Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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geborene Jaffe. Den Eheleuten war es vergönnt, fünf Hochzeitenmiteinander zu begehen, und zwar die grüne, die silberne, die goldene, die diamantene und die eiserne. Nach 72 jähriger Ehe starb das'. Paar; der Mann 96, die Frau 92 Jahre alt. Zu den letzten drei Hochzeitstagen erhielt das Jubelpaar seinerzeit auch Glückwünsche ■ und Präsente vom preußischen Königshause. Die Eheleute' hatten zwölf Kinder, denen es vergönnswar, der diamantenen Hochzeitsfeier ihrer Eltern beizuwohnen. Heute sind noch drei Söhne am Leben. Der älteste ist 86 Jahre alt. Zur eisernen Hochzeit des Simon Silbersteinschen Ehepaares, das am 9. März 1879 in Vietz an der Ostbahn gefeiert wurde, waren sechs Nachkommen erschienen, heute beträgt die Zahl der Abkömmlinge etwa das Dreifache. — Von einigen Familienmitgliedern angeregt, hat nun die 100 jährige Wiederkehr des Hochzeitstages der Stqmmeltern die Nachkommen zu einem - Festessen vereinigt. s. Berlin, 8. März. Am 4. d. M. ist hier der Lehrer am Seminar für orientalische Sprachen, Hermann Plaut, im 63. Lebensjahre an Herzschlag gestorben. Er hat seit dreißig Jahren Japaner in der deutschen Sprache unterrichtet. Sein erster Schüler: war der jetzige Premierminister Marquis Katsura. Auch dem Prinzen Kuni von Japan erteilte er während dessen Aufenthalt in Berlin deutschen Sprachunterricht. Der Verstorbene war einer. der Mitbegründer der hiesigen deutsch-japanischen Gesellschaft (Wa-Doku-Kai), und im Besitze des Ordens der „Ausgehenden Sonne". Plaut war ein hervorragender Kenner der japanischen Sprache und hat ein japanisches Lesebuch und eine japanische Grammatik herausgegeben. Lp. Aus der Provinz Posen, im März. Lehrer Saling er in Zn in tritt zum 1. Mai d. I. in den Ruhestand. — Der jüngst in Ostrowo verstorbene Stadtrat und Fabrikbesitzer Fabian Fränkel hat der jüdischen Gemeinde ein Legat von 2000 Mark hinterlassen; an die Auszahlung desselben, die in drei Raten erfolgen soll, sind Bedingungen geknüpft, die sich hauptsächlich auf die Ver-- richtung des Kaddischgebetes an seinem Todestage beziehen. — In Obersitzko ist neulich plötzlich der Kaufmann Siegmund Löwinsohn im Alter von 67 Jahren gestorben.- Derselbe war daselbst Stadtverordnetenvorsteher und Vorstandsmitglied der Shnagogengemeinde. — Neulich beging das Rentier Isidor Philippsche Ehepaar in Crone a. Br. unter vielen Ovationen der Stadt und Vertretung der Shnagogengemeinde das Fest der goldenen Hochzeit; drei Tage später erlag Herr Philipp indes einem plötzlichen Herzschlage. — Zur Friedhofserweiterung der jüdischen Gemeinde in Fi lehne hat die Ehefrau des vor kurzem verstorbenen Holzhändlers Bernhard Pieck in Berlin der Gemeinde in Filehne 12000 Mark überwiesen. — In Ostrowo hat sich unter Leitung des Rabbiners Dr. Neuhaus ein jüdischer Fortbildungsverein gebildet, dem hauptsächlich Lehrlinge und Gehilfen im Alter von 16 bis 25 Jahren an gehören; es werden Leseabende veranstaltet und Vorträge gehalten. — In Kempen ist plötzlich im Aller von 75 Jahren der Rentier Moritz Mendel Fischer gestorben. Derselbe war 22 Jahre hindurch daselbst Stadtverordneter und hervorragendes Mitglied der freiwilligen Feuerwehr und des Kriegervereins; außerdem gehörte er der Verwaltung der Shnagogengemeinde sowie dem Vorstande der Chewra Kadiseha daselbst an. — In Wreschen ist vor kurzem ein in der Verwaltung der Stadt als auch in der Shnagogengemeinde vorteilhaft bewährter Mann, nämlich Herr Louis Türk, gestorben. — Lehrer I. Nadel in Ostrowo ist neulich zum Schulrepräsentanten der jüdischen Gemeinde neugewählt worden. — In Ostrowo hat sich kürzlich eine Ortsgruppe des Vereins der Sabbatfreunde gebildet. — . — Hannover, 9. März. Der Verein zur Förderung des Handwerks unter den Juden.in der Provinz Hannover hielt seine Generalversammlung ab. Aus dem für die Jahre 1906 bis 1908 erstatteten Jahresbericht teilen wir mit, daß der Mitgliederbestand sich auf 299 beläuft. Die Führung und Haltung der Lehrlinge war durchweg zufriedenstellend, zum Teil gut.