Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- Seite 142 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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dieselben blauen Sterne, die einst die dunklen Augen ihrer Fanny in Vergessenheit gebracht; das Mündchen? das jetzt so zufrieden an seiner Flasche sog, war genau so gebildet wie die Kirschenlippen jenes armen jungen Weibes, das sie „die ge- ' schminkte Puppe" nannte. „Nebbich! Das arme, verlassene Waislein," entschuldigte sie sich vor sich selber. So also erfüllt eine jüdische Stiefmutter ihre Pflicht an ihren Stiefkindern.. Da hätte sie ebenso gut eine Christin sein können. Und ganz plötzlich kam ihr die Erinnerung, daß die Christin ihre Enkelkinder treu versorgt, und daß sie eine tadellose Stiefmutter gewesen sei. Während fie noch darüber nachdachte, kehrte Becki zurück, die Josef herbeizerrte, der-einen Papierdracheu mit langem Schweife hinter sich herschleiste. ' . Der Knabe, ein stämmiges Bürschlein von sieben Jahren, begrüßte die Großmutter nicht so freudig, wie Becki dies getan. Wahrscheinlich litt er weniger unter den häuslichen Verhältnissen. Aber er ließ sich willig von Natalia an das Herz ziehen. „Hat sie Dich geschlagen," murmelte sie zärtlich, „hat sie meinen lieben kleinen. Josef geschlagen?" „Verliere keine Zeit, Großmama," sagte Becki in dringendem Tone, „wenn wir wirklich fortgehen sollen." „Nein, mein Liebes. Wir wollen sofort gehen,", und während sie den Knaben losließ, fiel ihr Blick auf seine halbgeöffnete Weste. „Was," rief sie tragisch, „Du trägst kein Arba Kanfos? Sie sieht nicht einmal danach? Ach, es wird eine gute Tat sein, wenn ich Euch aus diesem gottlosen Hause führe." „Aber ich habe gar keine Lust, mit Dir zu gehen," sagte ' der Junge verdrossen, da ihm plötzlich einfiel, wie streng sie darauf hielt, die üblichen Gebete zu sprechen. „Du kleiner Narr," sagte Becki. „Wir werden fahren in dem Wagen, der vor der Türe steht." „In dem Wagen?" rief er fröhlich. „Ja, mein Augapfel. Und Du wirst nun nicht mehr geschlagen werden." «Ich! Ihre Prügbl tun mir nicht weh," rief er verächtlich. „Sie hat ja noch nicht mal einen ordentlichen Stock wie der Lehrer in der Schule." „Aber sollen wir nicht unsere Sachen mitnehmen?" sagte Becki. „Nein, kommt mit mir, wie Ihr geht Und steht. Sie soll keinen Vorwand haben. Euch zurückzufordern. Ich werde Euch Kleider genug verschaffen, so gut wie neu." . „Und die kleine Daisy?" „O, ist es ein Mädchen? Eure Stiefrnutter wird danach sehen. Sie kann sich nicht darüber beklagen, wenn ihr nur eins von Euch zur Last fällt." Sie ließ die Kinder in die Droschke steigen und folgte ihnen; mit dem dicken Sacke, der darin schon untergebracht, war diese nun ganz voll. „Es ist nicht vorher abgemacht worden, daß noch mehr Passagiere einsteigen sollen. Das geht nicht für das geringe Fahrgeld," brummte der Kutscher. „Sie können doch unmöglich für die Kinder etwas rechnen," sagte Natalia, „die sind doch beide noch keine sieben Jahre alt." Der Kutscher stutzte. Becki starrte durch das Fenster. „Ob wir wohl Frau Elkmann begegnen werden?" sagte sie amüsiert. Josef beschäftigte sich damit, den in Unordnung geratenen Schweif seines Drachens zu entwirren. Natalia aber war so in Gedanken vertieft, daß sie keine Notiz von ihnen nahm. Jene arme kleine Daisy. Sie konnte das Bild, des Kindes mit den schönen blauen Augen nicht los werden. Welch tragisches Schicksal, den Händen einer Trinkerin, die sich in Wirtshäusern umhertrieb, preisgegeben zu sein! Wer wußte, was da alles passieren konnte? Was, wenn sie die Flucht Beckis und Josefs entdeckte und in ihrer betrunkenen Wut der armen Kleinen ein Leid zufügte? Unter allen Umständen konnte man einer so tief gesunkenen Person nicht die Sorge für ein unschuldiges Kind überlassen. Freilich sie selbst hatte kein Anrecht auf dieses Kind — es floß ja nicht einmal rein jüdisches Blut in seinen Adern. Da lag es nun, lächelnd und die schönen blauen Äugen aufschlagend. Es hatte sie so freundlich angelächelt, ohne zu ahnen, daß sie es seinem grausamen Schicksale überlassen würde. Und jetzt schrie es wieder! Sie hörte es trotz des durch den davonfahrenden Wagen verursachten Geräusches. Aber wie sollte sie es möglich "machen, ein so kleittds Kindchen aufzüziehen, da sie doch zu ihren täglichen weiten Rundgängen gezwungen war? Die anderen Kinder waren schon größer, sie waren tagsüber in der Schule. Nein, es war unmöglich. Sie bildete sich ein, daß das Schreien des Kindes lauter und immer lauter wurde. Sie steckte den Kopf aus dem Fenster. „Fahren Sie zurück, schnell zurückich habe etwas sehr Wichtiges vergessen." Der Kutscher fluchte. „Haben Sie mich für die ganze Woche engagiert?" «Ich geben Ihnen ein Extratrinkgeld. Fahren Sie schnell zurück." Der Wagen wurde umgedreht, das unschuldige Pferd bekam einen Schlag mit der Peitsche, und fuhr schnell zurück. „Was. hast Du denn nur vergessen, Groß'?" sagte Beckis „es war sehr dumm von Dir." Die Droschke hielt vor der Türe von Elkmanns Haus. Natalia blickte nervös um sich, sprang heraus und stieß dann einen verzweifelten Schrei aus. „Ach! Wir haben die Türe zugeschlagen." Ihr Wunsch, sich des Kindes zu bemächtigen, wurde durch die scheinbare Unerreichbarkeit noch gesteigert. „O, das tut nichts," sagte Becki, „Du brauchst nur die Türklinke herumzudrehen." Natalia tat es und lief rasch in das Haus. Da lag das Kind — es schrie nicht — sondern schlief friedlich. Natalia ' riß es leidenschaftlich an sich und eilte, so schnell sie konnte, damit in den Wagen zurück. „Was, Du nimmst auch Daisy mit?" .rief Becki. „Aber sie gehört Dir nicht." Natalia aber schloß die Wagentüre, und die Droschke fuhr rasch dem Ghetto zu.. (Schluß folgt.) Lin Idyll aus der Kleinstadt. Hochzugebietender Herr Redakteur! (Posemuckel, in der Purimwoche 5669. *) eine Kinder suchen die Purim-Maskerade heraus und löchern mich (wie meine selige Bobe sagte), . qb sie ihnen gut steht. Durch die Wohnräume zieht ein Ahnen von Grill-Erbsen und Kröppchen: Ja, das alles können wir uns auch nur in Posemuckel leisten. Sie, nebbich, hochzugebietender Herr Redakteur, müssen das alles entbehren, wenn Sie nicht vorziehen, Ihre Redaktion nach hier zu verlegen; denn, wie sagt mein Freund Leib Schmul: „Erstens, seh' ich gar nicht Durch unliebsamen Zufall verspätet. Daher das feine Sprichwort: Ethrogim nach Sukkot,