Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- Seite 139 (sequence 7)
- Language
- German
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beginnt die Gaskugel abzukühlen; es treten Kondensationen ein, die Oberfläche» erstarrt schließlich, während ein feuerflüssiger Kern sich bildet. Diese wirklich genial ausgedachte Theorie ist von einer geradezu bestechenden Ueberzeugungskraft. So, nur so kann unser ganzes Planetensystem entstanden sein, denkt der Laie. Der Physiker, der Mann der Wissenschaft ist etwas skeptischer. Er berechnet auf Grund bewährter physikalischer Gesetze die Umdrehungsgeschwindigkeiten, die der Mond um die Erde, die Erde um die Sonne und diese um sich selbst machen müßte, wenn sie sich in der eben skizzierten Weise auseinander entwickelt haben sollten, und kommt auf Zahlen, die mit den wirklich vorhandenen kaum übereinstimmen. Demnach ist wohl die ganze Kant-Laplacesche Weltentftehungslehre wahrscheinlich ein großer Aber abgesehen von allen Physikalischen Einwürfen, würde auch diese. Theorie, selbst wenn sie auf Wahrheit beruhte,, nicht die brennende Frage nach der Ursache der ersten Bewegung beantworten. Haeckel, der große Prophet des Monismus, meint freilich dieses Problem gelöst zu haben. Aber wie? Er erklärt einfach: „Die Bewegung ist eine immanente, ursprüngliche Eigenschaft der Materie." Nur unter der Voraussetzung einer bemitleidenswerten Anspruchlosigkeit kann eine solche Erklärung genügen. Denn in Wirklichkeit ist sie doch nichts anderes, als eine Umschreibung der Tatsache der ersten Bewegung. Uebrigens ist sie auch gar nicht richtig, denn wir können uns wohl die Materie in Ruhe vorstellen. Die Ursache der ersten Bewegung bleibt ein unlösbares Problem, wenn wir nicht einen von dem Schöpfer ausgehenden Anstoß annehmen, wie die ersten Worte der Bibel es uns verkünden. Eine weitere Frage, die die Naturwissenschaft ebenfalls nicht beantworten kann, ist die: „Wie entstand das Leben?" Zwischen der anorganischen und der organischen Welt klafft eine unüberbrückbare weite Lücke. Was nach dieser Richtung die Biologie uns gelehrt, und was tausendfältige, aus dem Gebiete der Pflanzen und der Tierwelt geinachte Erfahrungen uns gezeigt haben, ist die Tatsache, daß jeder lebendigeOrganismus von einem anderen lebendigen Organismus, daß jede Zelle von einer anderen Zelle herstammt. Das gilt ebenso von dem. hochkomplizierten Organismus wie von dem allerkleinsten Lebewesen, etwa einer einzelligen Alge oder einem mikroskopisch kaum sichtbaren Bazillus. Gerade der modernste Zweig der Biologie, die Lehre von den Bakterien, deren Leben und Wirken wir so gründlich erforscht haben, bestätigt immer wieder die Tatsache, daß keines dieser kleinen Lebewesen anders entsteht, als durch Abstammung von einem früheren Individuum. Ob und wie eine Tier- oder Pflanzenart in eine andere umgewandelt werden kann, ist freilich eine andere Frage. — Auf dieses auch mit Rücksicht -auf die biblische Schöpfungsgeschichte sehr interessante Problem kann hier nicht eingegangen werden. Sie wird in biefen Blättern vielleicht zum Gegenstände einer besonderen Erörterung gemacht werden. Wie aber das Leben ursprünglich entstanden sei, das kann die Naturwissenschaft nicht beantworten. Auch hier -nüssen wir auf die schöpferische Kraft Gottes zurückgreifen. Diesen Glauben kann die Naturwissenschaft nicht erschüttern. Und wie ist es mit der Seele? Die Bibel spricht von mex Sonderexistenz der Seele, indem sie mit der plastischen Art ihrer Ausdrucksweise erzählt, Gott habe dem ersten Menschen eine Seele eingehaucht. Spricht man heutzutage in gebildeten Kreisen von einem solchen Wesen im Sinne einer SondereMenz, oder bringt man gar den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele zum Ausdruck, so begegnet man überall nur einem überlegenen I Lächeln; mitsolchen Anschauungen wird man für beschränkt oder für recht rückständig gehalten. . Wie kann man noch an eine Sonderexistenz der Seele /i glauben, wenn man weiß, daß sie sich nur durch ihre Funktion .