Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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SVM haben die Kolonie ausgesucht darunter eine- .Anzahl früherer Kolonisten die durch die ungünstige Lage des Arbeitsmärktes unverschuldet -der bereits erlangten Arbeit wieder verlustig gegangen sind. Dadurch ist der Beweis erbracht, daß diese Leute dauernd von Arbeitsscheu und Wanderlust befreit worden find, und es wird das alte Vorurteil von der Abneigung der Juden gegen körperliche Arbeit auss neue widerlegt. Auf Grund ihrer Erfolge erfreut sich die Kolonie der Sympathie aller im praktischen Leben erfahrenen Menschenfreunde; sie hat im letzten Jahre verschiedene Zuwendungen . erhalten, darunter eine namhafte der Julius Bleichröder'schen Erben. Ohne diese Beträge wäre auch der Verein in Schulden geraten, denn die Einnahmen aus Mitgliederbeiträgen und die von den Kolonisten gezahlten Kostgelder reichen zur Deckung der laufenden Ausgaben nicht aus. Das kann nicht verwundern, denn die Arbeits- Überschüsse werden den Kolonisten gutgeschrieben. Letztere haben im -letzten Jahre 9943.04 Mark an Arbeitserträgen empfangen und bei Jahresabschluß ein Guthaben von 2123.37 Mark behalten. Der Gesundheitszustand der Kolonisten war nach dem Bericht des Anstaltsarztes ein günstiger. Seit Bestehen der Anstalt hat diese 3152 Mann beherbergt. Welch reicher Segen ist in der kurzen Zeit von sieben Jahren geschaffen worden! Jetzt in der rauhen Jahreszeit ist der Zudrang zur Kolonie besonders groß, und die Kleidung, die die unglücklichen Menschen mitbringen, ist mehr als unzulänglich. Man wende sich wegen Abholung gebrauchter Kleidungsstücke, sowie von Naturalien, an Herrn Inspektor Behrendt, Weißensee bei Berlin, Wörth-Straße 20. Telephon: Weiß, Nr. 292. 8. Berlin, 15. März. Wir erhalten den folgenden Aufruf zur Errichtung einer Anstalt für jüdische Blinde aus dem Deutschen Reiche, den wir der allgemeinen Teilnahme, aller Menschenfreunde auf das dringendste empfehlen: ,^Not und Elend allerorten zu lindern ist den Juden von jeher ein Herzensbedürfnis gewesen; die unglücklichen und gebeugten Glaubengenossen aufzurichten, ist ihnen insbesondere stets als heilige Pflicht erschienen. Davon legen zahlreiche der Nächstenliebe gewidmete Anstalten beredtes Zeugnis ab. Nur eine Gruppe von Unglücklichen unter unseren . Glaubensgenossen, und vielleicht die mitleidwürdigste, ist dabei leer ausgegangen — die jüdischen Blinden verkümmern und verderben, und niemand nimmt sich ihrer an! Kommt, mildherzige Glaubensgenossen und helfet ihnen! Die dringendste Aufgabe ist es. eine Erziehungsanstalt für blinde jüdische Kinder zu schaffen. Denn unter den etwa 500 jüdischen Blinden Deutschlands gibt es wohl 125 bis 150 unter 15 Jahren. Diese müssen erzogen, ihnen müssen die Segnungen der so weit vorgeschrittenen und so große Erfolge zeitigenden Blindenausbildung zugänglich gemacht werden, damit aus den hilflosen Geschöpfen nützliche Mitglieder der Gesellschaft, aus den vom Geschick so grausam Mißhandelten Menschen werden, die imstande sind, durch eine ihren Anlagen entsprechende Tätigkeit sich Lebensunterhalt, und innere Befriedigung zu schaffen. Ebenso erforderlich aber ist es, den in reiferen Jahren Erblindeten in einer zweckmäßig eingerichteten Anstalt den Segen einer sachgemäßen Blindenausbildung zuteil werden zu lassen. Den sich mühselig durch die Welt Tastenden muß ein Stab in die Hand gegeben, in den Lichtlosen das Licht des Geistes entzündet werden! Die bestehenden Blindenanstalten lehnen zwar die Aufnahme von Juden nicht ab, aber die befremdende Tatsache, daß in diesen Instituten sich nur etwa 20 jüdische Blinde befinden, darunter kaum die Hälfte in schulpflichtigem Alter, zwingt zu der Erkenntnis, daß hier eine Lücke besteht; diese soll durch Gründung einer jüdischen Blindenanstalt ausgefüllt werden, wie eine solche für Oesterreich in Wien vorhanden ist, die Jahr für Jahr eine große Anzahl von Aufnahmegesuchen aus Deutschland satzungsgemäß ablehnen muß. Gewißlich aber fehlt es auf den in Deutschland bestehenden Anstalten an jeder Erziehung in jüdisch-religiösem Geiste, so daß den jugendlichen Seelen der dem Judentum entquellende Born sittlicher Vertiefung und geistiger Erhebung verschlossen bleibt. Familien, die auf dem Boden der religionsgesetzlichen Ueberlieferung stehen, können ihre blinden Kinder diesen Anstalten überhaupt nicht anvertrauen. Diese dreifache Not des Leibes, des Geistes und des Gewissens besteht keineswegs nur für die armen jüdischen Blinden; sie