Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 132 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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geben und auch über den anderen Engel weggleitend. Ihre Gedanken beschäftigten sich nur noch mit diesem einen Thema- Wie konnte auch ein Mann, der es kennen gelernt, welcher Segen eine nüchterne, gottesfürchtige Frau ist, nun das Leben an der Seite -eines Weibes ertragen,- das trank und die Kinder schlug? „Nein, es war kein Wunder, daß er sich selbst um das Leben gebracht hatte!" Die Klatschbasen bedeuteten ihr, daß man allgemein der , Ansicht' sei, er habe sich seiner unglücklichen Ehe durch die Flucht entzogen. „Sie haben recht." gab Natalia unlogischerweise sofort zu. „Das ist die Handlungsweise eines Feiglings, wie er "esist; er überläßt die armen Kinder der Gnade und Barmherzigkeit eines Weibes, mit dem er selbstes nicht aushalten konnte. Um Gotteswillen, was soll nun aus den armen kleinen Wesen werden." „O, ihr Vater, der Kürschner, wird sich um sie zu kümmern haben," versicherte man ihr. „Er hat seine Tochter damals doch auch anständig ausgestattet. Sie wissen, daß sie fünfzig Pfund in barem Geld und dazu Betten und Hausrat mit in die Ehe brachte. O, Elkmann hat sich das schon überlegt! Er weiß recht gut, daß seine Kinder nicht verhungern werden." „Ich bin dessen nicht so sicher," sagte die alte Frau und schüttelte sorgenvoll ihr Haupt mit der schwarzen, glänzenden Perücke darauf. Was sollte sie anfangen? Ach, wenn nun der Kürschner sich eine solche Last nicht aufbinden ließe? Sie fühlte, daß. durch Henris Flucht ihre eigenen Beziehungen zu dem Hause Elkmanns noch loser geworden. Wenn sie jetzt käme, um auszuspionieren, wie es um die Kinder stände, würde sie der . Frau zu trotzen haben, in deren rechtmäßiger Obhut sie standen. Aber nein, bei reiflicherem Ueberlegen fand sie, daß es eben , diese andere Frau war,. die durch Henris Flucht den Kindern zur Fremden geworden war. Was verband diese schlechte Person noch mit den Kindern? Sie war nur ein Eindringling. Heraus mit ihr oder, wenn das nicht ging, heraus mit den Kindern. Ja, sie wollte dreist hingehen und sie fordern. Die arme Becki! der arme Joseph! Ihr Herz blutete. „Ihr sollt geschlagen werden, nachdem Ihr die Liebe einer Mutter kennen gelernt habt!" Natürlich würde es ihr nicht leicht werden, die Kinder durchzubringen. Aber wenn sie noch mehr arbeitete, noch fleißiger umherlief und abends etwas länger nähte und die alten Kleider auffrischte; wenn sie etwas weniger und noch einfacher essen würde, dann, meinte sie, würde es schon gehen. Ueber Tag würden die Kinder beide ja meistens in der Schule sein und sie nicht hindern, die gewohnten Rundgänge zu machen, und wenn sie dann abends die eingekauften Sachen sortierte und ausbesserte, würden sie bei der Großmutter sein. Ach, wie köstlich, daß dann «endlich die Bürde der Einsamkeit von ihr genommen würde; die hatte schwerer auf ihr gelastet als der schwerste Sack. Ein solcher Preis lohnte sich der Arbeit und Sorge. Vor dem Schlafengehen würde sie mit ihnen die hebräischen Nachtgebete sprechen und sie.dann zu Bette bringen, genau so, wie sie dies einst mit Fanny getan. Wie aber, wenn diese Frau ihr die Kinder nicht gutmütig abtreten würde — und Natalia glaubte beinahe, daß sie es nicht tun würde — nur aus Tücke und teuflischer Bosheit. Wie, wenn ihre wohlhabenden Eltern sie reichlich versorgten, und sie die Kinder behalten wollte, um sich an ihnen für die Flucht'des Vaters zu