Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- Seite 138 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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die Münchener Akademie der Wissenschaften, noch während er Privatdozent war, zu ihrem ordentlichen Mitglieds erwählte, , mußte.15 Jahre auf die besoldete Professur warten... Nach zehnjähriger erfolgreicher Lehrtätigkeit als Privatdozent wurde er,. 1899. zuerst zum Extraordinarius vorgeschlagen. Dann hatte er. noch fünf Jahre zu kämpfen, bis endlich das Gehalt für sein Ordinariat vom bayerischen Landtag bewilligt wurde. „Schlimmer als diese Ungewißheit der ganzen Existenz," schreibt.. Voll, „wirkten auf Traubes empfindliches Gemüt die häßlichen Begleiterscheinungen, die sich mit diesen Kämpfen verbänden." Voll spricht dann seine Meinung dahin aus, es sei wohl kaum ' zu bezweifeln, daß Traubes jüdische Abstammung eine Nolle bei jenen Kämpfen gespielt hat. Weil Traube Jude war und blieb, konnte man sich lange nicht entschließen, seiner Wirksam-, feit die wohlverdiente Anerkennung zu zollen. Auch die weiteren Mitteilungen des in Freundschaft eng mit ihm verbundenen Biographen über Traubes Stellung zum Judentum' unä zur antisemitischen Bewegung dürften für die Leser dieses. Blattes von Interesse sein. Einiges daraus sei darum hier wiedergegeben. „Ueber die Zumutung, durch einen Uebertritt ohne Ueberzeugung seine Laufbahn zu erleichtern, hat Traube wohl kaum je ein Wort verloren. Er hat. auch mit den Vertrautesten über religiöse Dinge selten gesprochen; und wie er? selber dies letzte nicht preisgeben mochte, so schien seiner Toleranz jeder Eingriff in die religiöse Gefühlssphäre.eines anderen immer mehr verwerflich. Die einzige Möglichkeit, die Gegner der freien Wissenschaft zu.besiegen, schien ihm die stille Wirkung, die echte und rechte Arbeit von selber tun müsse. Dem. orthodoxen Judentum stand er fern, wenn ihm auch, sein konsequenter Monotheismus und seine Freiheit von Dogmen sympathisch waren?) Aber in der Rassenfrage hat bei ihm äre Erinnerung an die leidenschaftliche Berliner antisemitische Bewegung zu Ende der 70 er Jahre lange nachgewirkt und ihn mit Trauer und mit Erbitterung erfüllt.. Lange noch war ein Gespräch mit ihm über diese Dinge nicht' leicht ohne die Gefahr eines Mißverständnisses zu führen- . Die Vorstellung, als ob er, der in Goethe und Lessing seine Lebensführer suchte und seine Arbeit der Geschichte der europäischen Kultur geweiht hatte, sich um seiner Abstammung willen nicht mehr als gleichberechtigter Deutscher und Europäer fühlen sollte, verletzte ihn um so schwerer, da auch der Vater?) auf den• er stolz war, damals viel gelitten hatte." Der Dreyfus-Prozeß hat ihn wieder tief erregt, doch war es hier bei ihm mehr die Erregung über die Beugung des Rechts, wie Voll meint. Bezeichnend für die leidenschaftliche Teilnahme, mit der er den Verhandlungen folgte, ist eine Stelle, die Voll aus einem Briefe an ihn vom 27. September 1898 mitteilt. „Ich bezahle jetzt schon," schreibt Traube an den Freund, „seit langem mit meiner Person, erlebe mit und träume davon. Und das ist, glaube ich, mehr als bloßer Konsemitismus. Ich denke, meine arischen Freunde haben jetzt dieselbe Aufregung, dieselbe Erschütterung und dasselbe Harren und Bangen. Wirklich, man denkt kaum mehr an den Menschen Dreyfus, und daß es ein Jude ist." Wir wollen zu unserem Tröste annehmen, daß er sich in seinen arischen Freunden nicht getäuscht hat. L. G. Judentum und Msturwillmlchakt. y Diese Worte sind, wie der jüdische Leser leicht sieht, nicht richtig ausgedrückt; der konsequente Monotheismus und die Freiheit von Dogmen find nicht dem orthodoxen Judentum, sondern dem Judentum überhaupt eigen. 