Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- Seite 140 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Attributezu denön8ie Menschheit? langsam emporgerückt, äufhören würden; wenn er - behauptenwill, 'daß der Begriff „Seele" nichts bezeichnet, als - die „Summe der .Plasmabewegungen in den Ganglienzellen" und daß der Begriffs „Gott" dargestellt werden kannals „die unendliche Summe aller Naturkräfte": der muß sich bei seiner Philosophie begnügen mit einem Publikum - ungebildeter Leute oder muß sich, wenn er im Namen der Naturwiffenschaft spricht, gefallen lassen, daß ändere *■ Männer der gleichen Wissenschaft ihm' widersprechen." - - Das ist die Meinung eines der größten Meister der exakten Naturforschung! Und» wie er, so urteilen auch viele andere Naturforscher, die mit-großem Scharfsinn tief in das Weben und Walten der Naturkräste eingedrungen sind. Sie verwerfen? aus inniger Ueberzeugung die Anschauung der Naturalisten. So sagt, um nur einige Beispiele änzuführen, der Physiker Grov e, der unabhängig von Robert Mayer das Gesetz von der Erhaltung der Kraft entdeckt hat: „Bei allen Ergebnissen drängt sich -uns, je tiefer die Forschung eindringt, immer mehr die Ueberzeugung - aus, - daß weder Materie geschaffen oder vernichtet werden kann, und daß das-Wesen der Ursache uns unerreichbar ist. Das Berursäch ende ist d er Wille',: die Schöpfung die Tat Gottes." Und der geniale Robert Mayer selbst spricht sich in gleichem Sinne aus: „Wenn oberflächliche Köpfe, die sich gern als Helden des Tages gerieren, außer der materiellen sinnlich wahrnehmbaren Welt überhaupt nichts Weiteres und Höheres anerkennen wollen, so kann solche lächerliche Anmaßung einzelner der Wissenschaft nicht zur Last gelegt werden, noch viel weniger aber kann sie derselben zu Nutz und Ehre gereichen. Bemerkenswert ist besonders die folgende Tatsache. Bekanntlich herrschte früher in der Geologie die Idee, daß eine geologische Schichtung der Erde durch gewaltige Katastrophen entstanden sei. Diese Meinung ist von dem genialen Geologen Lyell, dem Lehrer, Freunde und Mitarbeiter Darwins in überzeugender Weise als unzutreffend Nachgewiesen worden. Er stellte vielmehr die seitdem'allgemein anerkannte Lehre -auf, daß die Erdschichtungen das Produkt einer stets fort- - schreitenden Entwicklung seren. Dieses wissenschaftliche Forschungsresultät hat man im Sinne einer atheistischen Welt- . anschauung zu verwerten gesucht, und doch sagt Lyell selbst, der Schöpfer dieser Cntwicklungsidee: „In welcher Richtung immer wir unsere Näturforschung anstellen mögen, überall entdecken wir die klarsten Beweise einer schöpferischen Intelligenz oder ihrer Vorsehung, Macht und Größe." Der Boden der Religion, der Gottes glaube, wird also von der Naturwissenschaft nicht'zerstört, sondern vielmehr befestigt. Nur halbes Wissen führt von Gott -ab, gründliches Wissen führt zu Gott zu. Je mehr wir durch Forschung in die Geheimnisse der Natur eindringen und ihre Schönheit enthüllen, desto mehr werden wir erfüllt mit Ehrfurcht vor dem Schöpfer und Erhalter aller dieser grandiosen Herrlichkeiten. Von dieser Idee war schon der Talmud tief durchdrungen.' Denn wir lesen im Talmud Babli (Iraetat - Labbatb S. 70 a): „Wer astronomische Kenntnisse besitzt, sich aber dieser Wissenschaft nicht eifrig befleißigt, von dem heißt es: „Gottes Werk schauen sie nicht, sein Wirken erkennen sie nicht." Die naturwissenschaftliche Forschung wird zu der Weihe einer religiösen Handlung emporgehoben. Denn auch sie ist eine der Quellen, aus denen die Gotteserkenntnis rein und lauter hervorsprudelt. Die Ueberzeugung, daß es einen einzigen Gott gibtist ebenso aller Weisheit Anfang, wie sie die unzerstörbare Grundlage des Judentums bildet. Für diese Ueberzeugung haben unsere Väter in der Diaspora alle die ungezählten