rächen oder sie als Geisel zu behalten, die ihr für seine Rückkehr-bürgten? Nun, dann war Natalia fest entschlossen, sie zu überlisten — wenn es sein müßte, die Kinder - gewaltsam - zu entführen! Waren sie erst in Händen ihrer Großmutter, dann wollte sie die Hilfe des Gesetzes, in Anspruch nehmen; das würde ihr schon beistehen und die armen Kinder nicht dieser Fremden, diesem dem Trünke ergebenen, wüsten Weibe ausliesern, das keine Rechte an sie hatte. . Es war an einem Sonntagnachmittag, während sie die alten Kleider einer in Hollowah wohnenden jüdischen Familie erhandelte, daß der Gedanke an eine gewaltsame Entführung ihrer Enkel zuerst in ihr aufstieg und sich rasch zum festen "Entschlüsse gestaltete. Sie mußte einen Wagen nehmen, um die eingekauften Sachen in ihre so entfernt liegende Wohnung zu bringen. Welch herrliche Gelegenheit, gleichzeitig die Kinder mit sortzunehmen! Elkmanns.Haus lag auf ihrem Heimwege. Es reizte sie, so rasch wie möglich zum Ziele zu kommen. Sie packte ihren Kram, der in großen Haufen an der Erde lag, so schnell wie möglich in ihren Sack, preßte die Kleider immer fester auseinander, bis es schien, als habe sie einen Wundersack, der das ganze Kleidergeschäft in Hollowah in sich aüfnehmen könne. Natalias Hirn erhitzte sich mehr und mehr bei dem Gedanken an das kommende Abenteuer. Sie ließ ihren Sack in dem Hausflur stehen und eilte davon, einen Wagen zu holen. Wenn Natalia zu anderen Gelegenheiten zur Fortschasfung ihrer Einkäufe eine Droschke nehmen mußte,, so beschäftigte diese Angelegenheit sie wenigstens eine halbe Stunde. Sie feilschte um den Preis, klagte den christlichen Kutschern ihre große Armut und bot ihnen eine lächerliche Summe dafür, sie und ihren Sack nach Hause zu fahren. Aber heute war sie so aufgeregt, daß sie nur einen mittelmäßigen Handel abschloß. Der umfangreiche Sack wurde in der Droschke verpackt, Natalia sprang ihm nach und sagte dem Kutscher mit fester Stimme, er solle sie nach Elkmanns Haus fahren. (Fortsetzung folgt.) Sprechlaal. Geehrter Herr Redakteur! den Artikel von mir, den Sie kürzlich über das geistreiche und liebenswürdige Buch von Franz Servaes veröffentlicht hatten, hat sich leider so manche irrige Ansicht eingeschlichen, die ich im Interesse der Wahrheit beziehungsweise der Korrektheit richtig gestellt sehen möchte. Meine lebhafte und warme Anerkennung sowohl der Schrift des hervorragenden Literar- und Kunsthistorikers über „Wien, Briefe an eine Freundin in Berlin" als auch der edlen philanthropischen und philosemitischen Gesinnungen des Herrn Verfassers hat mich zu dem einen oder dem anderen Zitate veranlaßt, aus dem man schlußfolgern könnte, daß alle meine Ausführungen sich mit denen des Herrn Dr. Franz Servaes decken würden. Das ist aber keineswegs der Fall. Ich möchte auch den Schein vermeiden, als wollte ich meine eigenen Anschauungen denen des genannten Autors in den Mund legen. So hat er z. B.' in seiner Schrift nicht behauptet, daß die Mehrzahl der Wiener Künstlerinnen Jüdinnen seien, noch auch speziell die jüdische Abstammung der Bildhauerin Theresa Feodorowna Ries besonders stark unterstrichen, wie ich es hier getan habe. Um allen Mißverständnissen und Jrrtümern von vornherein vorzubeugen, bitte ich Sie, von dieser meiner Erklärung beziehungsweise Richtigstellung freundlichst Notiz zu nehmen. Mit vorzüglichster Hochachtung und besten Grüßen Ihr Dr. Adolph Kohut. Druck und Berlaci von-Rudolf Mosse in Berlin. BcraruwottUch für die Redaktion. 'JJtai Bauckiw i h in Berlin..