Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- Seite 141 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Wohl gibt es auch.'einen* Berufspriester, er ist aber keinesfalls ein Seelsorge — dieser Begriff ist überhaupt eine fremde Pflanze. auf jüdischem Boden — noch viel weniger Mittler .zwischen Menschen und Gott. Vielmehr sollen, wie der Prophet Malachi sagt, „seine Lippen die Erkenntnis, fördern, die Lehre soll man. aus seinem Munde suchen." Und diese Lehre, sie. hat keinen anderen Zweck, als uns zu heiligen, unserem Leben eine höhere Weihe zu geben, daß auch wir es als ein heiliges Gut halten, daß wir es als eine kostbare Gabe höher schätzen, daß wir es ernst und tief auffassen. Ueber die Niederungen eines rohen Sinnenlebens sollen wir uns erheben und uns immer der hohen Ausgaben bewußt bleiben, die wir gegen Gott, gegen unsere Nebenmenschen . und gegen uns selbst zu erfüllen Haben. Selbst-" beherrschung sollen wir üben, niedrige Genußsucht bekämpfen, nicht widerstandslos den Leidenschaften uns hingeben. Die Mittel zur Erreichung dieses Zieles bietet uns die Beobachtung der jüdischen Religionsvorschristen, die das ganze Dasein in seinen mannigfachen Lebensäußerungen, in seiner vielgestaltigen Betätigung wie ein kunstvolles Gewebe durchsetzen. Daß sie in diesen mannigfachen hohen Lebenszielen dienen, läßt sich sehr wohl Nachweisen*). Das Judentum wird, auch von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, allen Zeitströmungen widerstehen, denn es ist geschaffen sub speeie s.eterm. Ghetto-LomMirn. Von I. Zangwill. Die Lastträgerin. S9E3I' III. unerwartete Erscheinung eines Wagens lockte Becki vor die Haustüre, ehe noch die Großmutter Zeit gefunden hatte, auszusteigen. Die Kleine war noch nicht zehn Jahre alt, aber sie war früh entwickelt sowohl körperlich wie geistig. Es war etwas unbeabsichtigt Freches in der altklugen Art, mit der sie Erwachsene wie ihres gleichen behandelte; aber jetzt nahm ihr Gesicht einen völlig kindlichen Ausdruck an, und mit einem freudigen Schrei: „O Großmutter," sprang sie in die Arme der alten Frau. Es war die Genugtuung für des kleinen Josefs Mama. Reichliche Tränen flössen über die. Wangen der Alten, als sie ihr verlorenes Lamm an die Brust drückte. Das schmerzliche Weinen eines ganz kleinen Kindes drang aus dem Innerndes Hauses, ohne daß aber Großmutter und Enkelin Notiz davon nahmen. „Wo ist Deine Stiefmutter, mein armer Engel?" frug Natalia halblaut. Beckis Stirn legte sich in häßliche zornige Falten. Ihr Gesicht sah aus wie das eines erwachsenen Mädchens. „An den Sonntagen werden die Wirtshäuser um ein Uhr geöffnet." „O, mein Gott," rief Natalia entsetzt, in dem Augenblicke, vergessend, wie günstig dieser Umstand ihrem Vorhaben.sei. „Eine Jüdin! Du willst doch nicht im Ernste sagen, daß sie in die Wirtshäuser geht, um zu trinken?" l) In diesem'Sinne ist der Ausspruch des Rabbi Chananjah ben.Akaschjah. aufzufaffen: „Gott wollte Israel veredeln, deshalb stattete er es reich mit Geboten und Lehren aus." . „Du wirst doch nicht glauben, daß ich sie hier trinken ließe," sagte'Becki. „Wir haben hier schöne Auftritte, das kann ich Dir sagen. Der einzige Trost ist, daß sie immer besser gelaunt ist, wenn sie total betrunken ist." Das Schreien des Kindes wurde lauter und schmerzlicher. „Still doch, stille. Du armes kleines Tierchen," ries Becki und trat mechanisch in des Haus, . während die Großmutter ihr folgte. In dem einst so sauber gehaltenen stattlichen Wohnzimmer sah es schmutzig und unausgeräumt aus. Natalia. erschien es, als ob alles so röche wie die Sachen in ihrem Sacke. In einer muffigen, unsauberen Wiege lag ein Kind, das aus vollem Halse jämmerlich schrie. Becki beugte sich über das kleine hilflose Wesen und suchte es zu beruhigen, ehe die alte Frau recht begriffen hatte, wie es eigentlich hierhin käme. Selbst, nachdem sie sich darauf besonnen, bedurfte sie einiger Sekunden, um sich zu sammeln. Ach, dieses Baby war es, daß der geschminkten Puppe das Leben gekostet hatte! So, lebte es also immer noch und erinnerte durch sein Geschrei in unliebsamer Weise an jene kurze, aber schmachvolle Episode. „Verstumme wie Deine Mutter," murmelte sie gehässig. Welch ein Elend hatte Henri Elkmann zurückgelaffen! Wie recht hatte sie gehabt, da sie ihm von Anfang an mißtraute. „Wo aber ist mein kleiner Josef?" sagte sie laut. „Er spielt irgendwo auf der Straße." „Ach, mein Gott. Er spielt, während er wie dieses Kind der Schande weinen sollte. Geh' und hole ihn sofort herein!" „Was willst Du denn von ihm?" „Ich will Euch alle beide mitnehmen, diesem Elende hier entreißen. Möchtest Du gern mit mir gehen und bei mir bleiben, was, mein Lamm?" „Aber sicher; alles ist. besser, wie das Elend hier." Natalia umarmte sie stürmisch. „Geh' und hole mir meinen Josef, aber schnell — mach' schnell, ehe die Wirtshausläuserin nach Hause kommt." Becki eilte davon, und Natalia sank erschöpft in einen Stuhl, ganz überwältigt von Ermüdung und Gemütsbewegung- Das Baby in der Wiege neben ihr fing wieder jämmerlich zu schreien an, und fast automatisch begann sie, das arme Ding hin und her zu schaukeln und dabei, sich selbst unbewußt, ein althebräisches Schlafliedchen zu singen: „Schlafe,- Kindchen, schlaf, du ein, Ein Rabbi ist der Vater dein; Die Mutter bringt dir Mandelkern, Die ißt das liebe Kindchen gern. Sie fleht zum Herrn andachtsvoll. Daß er ihr Kindchen segnen soll." Als das klägliche Weinen verstummt, und das kleine Wesen beruhigt schien, vergegenwärtigte sich die Alte plötzlich mit einem gewissen Schrecken, daß sie das Kind einer Ketzerin mit einem jüdischen Wiegenliedchen zur Ruhe gesungen habe. Sie zog ihren Fuß so rasch von der Wiege zurück, als ob sie plötzlich glühend heiß gewesen wäre. Da aber ertönte gleich wieder das gellende Geschrei, und sie stellte ihren Fuß ärgerlich auf die Wiege, zurück. „Nu, nu," rief sie das Kind ärgerlich' hin und her schaukelnd, „so. schlafe doch endlich ein". Als es ruhiger wurde, schaute sie es verstohlen an und bemerkte, daß es das Saughütchen seiner Flasche verloren hatte. „Da, da, trinke," sagte sie, es ihm wieder in das Mündchen schiebend. Das Baby öffnete seine Augenes waren selten schöne, große blaue Augen —. blickte sie vertrauensvoll an und lächelte freundlich. Natalia zitterte. Es waren