2) Der berühmte Kliniker Ludwig Traube (geb. 18.18, gest. 1876), - der bekanntlich aus demselben Grunde lange Extraordinarius war und erst im Jahre 1872, als Falk Unterrichtsminister wurde, zum Ordinarius befördert wurde. Von Dr? med? Emanuel Fink in Homburg. II. /^geheimnisvoll am lichten Tag, soviel Licht der Aufklärung auch die moderne Naturwissenschaft über die Erscheinungswelt äusgebreitet und unser Wissen mit einer ungeheuren Menge von Tatsachenmaterial bereichert hat: das innere Wesen der Dinge — das haben wir erkannt — hleibt für uns trotz aller Naturwissenschaft immer , noch ein undurchdringliches Geheimnis. Wir können darüber wohl allerhand Hypothesen aufstellen, wir bewegen uns aber dann auf transzendentalem Gebiete, dem ja auch die religiösen'Ideen angehören. Qualitativ hat also die naturwissenschaftliche Erkenntnis, soweit es sich um das innere Wesen der Dinge handelt, keinen Vorzug vor der religiösen — selbst vorausgesetzt, daß jener ein höherer Erkenntniswert zukommt als dieser.. Mit mehr Berechtigung könnte man vielmehr das Umgekehrte behaupten, denn Gott und Unsterblichkeit, die Grundsäulen jeder höheren Religion, sind ngch Kant Forderungen der praktischen Vernunft, was man von den Grundprinzipien der Naturwissenschaft, etwa von Kraft und Stoff und dem Gesetze ihrer Unzerstörbarkeit, nicht ohne weiteres behaupten kann. Hat aber die Naturwissenschaft mehr geleistet, wo es sich um Lösung der mannigfachen Welträtsel handelt als die Religion, als es namentlich die jüdische Religion getan hat? Die erste Frage, die sich schon jedem vernünftigen Kinde aufdrängt, die auch immer die Menschheit schon in ihrer Kindheit beschäftigt hat, ist die: Wie ist die Welt entstanden? Unsere Religionsurkunde, die Bibel, lehrt mit ihren ersten Worten: „Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde", das ist die sichtbare Welt?) Ganz anders beantwortet diese Frage der Monismus. Von seinem atheistischen Standpunkte aus betrachtet, muß er ja einen Schöpfer ausschalten. Er akzeptiert also ganz und gar die naturwissenschaftliche Kosmogonie, die Kant-Laplacesche Theorie. Nach dieser Theorie bestand das Weltall im Urzustände aus einer gasförmigen Masse. Diese Masse trat in Bewegung, welche eine hohe Temperatursteigerung erzeugte: der Gasball wurde glühend heiß, und die Rotation Plattete ihn ab. Infolge der Drehungsgeschwindigkeit löste sich am Aequator ein Ring ab; dieser zerfiel, die einzelnen Teile nahmen ihrerseits wieder eine Kugelform an, die die Zentralmasse umkreisten. Indem immer mehr Wärme in den Raum hinausstrahlt, y .Man hat aus dem Gesetze von der Erhaltung der Materie, aus der Tatsache, daß sie unzerstörbar ist, daß ihre Gesamtsumme immer gleich bleibt, man. hat, sage ich, daraus den Schluß gezogen, daß sie auch von ewiger Dauer, daß sie also ungeschaffen ist. Das ist aber, auf das Universum angewendet, ein großer Irrtum. Denn das Gesetz von der Erhaltung der Materie ist immer nur auf ein begrenztes System beschränkt, höchstens also nur innerhalb des unserer Beobachtung zugänglichen Teiles des Universums. Darüber hinaus, im ganzen Universum hört mit unserer Beobachtungsmöglichkeit auch die Zuständigkeit der Physik auf. Sie kann also nicht behaupten, daß jenes Gesetz von der Erhaltung der Materie auch im ganzen Universum Geltung hat. Die jüdischen Religionsphilosophen vertreten — mit wenigen Ausnahmen — im Gegensatz zu den Lehren des Aristoteles, die Ansicht jesch meajin, daß die Materie nicht ewig ist. Maimonides freilich meint, daß wenn er philosophisch von der Ewigkeit der Materie überzeugt wäre, er dann wohl imstande sei, die betreffende Stelle der heiligen Schrift in diesem Sinne zu interpretieren. In gleichem Sinne hatte sich vor Maimonides auch der Religionsphilosoph Sa adj ah Ga dn ausgesprochen.