Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- Seite 135 (sequence 3)
- Language
- German
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nach ihrer eigenen Angabe, die Vernichtung des Urteils des Höchsten Gerichts zum Zwecke hat. In Wort und Schrift beschuldigte Zfie das Höchste Gericht der Feilheit, der Rechtsbeugung, der Fälschung und nannte die Richter Verkaufte, Bestochene, Meineidige, Lohnsklaven' der Juden und Freimaurer, in der Hoffnung, für diese unaufhörlichen Beschimpfungen zur Verantwortung gezogen zu werden. Das höchste Gericht stellte sich aber taub oder tot. Es rührte sich nicht, ließ schimpfen und' stellte keinen Strafantrag. Die Action frangaise richtete ihre Angriffe aber auch gegen Alfred' Drehfus. Ihre Blätter „llbre Parole" und „Action frangaise" sprachen täglich von ihm als von dem Verräter, dem Spion im Dienste Deutschlands, dem Schurken, dem Judas. Auch Drehfus ertrug diese Schmach ein Jahr lang mit einer Geduld, \ die vielfach geringes Verständnis fand. Endlich ließ er sich durch gewisse Einflüsse (besonders die des Bundes der Menschenrechte) bestimmen, gegen „Libre Parole“ und „Action frangaise“ wegen Beschimpfung (injures) klagbar zu werden. Für Beschimpfung ist das Zuchtpolizeigericht zuständig, vor dem kein Wahrheitsbeweis angetreten werden kann. Drehfus verlangte von jedem der beiden Blätter 200000 Franken Schadenersatz und die Einrückung des Urteils in 200Zeitungen seinerWahl. Die Verklagten erklärten jedoch, sie hätten Drehfus nicht allgemein beschimpft, sondern eines genau umschriebenen bestimmten Verbrechens, des Landesverrats, geziehen, ihn also, von seinem Standpunkt aus, verleumdet. Für Verleumdung (ckillamation) aber ist nur das Schwurgericht zuständig, vor dem der Wahrheitsbeweis gestattet ist, den sie führen wollen. Das Gericht ist heute dieser Auffassung beigetreten, hat Alfred Drehfus' Klage abgewiesen und ihm anheimgegeben, seine Sache vor die Geschworenen zu tragen. . Nun gibt es keinen Ausweg. Rust Drehfus das Schwurgericht'nicht an, so erklärt er sich, für besiegt, und die klerikalen Blätter werden die Folgerungen daraus ziehen. Sie werden in noch unfläterigeren Ausdrücken als bisher vom Verräter und Spion sprechen , und behaupten, es sei ein Geständnis seines Verrates, daß er nicht wage, seine Ehre vor den Geschworenen zu verteidigen. Erhebt er aber die Klage, so wird sich der Hergang der Gregöri-Verhandlung wiederholen. Vor zwölf Pariser antisemitischen Nationalisten und einem mit „Hausierern des Königs" vollgerammten Saale werden die Führer der „Action frangaise" alle Lügen und Fälschungen des alten Generalstabs uud seiner Helfershelfer wiederholen, als ob es nie eine Untersuchung des höchsten Gerichts und ein Urteil vom 12. Juli 1906 gegeben hätte. Drehfus' Verteidigung wird auf die Geschworenen nicht den geringsten Eindruck machen; das kann man ruhig Voraussagen. Das Ende der wüsten Verhandlungen wird die Freisprechung der Angeklagten sein, und tags darauf wird ganz Frankreich mit.Anschtagzetteln bedeckt sein, wo man lesen wird: „Der Verräter zum fünften Mal verurteilt! Das höchste Gericht gebrandmarkt! Das gefälschte Urteil vernichtet!" und dergleichen mehr. Die fluchwürdige Amnestie Maldeck-Rousseaus hat es für immer unmöglich gemacht, durch Verurteilung der Fälscher und Verbrecher der Sache einen endgültigen und gerechten Abschluß zu geben. * Das Charakterbild des russischen Antisemitenführers Purischkewitsch wird in folgendem Bericht unseres geschätzten ^.A.I'.-Korrespondenten treffend gezeichnet: „Vor einigen Tagen fand vor deni Friedensrichter in.Petersburg der Prozeß gegen den berüchtigten Autisemitenhäuptling. den Deputierten der Reichsduma Wladimir Purischkewitsch, statt, welcher ungeheures Aufsehen in der Residenz sowohl, als in ganz Rußland hervorbrachte. Der berühmte Rechtsanwalt Grusenberg trat als Ankläger auf. Seine geist- und inhaltreiche Rede, die auf die zahlreiche Versammlung einen tiefen und nachhaltigen Eindruck machte, können wir natürlich ihrem ganzen Umfange nach, hier nicht wiedergeben. Wir können uns aber das Vergnügen nicht versagen, einige Sätze