Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- Seite 143 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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ein, warum, und zweitens überhaupt!" Denn Ihr geschätztes. Blatt ist hier sehr verbreitet und wird in mindestens einem Exemplare hier^allseitig mit Freuden gelesen. Es ist auch begründete Aussicht vorhanden, daß mit dem nächsten Quartale mindestens noch ein Exemplar hier abonniert wird! Aber nehmen Sie es unserer lieben Kille übel, daß nicht mehr geschieht? Sie Haben selbst schuld! Mein Freund Leib Schmul, ein eifriger Leser Ihres Blattes, sagt treffend: „Von überall bringt er etwas: aus Schermeisel sogar, nur nicht aus Posemuckel! Als ob von uns nichts, zu berichten wäre! Ein Chein!" (und dabei macht er eine Geste mit Händen und Kops, daß Matkowsky und Kainz von ihm-lernen könnten). Und wissen Sie, wer mich veranlaßt hat, an Sie, hochzugebietender Herr Redakteur, zu schreiben, um diese schreienden Mißstände auszudecken? Nun, Sie haben es schon geraten, Leib Schmul ist es! Er allein sagte zu mir: „Wissen Sie, Sie haben doch eine spitze Feder, setzen Sie sich hin und' schreiben Sie ihm einmal alles, was ich auf dem Herzen habe!" Als ich ihn aber fragte: „Ja, mein lieber Herr Schmul,' was soll ich schreiben?" Da sagte er einfach: „Einen Schabbes-Schmus aus unserer Kille!" Sie schütteln gewiß, hochzugebietender Herr Redakteur, Ihr Haupt, und ich kenne Sie vom letzten Vortrage her, den Sie zu . Gesund in unserem Literaturverein gehalten haben und fürchte mich eigentlich vor Ihnen, weil Sie noch bessere jüdische Witze machen können als ich, obwohl ich bis jetzt glaubte, darin wenigstens unerreicht zu sein! Aber Sie werden sich doch wundern, was doch alles hier in Posemuckel vorgeht, und Ihr Berlin kann sich dagegen verstecken! Wenn wir hier Schabbes nach Minchah auf der Promenade lustwandeln, um nicht aus dem Dchum zu gehen, da können wir mit Ruhe alles durchhecheln, was die liebe Woche uns beschert. Und da wir in erster Reihe bemüht , sind, das Wohl unserer lieben Kille zu fördern, in der es, Gott Lob, an Minjan nicht fehlt, da wir mit dem jüngsten Lar Wr>vati-Knaben gerade zehn „Baalbatim" sind, so können Sie kaum ermessen, wieviel es da zu besprechen gibt! Sie sagen freilich: „Spaß!" Ich aber sage Ihnen: „Sie irren sich!" Sie bekommen eine dunkle Ahnung unseres ausgebreiteten Verwaltungswesens, wenn ich Ihnen dasselbe in konzentrierter Form dahin erkläre, daß unser Parneß sein lukratives Geschäft aufgegeben hat, bloß weil ihn sein Gemeindeamt jeden Tag von früh bis spät in Anspruch nimmt, schon aus dem einfachen Grunde, weil er täglich das ganze Weichbild unserer frommen Kille durchgehen muß, um zu sehen, ob nicht, Gott behüte, ein Liren-Draht gerissen ist; denn was würden wir ohne diesen am Schabbes machen? Also! — „Und weiter?" meinen Sie. Ja, hochzugebietender Herr Redakteur. man merkt, Sie sind in Berlin weder Vorsteher noch Repräsentant! Ist Ihnen aber auch ganz recht; verlegen Sie Ihre Redaktion nach hier, und ich verspreche Ihnen, daß Sie bald stellvertretender Repräsentant des Stellvertreters zu Gesund werden sollen. Wir haben zwar hier Kandidaten, und sehr geeignete Kandidaten, in Hülle und Fülle, aber Sie wissen doch vielleicht: Kann mau^s jedem recht machen? Wenn diese Herren ihre Kandidatenreden halten, dann versprechen sie alles; dann jubelt ihnen alles zu, aber nach der Wahlversammlung? Wie sagt mein Freund Leib Schmul sehr frei nach dem Vers Schillers? „Ein anderes Gesicht zeigt die gedachte, ein anderes die vollbrachte Tat!" Da