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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-26 · Heft 13 (26.3.1909) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 13 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 26. März 1909. 73. Jahrgang. Nr. 13. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verlriebsst llen) bezogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Rarzreles. Begründet von Rabbiner Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition: Berlin, Jerusalemer Sir. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Aligem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße <^6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNosse, Berlin. Mir Erneuerung des Judentums/ Berlin, 23. März. Kn der Diskussion über die Frage der Entwicklungsbedürstigkeit und _ Fortbildungsfähigkeit des Judentums, die in der letzten Zeit wiederum etwas lebhafter geworden ist, läßt sich jetzt die Stimme eines durch seinen Geist und seine Kenntnisse gleich hervorragenden Mannes vernehmen, der bei Lebzeiten freudig als Führer erkannt worden, und die unter allen Umständen gehört werden muß. Von Moritz Lazarus ist dieser Tage, sechs .Jahre nach seinem Tode, eine Schrift erschienen: „Die Erneuerung des Judentums" (Georg Reimer, 1909), die ohne Zweifel zu den interessantesten Streitschriften gegen die Orthodoxie gehört. Man darf der verehrten Frau, die dieses Vermächtnis des großen Denkers sorgsam gehütet und nunmehr der Mitwelt vertrauensvoll übergibt, für diese Gabe aufrichtig dankbar sein. Moritz Lazarus bezeichnet diese Schrift als sein Vermächtnis an seine Glaubensgenossen, an die Juden, die nach ihm leben werden. Für seine Zeit versprach er sich davon keine Wirkung auf die deutsche Judenheit; nur in Amerika und in Osteuropa, in Rußland und in Polen rechnete er auf Verständnis und Zustimmung. Darin mag er sich getäuscht haben. Denn in Amerika, wo das Judentum keine Vergangenheit hat, mag für eine entschiedenere praktische Reform mehr Raum vorhanden sein, aber eine wissenschaftliche, theoretische Begründung der Reformbestrebungen ist auch dort vorläufig nicht zu finden. Und was die osteuropäische Judenheit betrifft, so begegnen wir in ihr entweder dem starren Rabbinismus, den Lazarus so lebhaft bekämpft, einer gedankenlosen fetischartigen Anbetung aller Observanzen, welche die rabbinische Kasuistik je geschaffen hat, oder einer völligen Gleichgültigkeit gegen alles Religiöse im Judentum. Es ist aber möglich, dafi gerade die deutschen Juden eine liberale Entwicklung, oder, wie Lazarus richtiger-sagt, eine Erneuerung des Judentums herbeiführen würden, wenn die jetzige Bewegung nicht bei Aeußerlichkeiten stehen bleiben wollte.- Lazarus hat dieser Bewegung Ziel und Wege vorgezeichnet, indem er sich auf sein früheres berühmtes Losungswort beruft: Treu und Frei. „Treu sein," sagt er, „heißt heute und in Zukunft: picht" bloß bei seiner Religion ausharren, mit ihrem Namen geschmückt oder belastet Jude bleiben, leidend oder auch tätig in der bloßen äußerlichen Erfüllung seiner Vorschriften, Sitten und Gebräuche; treu sein heißt vielmehr an dem wahren, an dem inneren Bestand und Fortbestand des Judentums den innigsten Anteil nehmen, für ihn rührig und tätig sein oder wenigstens redliche Sorge im Herzen tragen. Treu sein heißt , also, das Judentum auf der erstiegenen Höhe seines geistigen Gehaltes befestigen, seine innere Entwicklung im Zusammenhang mit >dem allgemeinen Fortschritt des menschlichen Geistes befördern, seinen Einfluß auf das Gemüt seiner Bekenner und auf die menschliche religiöse Entwicklung erhalten und erheben. Diese Treue ist ohne Freiheit unmöglich. Frei sein heißt innerhalb des Judentums stehen, aber seinen Umblick auf die allgemeine geistige und besonders religiöse Entwicklung aller bevorzugten Stämme und Religionen des menschlichen Geschlechts erhalten und dafür sorgen, daß das Judentum nicht bloß wie eine Mumie dauere, oder wie ein Gespenst umgehe, sondern in der Frische, Fülle und Lebendigkeit seiner gedeihlichen Wirksamkeit sich entfalte. Treu, und Frei also heißt, dem Judentum seine klare und seiner selbst bewußte Stellung in der fortschreitenden Idealisierung^ des Menschentums bewähren."/ Es sind dies inhaltsreiche Sätze, die ein ganzes großes .Programm enthalten. Lazarus zieht in seiner Schrift mit glänzender Beredsamkeit gegen. die orthodoxe Kasuistik zu Felde, welche in der besten Absicht, das Judentum zu befestigen und zu erhalten, es tatsächlich. durch die Fülle kleiner und kleinlicher Bestimmungen erdrückt hat. Der psychologische Entwicklungsgang des. traditionellen Judentums ist ihm, dem tiefen und geistvollen Denker, völlig klar geworden. Die rabbinische Kasuistik bietet mit ihrer haarspaltenden Dialektik, dem Scharfsinn und der Geiftesübung ein ewiges unerschöpfliches Thema. Und da die, Juden im Mittelalter durch die äußeren Verhältnisse vom Leben, von. jeder, freien Bewegung ferngehalten wurden, so warf sich ihr stets reger Geist auf die Erforschung und Erweiterung des religiösen Schrifttums. Dabei mußte.natürlich immer etwas herauskommen, und zwar nicht nach der Richtung, die Religion mit dem Leben in Einklang .zu bringen, sondern um neue Observanzen oder gar neue Erschwerungen zu schaffen. Aber. schließlich waren es gar-nicht diese Erschwerungen, welche .dem Judentum so viel schadeten und es dem Leben entfremdeten, sondern das geistuyd gedankenlose Tun, ., die minutiöse Erfüllung von gesetzlichen Bestimmungen, die nn Laufe der Zeit jeden Sinn verloren haben. Lazarus führt dafür eine Fülle von drastischen Beispielen an. Mitunter hat diese Kasuistik sogar manche Erleichterung geschaffen, aber das Nebel lag in der geistestötenden Oede, welche sie dem Judentum aufgedrückt hat. So ist es mit dem von Lazarus verspotteten Brauch, durch Ziehung von Fäden Um die Judengasse eine fiktive Hausgemeinschaft herbeizuführen, / damit so der Jude am Sabbat das Taschentuch oder das Gebetbuch tragen dürfe, damit -es dem Blinden gestattet, sei,. am Sabhat rnit seinem Stock^auszugehen, oder dem Lahmen, mit seiner Krücke. Und wenn die

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