in extenso an dieser Stelle zu geben. Bekanntlich hat der „dunkle Ehrenmann" Purischkewitsch sich erdreistet, in einem Briefe an die allgemein hochgeachtetste Frau Filofofow, die die Initiative zu dem' Frauenkongresse in Petersburg ergriff, diese in gemeiner Weife mit der Unterschrift „Deputierter Purischkewitsch" zu beleidigen. — Rechtsanwalt Grusenberg entwarf in zündenden Worten ein treffliches Bild dieses Unmenschen, der° den Patriotismus in Pacht genommen und sich als Diktator geberdet. „Er nahm", sagte Grusenberg, „das ganze russische Leben unter seine Aufsicht, imdem er sich als einzigen Russen erklärte — nicht nur als Gesetzgeber, sondern als Administrator, Richter und Vollstrecker. Ebenso wie Tschechows Unteroffizier Prischibejew „schreit er überall, macht er Lärm, immer Ordnung einführend, die Jungen an den Ohren ziehend, den Frauen nachsehend. Befiehlt, daß man Lieder nicht singen, uud daß man ein Feuer nicht brennen solle." Wie dieser Unteroffizier, glaubt Purischkewitsch, daß auch „die Machthaber sich ihm unterwerfen müßten." In dieser Beziehung ist er in der dritten Reichsduma, wie mir scheint, der einzige Anhänger der berühmten Formel Nabokows: „Die vollziehende Macht müsse sich der gesetzgeberischen Unterwerfen." — Die Gouverneure? Warum schicken sie ihm nicht ihre Berichte, erfüllen nicht feine Befehle? Und Purischkewitsch tadelt sie deshalb. Erinnern Sie sich an den Tadel, den er dem Moskauer Gouverneur Djunkowskh erteilte? — Die Staatsanwälte, die Richter? Verstehen dieselben etwas? Erfüllen dieselben ihre Pflichten? In Kiew sprachen die Geschworenen einen Menschen frei, der Purischkewitsch unangenehm war. Er sendet dem Staatsanwalts öes Gerichtshofes eine telegraphische Anfrage: „Wann tritt das Urteil in Kraft? Nun, werden Sie einen Protest einreichen?" Der Stäätsanwalt krümmt sich und lenkt das. herannahende Gewitter auf den Minister: „Wenden Sie sich lieber an ihn — er hat alle Mitteilungen." Purischkewitsch drückt seine Unzufriedenheit auch dem Minister ans: „Befehlen Sie, einen Protest einzureichen!" — Und ebenso der Statthalter des Kaukasus. Er ist ein vorkonstitutioneller Mann, folglich mit den Gefühlen persönlicher Würde, der nicht gewöhnt ist, fein Haupt vor jedem Usurpator zu beugen. Gut oder schlecht - verwaltet er diese Provinz nach seinem Verständnis und rechnet nicht mit den Anweisungen des Herrn Purischkewitsch. Es erfolgt ein schnelles Gericht, eine Verurteilung, und der Richter Purischkewitsch vollzieht. selbst die Strafe. Von der Tribüne der Duma schreit er: „Dieser Alte mit einem Bonbon im Munde schläft über den Akten ein". Der Kanzleivorsteher des Statthalters gefällt Purischkewitsch nicht, so brandmarkt er denselben vor ganz Rußland mit dem beleidigenden Namen: „Bestechlicher Mensch!" Der Beschimpfte weiß nicht, was er dagegen tun kann, denn vor ihm erhebt sich die hohe Barriere, die Veranwortlichkeit des Deputierten. — Baron Meyendorf gefällt ihm nicht: hätte er bloß seine Wirksamkeit kritisiert.. . Aber nein: P. beschimpft den Greis. Als dessen Kinder Genugtuung fordern, antwortet P. mit einer neuen Beleidigung. — ,;Sie sind,", schreibt er dem Schwiegersohn des Barons, dem Grafen Orlow- Dawydow, „bloß ein Edelmann und ich ... Purischkewitsch!". Man sagt und schreibt, daß dies alles deshalb geschieht, weil P. krank sein soll. Ich bin damit nicht einverstanden, — jedenfalls ist seine Krankheit eine derartige, daß nicht die Psychiater, sondern Leiter von Gefängnissen sie enträtseln können. Im Beginn seiner Wirksamkeit schüchtern und zaghaft, wirb P. später mit jedem Tage kühner. Der Wein der Willkür berauscht seinen Kopf; die erprobte Straflosigkeit drängt ihn immer mehr und mehr zu neuer, unglaublicher Ausschreitung. Und endlich gelangte er bis zur wilden Beleidigung von Müttern, Frauen und Schwestern. Haben Sie seine-Entschuldigung gelesen? Eine Mischung naiver Hinterlist mit einer neuen Frechheit. „Ich wollte bloß,".erklärt P. „die.Frau Filosofow erproben; wird sie dies geduldig ertragen,, oder nicht?" Aber vollsührt nicht P. dieselbe Probe der Langmut an der ganzen russischen Gesellschaft?