werden vor der Wahl Flugschriften der Kandidaten verbreitet: „Was wir wollen!" Ich will Ihnen die Abschrift eines solchen auf Ihren Redaktionstisch befördern, obwohl auf demselben steht: „Streng vertraulich!" Ich glaube aber keinen zu schweren Vertrauensbruch zu begehen, da Sie, hochzugebietender Herr Redakteur, diesen Wahlaufruf in Berlin für sich benutzen, und dadurch vielleicht dort stellvertretender Repräsentant zu Gesund werden können. Also hier ist er: Was wir wollen? „Gewählt sein wollen wir, liebe Brüder! (Merken Sie die Leimrute?) Nur wir allein können unsere Gemeinde richtig leiten. Wie wir das machen werden? Das ist unser Geheimnis, das verraten wir erst, wenn wir gewählt sind. Wer es mit unserer Gemeinde gut meint, der wähle uns!" (Folgen die Namen der Kandidaten.) Und ich sage Ihnen, der Ausruf hat Wunder gezeitigt. Nicht einer von den Kandidaten, nein — alle sind — nicht gewählt worden! Sie fragen, wie das möglich ist, warum solch ein gehaltvoller Aufruf nicht gewirkt hat? Sehr einfach! Haben Sie in Berlin auch einen solch großen Kultus - Beamten - Apparat wie wir hier in Posemuckel? Und die Beamten Nun, ich sage Ihnen, die machen uns die meisten Sorgen, wenn sie amtlich gar nicht tätig sind. Ein unschuldiger Damen-Kaffee, den, die „Chasente“ gab, hat daran allein schuld. Da muß gerade an diesem Tage die Rebbezin verreisen, ausgerechnet an diesem Tage. Es war aber auch eine „Chuzpe*. Die Rebbezin soll bei der „Frau Kantor" einen Kaffee einnehmen, sie, die nur gewohnt ist, Kaffee bei den Damen der Kaufleute erster Gilde zu trinken. Nun waren zwar diese selbst alle anwesend, aber die Rebbezin — mußte verreisen, und das hat nicht etwa die Gastgeberin verschnupft, sondern gerade die Kaufmannsfrauen und der Rest war —, daß die Kandidaten nicht gewählt wurden. Verstehen Sie? "Cherchez la femme! Ich sage Ihnen: „ich gebe der Rebbezin Recht. Ist denn ein Kantor (wenn er auch seminaristisch gebildet ist) oder seine Frau so gebildet, wie wir Kaufleute oder unsere Frauen, daß sie mit „Rabbiners" verkehren oder gemeinsam Kaffee trinken sollen? Uebrigens hat die Rebbezin die Sache wieder bald gut gemacht, da sie einen Verein gründete, zu dem alle unsere Kultus-Beamtenfrauen gehören, und der auch in Berlin seinesgleichen sucht. Durch geistvolle Vorträge seiner Vorsitzenden werden die Beamtenfrauen über das immer zeitgemäße Thema „Die Kunst allen zu gefallen" erfolgreich belehrt. Und ich sage Ihnen, der Verein hat seine segensreiche Wirkungen gezeitigt, denn seit dem Bestehen des Vereines sind die Beamten untereinander vollständigeinig mit sich und folgen dem Naturgesetz von den gleichen Polen, worunter ich aber unsere lieben Brüder in der Stadt nicht verstehe. Trotzdem haben wir das Wohl unserer Kultus-Beamten stets im Auge und wollen, um ihnen einen Beweis von der Noblesse unserer Kille zu zeigen, zwar nicht sie selbst, aber unseren Parneß auf Lebenszeit ohne Pensionsberechtigung anstellen!, Warum sollen wir uns das nicht leisten können, zumal unsere Kille ständig an „Lalbatim" abnimmt? Der Pessimist'Leib Schmul meint zwar: „Der Parneß wird das gar nicht von der Kille annehmen wollen!" Ich aber sage Ihnen: „Ich habe Fühlung mit karnossim, zumal ich seit 40 Jahren hier noch diese Würde nie bekleidet habe." Aber da dieser Punkt als einziger Gegenstand auf der Tagesordnung der nächsten Repräsentanten-Sitzung steht, so schreibe ich Ihnen darüber ein andermal und wünsche Ihnen, hochzugebietender Herr Redakteur, so nachträglich wie denkbar „Gut Purim!" In größter Devotion Ihr ergebenster Nachbar von Leib Schmul.