drückt ebenso schmerzlich auf die aus bemittelten Familien stammenden. Sie alle sollen in der zu schaffenden Anstalt die Bildung für das Leben empfangen, die wohlhabenden gegen Erstattung der Kosten, damit eine um so größere Zahl armer unentgeltlich Aufnahme finden kann. Wenn die Mittel reichen, so wollen wir mit der Erziehungsanstalt ein Heim für erwachsene, nicht mehr bildungsbedürftige, und für alte, nicht mehr erwerbsfähige jüdische Blinde verbinden. An Sie aber richten wir die herzliche und dringende Bitte: Betätigen Sie auch diesmal .Ihre echte Menschenliebe, reichen Sie den armen blinden Glaubensgenossen Ihre leitende Hand und führen Sie die Enterbten der Natur zu den Quellen des Lebens und des Glücks! Wir ersuchen Sie ganz ergebenst, anliegende Postkarte ausgefüllt uns recht bald gütigst zurückzusenden. Mit vorzüglicher Hochachtung. Der vorbereitende Ausschuß: Rabbiner Dr. Blumenthal, Monbijouvlatz 4; Justizrat Louis Cohn, Joachimsthaler Straße 43/44; Dr. Ludwig Cohn, Claudiusstraße 10; Rabbiner Dr.Eschelbächer, Oranienburger Straße 17; Dr.AdolfGutmann, Landsberger Straße 56; Handelsrichter Willibald Loewenthal, Hinter der Garnisonkirche 1 a; Fabrikbesitzer William Neumann, Elisabethstraße 28/29; Geheimrat Potsdammer, Viktoria Luise-Platz 5; Professor Dr. Rosin, Bayreuther Straße 42;. Stadtverordneter Max Salinger, Wallnertheaterstraße 16; Conrad Schätzer, Holzmarktstraße 53. Der Aufruf trägt außerdem noch die Unterschrift von mehr als hundert Notablen .aus ganz Deutschland, die das Hilfswerk für die unglücklichen Blinden angelegentlichst empfehlen. 3. Berlin, 11. März. Gestern feierte Herr Julius Jacoby, der Vorsitzende des Vorstandes unserer Gemeinde, in voller Frische und Rüstigkeit seinen 85. Geburtstag. Den Anschauungen und Wünschen desselben entsprechend, hat eine offizielle Feier des Geburtstages nicht stattgesunden. ' Aber alle Mitglieder des Gemeindevorstandes haben persönlich gratuliert und — zum Teil wundervolle — Blumen-Angebinde gesandt; ebenso liefen von den Repräsentanten und von vielen anderen Ehrenbeamten der Gemeinde, von den Beamten der verschiedenen Bureaus und vielen Gemeindemitgtiedern telegraphische wie schriftliche Glückwünsche ein. Einer von diesen mag hier folgen, da er Zeugnis davon ablegt, welcher Wertschätzung der Vorsitzende des Vorstandes sich bei den Mitgliedern der Repräsentanten-Versammlung erfreut. Wir verraten den Namen des Dichters nicht und bemerken nur, daß er ungefähr ein Alterskollege unseres ersten Gemeindevorstehers ist und sich in allen Kreisen der Gemeinde der gleichen Wertschätzung und Verehrung zu erfreuen hat. — „Wer bei 85 stets gewirkt zum Frieden — Für der Gemeinde Wohl mit Gottvertrau'n — Dem ist wohl Höheres noch beschieden — Der kann getrost aus 100 bau'n! — Der liebe Gott wird selbst sich nützen. — Und ihn behüten und beschützen. — Denn solchen Mann , kriegt er nicht wieder — Ein Jacobtz fällt nicht oft vom Himmel nieder!" — Möge es dem trotz seines Alters, noch immer unermüdlich wirkenden und schaffenden Führer unserer Gemeinde noch lange beschieden sein, in voller geistiger Frische und körperlicher Rüstigkeit seines Amtes zu walten! o. Spandau, 14. März. Am vergangenen Donnerstag fanden in geheimer Sitzung der Stadtverordneten-Versarnmlung die Wahlen der Armenpfleger und Armenpflegerinnen statt- Die vor vier Jahren provisorisch eingeführten Armenpflegerinnen, die sich in jeder Hinsicht vollauf bewährt hatten, waren wiederum zur Wahl vorgeschlagen worden und wurden auch zum überwiegend großen Teil wiedergewählt. Eine Dame indes, die sich in ihrem Amte als Armenpflegerin besonders bewährt hatte und in den dem Armenwesen unterstellten Kommissionen an leitender Stelle zu allgemeiner Anerkennung gewirkt hatte, ist nicht wiedergewählt worden. Offenbar ist den Herren Stadtverordneten die Konfession der Dame nicht angenehm gewesen. Im Interesse der Armenpflege ist ein solches einseitiges Vorgehen nur zu bedauern. Diese Handlungsweise ist nicht nur den Juden hier, sondern auch den vornehm denkenden christlichen Kreisen um so mehr aufgefallen, als die Juden selbst keine konfessionellen.Unterschiede zu machen Pflegen, wenn sie um Wohltätigkeitsgaben angesprochen werden. In weiten Kreisen der Bürgerschaft herrscht Entrüstung über dieses Vorgehen. e. Danzig, 12. März. Auch in unserer Gemeinde ist soeben dank den Bemühungen eines freien Komitees, an dessen Spitze der Ortsrabbiner Dr. Kaelter und Herr Dr. med. Lewtz standen, ein jüdischer Jugendverein gegründet worden. Nach einem