unsagbaren" Leiden freudig erduldet, und wenn es nötig war, sind sie? für ' diese Ueberzeugung mit dem Bekenntnis „Schma Jisroel“ mutigin den Tod gegangen. In diesem reinen Gottesgläuben können auch wir, die Kinder einer „aufgeklärten", durch exakte Forschung charakterisierten Zeit nicht wankend gemacht werden. Unsere Religion verlangt weder hierin, noch in seinem sonstigen Lehrgehalt einen säcrificio del-intelletto, denn keine ihrer Lehren steht im Widersprüche mit den Forderungen der Vernunft, den Gesetzen der Logik oder mit irgendeiner durch wissenschaftliche Erkenntnis gewonnenen Wahrheit. Das kann bekanntlich von anderen Religionen nicht behauptet werden. Von diesen unterscheidet sich das Judentum prinzipiell auch schon dadurch, daß es seine Bekenner nicht zu gewissen Dogmen verpflichtet. Mendelssohn sagt mit Recht: Unter allen Vorschriften und Verordnungen des rabbinischen Gesetzes lautet kein einziges, du sollst glauben oder nicht glauben, sondern alle heißen, dusollst tun oder nicht tun. Der Glaube wird nicht besohlen, denn der nimmt keine anderen Befehle an als die, welche durch den Weg der Ueberzeugung zu ihm kommen." *) Hat man — wie es in den vorstehenden Ausführungen nachzuweisen versucht worden ist -- die Ueberzeugung gewonnen, daß das Judentum nicht in Widerspruch steht mit den wirklich feststehenden Ergebnissen der modernen Forschung, so darf man sich auch heute noch stolz und freudig als Jude bekennen. Es gäbe sehr viel überzeugte Juden, wenn diese Ueberzeugung weite Verbreitung fände, und wenn man sich überall klar darüber wäre, was das Wesen des Judentums ausmacht, welch ein kostbares Gut es uns bietet. Ueber diese Frage, über das Wesen des Judentums, haben namentlich in der letzten Zeit gelehrte Männer mit einem Aufwand von großem Scharfsinn und gewaltiger Belesenheit gar umfangreiche Bücher geschrieben. Wenn es auch einem Laien gestattet ist, über diesen wichtigen Gegenstand seine Meinung zu äußern, so möchte ich sagen, daß jene Frage nicht besser beantwortet werden kann, als es die heilige Schrift mit der grandiosen Klarheit und Knappheit ihrer Äusdrucksweise in den wenigen Worten getan hat: „Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk." Jeder von uns soll also Priester sein, das heißt, er sow sein Dasein in den Dienst höherer Ideen stellen und nach einer geläuterten und erleuchteten Gotteserkenntnis streben. y Während in Bibel und Talmud sich nichts von Dogmen findet, hat Maimonides bekanntlich 13 Glaubensartikel aufgestellt. Er lehnt sie an einen Ausspruch in der Nisobnak an. Dort aber (MsednaH Iraetat Sanhedrin, Abschnitt 10) ist zwar von einigen wichtigen Grundsätzen die Rede, die man wohl wenigstens zum Teile als wesentliche Basis der jüdischen Religion betrachten kann, in gleichem Range werden abernoch einige andere genannt, denen man durchaus nicht jene Dignität zuschreiben kann. Auch ist aus dem ganzen Wortlaute der Niseknab nicht ersichtlich,, daß hier eine Ausstellung von verpflichtenden Dogmen beabsichtigt wird. — Maimonides scheint übrigens keinen so wesentlichen Wert auf die Fixierung der Dogmen gelegt zu haben, da er sie nur in seine Jngendärbeit, den Mischnahkommentar, aber weder in sein religionsphilosophisches Werk Moreh liebuchim, noch auch in den religionsgesetzlichen Kodex Jad hachasakah auf* genommen hat. . Wer übrigens die Erläuterungen, die Maimonides selbst zu seinen Glaubenssätzen gibt,'aufmerksam durchlieft, der gewinnt die Ueberzeugung, daß auch hier ein der höchsten Bewunderung »vürdiger? großer Geist zu uns spricht. Er versteht es, selbst den 13. Glaubens satz, der .von der Auferstehung handelt, frei von jeder verschwommenen Mystik in so klarer, rationelles Weise darzustellen und zu begründen, daß der Satz auch für die Anschauungsweise des 20. Jahrhunderts einleuchtend erscheint.