ß äußert, und daß alle seelischen Funktionen gebunden sind an DE ein materielles Substrat, an das Gehirn? Von der Ent- Wicklung dieses Organs ist ja jede seelische Tätigkeit abhängig , | und mit ihrer Erkrankung, mit der Zerstörung bestimmter Gehirnteile hören ja die entsprechenden seelischen Aeußerungen auf. Eine .. J winzige Blutung zerreißt beispielsweise gewisse Gehirnteile, H und sofort wird das Sprachvermögen eingebüßt, also eine der D wesentlichen Fähigkeiten, die den Menschen vom Tiere unter- /D scheiden. Angesichts dieser naturwissenschaftlich sestgestellten Tatsachen will man da noch von einer- Sonderexistenz der H Seele sprechen? Und doch darf man das ruhig tun. Es ist eitle Selbst-;? Überhebung, wenn die Naturwissenschaft sich anmaßt, das -J Seelenproblem in seinem transzendentalen Teile lösen zu D können. Was weiß sie denn auch von der Grundlage aller Z geistigen Prozesse, von dem Bewußtsein erklärend zu sagen? Man kann wohl die Vorgänge in Nerven und Gehirn als chemische und physikalische Vorgänge sich vorstellen, wie aber diese Prozesse sich zu der Erscheinung des persönlichen Bewußtseins umgestalten, ist naturwissenschaftlich nicht zu erklären. ) Der Geist, der ganze Komplex des Seelenlebens, kann wohl auch ohne Materie eine Existenz haben. Von dem Vor- H handensein der ganzen Außenwelt erfahren wir ja auch nur ' durch Vermittlung unserer Sinne. Besäßen wir solche nicht, D so könnten wir nicht-wissen, daß Dinge außer unserer Person eristieren. Dürften wir aber dann behaupten, daß sie nicht . existieren? So können wir mit unseren Augen gewisse Licht- D sttrahlen nicht wahrnehmen, sie existieren aber trotzdem. 7 Daß die Annahme einer Sonderexistenz der Seele durchaus plausibel ist, erscheint uns verständlich, wenn wir uns k ein analoges Verhältnis aus dem täglichen Leben vergegenwärtigen. M Ein musikalisches Instrument, z. B. eine Orgel, verkörpert I uns bekanntlich die Musik. Sie ist das Mittel, wodurch die . ' M Musik in die materielle Welt hineinwirkt, die Luft bewegt, den Gehörapparat in Schwingungen versetzt. Eine Verletzung der Orgel macht die Musik unvollkommen, eine Zerstörung des J Instrumentes benimmt ihr die Erscheinungsmöglichkeit. Kann J man aber deswegen behaupten, daß der Begriff Musik keine J Bedeutung habe, abgesehen von ihrer materiellen Erscheinung? H Haben die Schöpfungen eines Bach keine Wirklichkeit, abgesehen von ihrer Niederschrift auf dem Papier und ihrer Darstellung durch ein Orchester? Sicherlich würden wir nichts wissen von W Musik ohne die entsprechenden paffenden Musikinstrumente? und die geeigneten Sinneswerkzeuge, aber deshalb dürfte man! doch nicht behaupten, daß die ihr zugrunde liegende Realität EM auch nicht vorhanden oder ein Phantom sei. Es kann im H Universum eine Menge von Realitäten geben, die die Materie H nicht auszudrücken und darzustellen imstande ist. Ist es nicht die Klage eines jeden Genies, daß sein Material unzulänglich? zum vollen Ausdruck ist? f „Wer annimmt," sagt Lodge, einer der größten zeit-;) genössischen Physiker, „daß Wirklichkeit beschränkt sei auf ihre j physische Aeußerung, der hat seine besondere Philosophie für D sich, zu der er natürlich persönlich das Recht hat. Wenn y| er aber lehren will, daß für den Geist keine Trans- I zendenz übrigbleibt, daß ohne die Gehirnhemisphären Bewußt- I sein und Intelligenz, Gefühl und Liebe und alle höheren A