Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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. —t?, München,. 4. .März., Heute ist -hier Frau Charlotte Deutsch, .eine ln weiten Kreisen bekannte undallgemein geachtete Frau, gestorbe»^ Sie ist ihrem Ehemanne, dem früheren Direktor des Wölfischen Telegraphenbureaus Emanuel Deutsch , der vor ungefähr einem Jahre aus dem Leben schied, schnell em Tode nachgefölgt. Charlotte Deutsch wird in der hiesigen Gemeinde schwer vermißt werden, ganz besonders von den armen und ärmsten Mit-, gliedern derselben. Sie war stets bestrebt, nicht nur jegliche Not, die ihr nahte, zu lindern, sondern scheute auch nicht Zeit und Mühe, um in den entferntesten Stadtteilen die Armen aufzusuchen. Wenn die höchste Wohltätigkeit darin besteht, stets zu geben und andere zum Geben zu veranlassen, so hat diese Frau sie im vollsten Maße geübte Äls geborene Münchnerin war Charlotte Deutsch in allen jüdischen Kreisen bekannt und beliebt; sie sprach wohl nirgends vergebens für ihre Schützlinge vor, überall wurden ihr die erbetenen Beiträge zu ihren täglichen Liebeswerken gewährt. Ganz besonders reichlich flössen ihr die Mittel gelegentlich des Chanukafestes zu, an welchem sie arme Kinder mit Kleidern, Büchern und Spielzeug erfreute. Aber nicht nur den Armen war sie eine Wohltäterin. Auch in den wohlhabenden Kreisen besuchte sie die Kranken und Sterbenden; bei Trauernden war sie stets die erste, die Trost spendete. So werden nicht nur die'Armen der Gemeinde ihrer stets in Dankbarkeit gedenken. o. Stuttgart, 8. März. Der Rechenschaftsbericht des gedeihlich wirkenden „Israelitischen Landesasyl- und Unterstützungsvereins in Württemberg e. V." für 1908 kommt soeben zur Ausgabe. Der Aüs schuß hielt 14 Sitzungen ab. Die Anstalt in Sontheim steht in jeder Beziehung auf der Höhe. Zurzeit sind zwölf Pfleglinge daselbst, und sie fühlen sich im Hause, behaglich. Es wurde auch . eine Anzahl Unbemittelter mit Geld unterstützt. Aus der Betriebsrechnung ist hervorzuheben: Von 155 Mitgliedern gingen an Jahresbeiträgen 6841 Mark, ein, an Thoraspcnden 3579 Mark, an außerordentlichen Spenden 5100 Mark, Zinsen 1985 Mark, im ganzen 18 436 Mark. Bei den Ausgaben waren zu verzeichnen: Verwaltungskosten 12 050 Mark, Gehälter 1625 Mark, Unterstützungen 890 Mark, im ganzen 17 680 Mark, so daß sich ein Ueberschuß von 756 Mark ergibt. Das Vermögen des Vereins betrug am 31. Dezember 1908 228 727 Mark. OesterreLch-Nngarn. □ Wien, 9. März. Eine Karriere, wie sie nur im Lande der Unwahrscheinlichkeiten möglich ist, hat der unlängst verstorbene frühere Statthalter von Böhmen, Fvldmarschall-Leutnant Baron Kraus gemacht. Er war armer jüdischer Wächtersleute Kind und in der Nähe von Prag zu Hause. Erst nach Vollendung seiner juristischen Studien ließ er sich taufen, weil er damals — 1846 — keinerlei Aussicht auf irgendeine öffentliche Anstellung hatte. — Der böhmische Rabbiner-Verband hat auf seiner letzten Versammlung in Prag den Gedanken eines allgemeinen österreichischen Rabbinerverbandes angeregt. Es wurde schließlich ein Antrag angenommen, daß es zweckdienlich sei, in jedem Kronlande einen Rabbinerverband zu bilden: die Vorstände sämtlicher Verbände sollten jährlich mindestens einmal abwechselnd in den verschiedenen Hauptstädten zur Besprechung der gemeinsamen Interessen zusammenkommen. Die Anregungen der Gesämtvorstände sollen den einzelnen Verbänden zur Beratung und Beschlußfassung vorgelegt werden, um so ein einheitliches und zielbewußtes Vorgehen im Dienste des Judentums herbeizuführen. Bei dieser Gelegenheit - machte auch der Vorsitzende die erfreuliche Mitteilung, daß die Statthalterei in Böhmen in einem Antwortschreiben auf eine Eingabe des Rabbinerverbandes diesen nifgefordert habe, positive Vorschläge zur Verbesserung der Lage der Rabbiner vorzulegen, da die Regierung die Absicht habe, zugunsten er Rabbiner Schritte zu unternehmen. Vlm Oah und JFfrit. — Die Großloge für Deutschland „Bnei Brith" hat auch nläßlich der neuerdings eingetretenen Katastrophen ihre Tendenz, wm Bedrängten zu Hilfe zu kommen, bestätigt. Sie hat für die von öer Erdbeben-Katastrophe in Sizilien Betroffenen 3000 Mark und -ür die durch Hochwasser Geschädigten 1500 Mark gespendet . — Der Verein für Arbeitsnachweis, begründet