- Die Gesellenprüfung wurde mit einer Ausnahme bestanden. Mehrfache Wünsche nach Unterstützung bei der Selbständigmachung als Meister wurden zunächst abhängig gemacht von der nach den Bestimmungen der Novelle zur Reichsgewerbeordnung jetzt dringend zu fordernden Meisterprüfung. Bei der Knappheit der dem Verein jetzt zur Verfügung stehenden Mitteldie diesen zu seinem Bedauern auf. diesem . so wichtigen Gebiete zur Untätigkeit zwingt, hat der Vorstand durch Gesuche bei besser dotierten Stiftungen zu helfen sich bemüht, und besonders bei der Alexander und Fanny Simonschen Stiftung ein sachverständiges Entgegenkommen in mehreren Fällen gefunden. Aus der Louis Ephraimstiftung flössen dem Verein Zuwendungen von jährlich,100 bis 150 Mark zu. Die Einnahme betrug 'während. der drei Jahre insgesamt 17 162 Mark; am 31. Dezember 1908 war ein Kassenbestand von 2173 Mark vorhanden. An Unterstützungen wurden verausgabt im Jahre 1905 bis 1906: 1361 Mark, .1907: 1154 Mark und 1908: 1388 Mark, insgesamt 3993 Mark. Aus .dev Direktion ist äusgeschieden durch Tod Fabrikbesitzer Leopold Gonipertz. :M. Hamburg, 8. März. Die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland, Ortsgruppe Hamburg, hat eine öffentliche Versammlung im Logenhause Welkerstraße abgehalten, um weitere Kreise mit den Zielen und Zwecken der liberalen Vereinigung bekannt zu machen. Der Vorsitzende, Dr. Tentler, wies daraufhin, . daß vor etwa 100 Jahren von Hamburg die Resormbewegung im Judentum ausging. Einflußreiche Männer von liberaler Gesinnung vereinigten sich, um den Tempelverband zu gründen. Von Hamburg machte die Reformbewegung ihren Weg über ganz Deutschland; die im Hamburger Tempel eingeführte Liturgie wurde dann später maß-. gebend für alle deutschen Gemeinden, die sich von der Orthodoxie trenntet!. Seit Jahrzehnten ist aber nichts mehr für die Ausbreitung respektive Reorganisation des liberalen Judentums geschehen, und um so freudiger sei die Gründung der liberalen Vereinigung zu begrüßen. Der Referent Dr. C. Seligmann-Frankfurt a. M. sprach dann über die „Zukunft des Judentums". Er betonte, daß über die Ziele der liberalen Vereinigung vielfach irrige Meinungen vorherrschend sind. Die liberale Vereinigung sei keine Kampfesorganisation, die die Orthodoxie durchaus bekämpfen will. Sie bezwecke auch nicht, die sämtlichen, althergebrachten Gebräuche im Judentum abzuschaffen, die liberale Vereinigung ist nicht gegründet, um einzureißen, sondern um aufzubauen und zu erhalten. Der Wahrspruch der neuen Organisation ist: .»Niemanden zum Trutz, sondern dem Judentum zum Schutz". Es handele sich auch nicht um einzelne dogmatische Fragen, sondern um die Erhaltung des Judentums in Deutschland. Es gibt drei Strömungen im Judentum. Die Strenggläubigen respektive die Orthodoxen wollen an den alten Dogmen nichts ändern und nichts reorganisieren, die Liberalen sehen aber ein, daß der Strom die alte Burg unterwühlt, sie fürchten die Zerstörung und wollen, um das Judentum zu erhalten, reorganisieren. Die dritte Partei sind die Indifferenten, denen an der weiteren Erhaltung des Judentums überhaupt nichts gelegen ist. Die soziale Entwicklung stellt auch an die Bekenner des Judentums Ansprüche, von denen wir in früheren Zeiten nichts gewußt haben. Diesen Ansprüchen wollen die Liberalen sich anpassen, während die Orthodoxen von alten Gebräuchen und Zeremonien nichts abschaffen wollen, selbst auf die Gefahr hin, daß sich immer weitere Kreise vom Judentum ganz abwenden. Die liberale Vereinigung vertritt weiter den Standpunkt, daß die Zugehörigkeit zum Judentum nicht von der Befolgung der Zeremonialgesetze abhängig gemacht werden soll. Die Befolgung oder Nichtbefolgung dieser Gesetze soll jedem einzelnen überlassen bleiben, sie verlangt nur die sonstige Betätigung im Leben als Jude. Die liberale Vereinigung will auch nicht die Orthodoxie bekämpfen oder überzeugen, sie wendet sich mehr an die Indifferenten, an diejenigen Kreise, die bisher abseits von dem angestammten Glauben gestanden haben. Das Judentum der Zukunft soll eine Gemeinschaft der Glaubenstreue bilden. In der Debatte vertraten die Herren Dr. Halpern und Möller den Standpunkt des Zionismus, während Herr Dr. Sonderling die Ausführungen des Referenten noch ergänzte. Herr Dr. E. Seligmann betonte noch in seinem Schlußwort, daß die liberale Vereinigung wohl' in mancher Beziehung mit dem Zionismus übereinstimme, aber alle seine Ideen und Ziele könne sie nicht gutheißen. Er ersuche die Anwesenden auch, nicht das trennende sondern das einigende Moment zu beachten. Nach einem warmen Apell des Vorsitzenden an die Versammlung, für die Hamburger Ortsgruppe weiter zu propagieren, wurde die imposante Versammlung geschlossen. Der hiesigen Ortsgruppe traten sofort noch eine größere Anzahl neuer Mitglieder bei.