an. Mit der strengen Ausübung und Jnnehaltung aller religiösen Gebräuche, die für uns keinen Sinn mehr haben und deshalb auf unser religiöses Leben nur noch schädlich wirken, haben es unsere frommen Vorfahren gewiß ehrlich gemeint; dafür haben sie die schwersten Opfer gebracht. Mit dieser Anerkennung ist der wahren Pietät Genüge geschehen; sie darf uns aber nicht dazu verleiten, -an für uns inhaltlos gewordenen und abgetanen Dingen weiter festzuhalten. Ebenso ist es durchaus falsch, daß wir aus apologetischen Gründen, aus Scheu vor der Außenwelt alles beibehalten müssen, was wir innerlich schon längst aufgegeben haben. Denn nicht die Rücksicht auf die' Außenwelt darf die Entwicklung unseres religiösen Lebens bestimmen, sondern die Wahrhaftigkeit, die innere Ueberzeugung und der Wunsch, dein Judentum seinen Fortbestand zu sichern. „Die Erfüllung des Gesetzes-" sagt Lazarus, „findet in Wahrheit nur dann statt, wenn der Sinn, die Bedeutung, der Gemütszweck des Gesetzes erfüllt wird." „Ein verderblicher Irrtum aber wäre es, daß die Peinlichkeit der Satzungen die Quelle unserer Glaubenstreue gewesen sei. Nicht die Gesetzlichkeit hat die Treue erzeugt, sondern aus der Treue stammt die Gesetzlichkeit; nicht wegen ihrer Strenge, sondern trotz derselben haben wir den Glauben bewahrt." ,.Die Erneuerung des Judentums.erhofft Lazarus von ^dessen Befreiung von den Fesseln der' räbbinischettKasuistik. „Nicht neues zu schaffen ist nötig, meiyt er, sondern tzM Alte, Wahre, Ewige im Judentum wieder anfzusuchen und'ühmdie Herrschaft zu gewinnen^ Die rgehankenvollen/Hesetze^ sind zu juristisch-peinlichen Vorschriften,^ zu äußerlichen Dehensregeln, zu vermehrten, verschärften^ mmzäüntefi- -De Me^enheit Hur Uebertretung ausschließenden, jeden Irrtum verhütenden Satzungen geworden. Der wahre Geist des Judentums 'wurde dem juristischen Scharfsinn preisgegeben:Um diese Fesseln die uns frühere Jahrhunderte aüferlegt haben, vom Judentum zu entfernen, ohne daß dadurch die Grundfeste des Judentums selbst erschüttert würdebedarf, es-selbstverständlich einer tiefeingehenden Erforschung unserer Lehre' in ihrem ethischen Gehalt und in. ihrer geschichtlichen Entwicklung. In Lazarus vereinigten sich in glücklicher Harmonie viele Eigenschaften, welche ihn zur eifrigen Arbeit an diesem Erneuerungswerk befähigten. Ohne Theologe von Fach und Beruf zm sein^. besaß er eine große und ausgebreitete Kenntnis des Judentums. Und da er sich nicht in dem engen theologischen Kreise des Fachmannes bewegte, so bewahrte er sich''einen freien und tiefen Blick für die- Welt der Ideen und des 'geistiges Lebens außerhalb des Judentums. An dessen weiteren Bestand und an dessen Erneuerung glaubte er zuversichtlich. Wenn er doch nicht bei Lebzeiten mit dieser bedeutsamen Schrift hervortrat, so geschah dies sicher aus wohlerwogenen Gründen. Die wahrhaft beherzigungswerten Gedanken und wertvollen Anregungen können aber hoffentlich jetzt aus einen um so empfänglicheren Boden fallen, wenn wir uns zu der Erkenntnis durchringen, daß nicht etwa bloß die Rücksicht auf das praktische Bedürfnis unserer Zeit die Erneuerung des Judentums herbeifuhren kann, sondern in erster Reihe eine wahre innige Religiofität, der Wünsch, das Judentum nicht nur in seinem äußeren Umfange zu erhalten, sondern es dazu wiederzumachen, was es seit seinem Eintritt in die Geschichte vorzugsweise gewesen ist: das- Salz der Erde, das Salz der Kulturmenschheit. Nicht praktische, sondern ideale Bedürfnisse, müssen die Erneuerung des Judentums leiten und beeinflussen. Unser erhabenes Vorbild bleibe dabei immer der Mann; dessen Vermächtnis wir heilig halten wollen. Und die Mittel dieser Erneuerung in seinem Geiste'müssen immer bleiben: Wissen, Wahrheit und Freiheit - -; Berlin, 23. März. ^I^agelang hat man im Reichstag über den Etat des Kriegsministeriums lebhaft debattiertundwiederholtsind 7 von liberalen Abgeordneten die Klagen der Juden über Zurücksetzung in der Armee vorgebracht worden. Auch hat der Herr Kriegsminister mit bemerkenswerter Bestimmtheit es für unstatthaft erklärtwenn ein Reserveosfizierkorps einen Mann, ’ der sonst die Befähigung hat, abweistnur weil er Jude ist Der Kriegsminister stellte esals einen einfachen Akt der Gerechtigkeit hin, daß auch tüchtige Judenzu Reserveoffizieren ' gemacht werden. Diesen Worten' des Kriegsministers konnte die bürgerliche Linke lebhaften Beifall spenden, obwohl sie sonst mit ihm sehr scharf ins Gericht ging. Die Bemerkung aber, daß besonders die Juden sich oft beklagen, hätte der Minister sich selbst leicht-dadurch erklären können, daß sie vor allem U r s ach e zu Klagen habe. Ja, noch mehr! E s b e bl a gt si ch nicht die Hälfte der jüdisch en Einjä hri gen und Soldaten

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