von den Berliner Logen U. O. BI B. (E. V.) hat im Februar 171 Personen in feste Stellungen gebracht und 79 Personen vorübergehendeBeschäftigungen nachgewiesen. — Sein 50 jähriges Doktorjubiläum feierte der praktische Arzt Dr. Ludwig Gronau in der Sebastianstraße 72. Es wurde ihm aus diesem Anlasse der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen; die Universität Königsberg i. Pr-, bei der Dr. Gronau promovierte, erneuerte mit einem ehrenden Schreiben das Doktordiplom. — Der Kommerzienrat Hermann Frenkl hat den Charakter als Geheimer Kommerzienrat erhalten. — Prof. Berson, der am 8. März zusammen mit Dr. Elias im Berliner Verein für Luftschiffahrt über den Verlauf der von ihnen im vergangenen Jahre ausgeführten aerologischen Forschungsreise nach dem Viktoria-Njanfa berichten wird, ist jüdischer Herkunft. V. ist bekannt durch seine hervorragende Beteiligung an den von 1892—1897 durch den Verein für Luftschiffahrt veranstalteten wissenschaftlichen Ballonfahrten, die die erste wirklich zuverlässige Grundlage für die Kenntnis von den Vorgängen in den oberen Schichten des Luftmeeres lieferten. Er istauch bekannt durch seine Hochfahrten, deren höchste ihn auf die bisher von keinem Höhenforscher auch nur annähernd erreichte Höhe von 10800 Meter führte. — Anläßlich seines Scheidens von Rybnik wurde Herr Julius Haase zum Ehrenbürger ernannt in Anerkennung seines eifrigen und selbstlosen Wirkens für das Wohl der Stadt in seiner Eigenschaft als Stadtverordneter, stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher und Handelskammermitglied usw.. — Dem Bankier Dr. Karl Sulzbach in Frankfurt a. M. ist der Rote Adlerorden IV. Klasse verliehen worden. — Uebertragen wurde am 20. Februar d. I. dem Rabbinatsherweser Dr. Bruno Italiener in Darmstadt die Stelle eines Rabbiners der liberalen israelitischen Religionsgemeinde des Rabbinats Darmstadt. — Nach langem, schwerem Leiden verschied — erst 38jährig — Rechtsanwalt Simon Schoktenfels, Ausschußmitglied der israelitischen . Gemeinde Aschaffenburg. — Aus Anlaß seines Geburtstages' hat der König von Württemberg Herrn Wolfs, . Obmann des Bürger-Ausschusses in Heilbronn das Verdienstkreuz verliehen. — In Konstanz wurde Dr. Chone-Nürnberg zum Rabbiner gewählt. — Auf Antrag des französischen Kriegsministers wurde der Hauptmann des 46. Infanterieregiments M. Söe zum Chevalier der Ehrenlegion ernannt. Die Ernennung erfolgte auf Grund folgender Verdienste: sieben Schlachten, hervorragende Dienste, geleistet in der Kommission zur Feststellung der französisch-siamesischen Grenze, welche bei der Feststellung der Friedensbedinguugen zwischen Frankreich und Siam von großer Wichtigkeit waren. — Die auf der äußersten Rechten sitzenden Abgeordneten der russischen Reichsduma haben beschlossen, für den Fall, daß die Judenfrage in der Duma nicht in ihrem „Geiste" gelöst werden sollte, eine intensive Agitation für Absendung von Petitionen an den Zaren zu entfalten, die die Gnade des Zaren zur Vernichtung der Juden anrufen sollen. — Im Oberrate des russischen Volksverbandes in Petersburg hielt Deputierter Markow dieser Tage einen Vortrag, in welchem er sich bemühte, nachzuweisen, daß der russische Ministerpräsident Stolypin von Juden abstamme. An das Referat schloß sich eine sehr lebhafte Debatte, die damit endete, daß alle Anwesenden die Ueberzeugung aussprachen, daß der Urgroßvater Stolypins ein getaufter littauischer Jude war. Als Beweis hierfür wird besonders die Tatsache angeführt, daß im Familienwappen derer von Stolypin auch ein blaues Kreuz zu sehen sei, und das blaue Kreuz wurde im 18. Jahrhundert gewöhnlich den getauften Juden als Symbol ihres Uebertrittes verliehen. — Der Verein Uemaan Zion erhielt die telegraphische Mitteilung, daß die Genickstarre in Jerusalem ausgebrochen ist. Daraufhin hat der Verein sofort eine Sendung Serum abgehen lassen. — Nach einer Mitteilung des Deutschen Bureaus der Alliance Isra&ite Universelle sind im Monat Januar 3310 jüdische Einwanderer in Newyork gegen 4889 im Januar 1908 gelandet. Es kamen aus Rußland 2235, aus Oesterreich 581, aus Ungarn 299, aus Rumänien 133, aus Deutschland. 12, aus England 25 usw. Von den Neueingewanderten blieben 2417 in Newyork, während 893 sich nach anderen Plätzen der Vereinigten Staaten begaben.—