Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Natalia wurde es abwechselnd heiß und kalt. Es war nicht allein, daß ihr kleiner Joseph sich in die Arme dieses Geschöpfes flüchtete, selbst nicht, daß er ihre Mütterlichkeit anerkannte. Es war das Wort Mama, was. sie so tief verletzte. Dies Wort schien ihr ein Beweis dafür, daß aus diesem Hause der alte Glauben für immer verschwunden sei. lauta; so hörte sie die Kinder christlicher Eltern ihre Mutter anreden, an deren Türe sie handelte. Fanny war eine Mutter gewesen, eine liebe häuslichejüdische Mutier. Dieses Wort Mama, das man ihre Enkel gelehrt, erschien ihr wie ein Triumph des über das Grab ihrer Tochter wegschreitenden Christentums. Wenn Mamas Schuhe verkauft werden sollen, so laßt es mich wißen," zischte sie. „Ich werde Euch den höchsten Preis dafür zahlen!" Es graute Henri, aber er antwortete, indem er sie dem Ausgange zudrängte: „Gewiß, gewiß. Guten Morgen." „Ich werde Dir dafür geben, was Du forderst — ha, ich weiß es gewiß, sie kommen — kommen in meinen Sack!" Die Tür schloß sich hinter der grotesken alten Sibylle, und Henri zog sein zitterndes junges Weib zärtlich an die Brust und drückte einen langen Kuß auf ihre frischen Kirschenlippen. Später erklärte er ihr, daß die halbverrückte alte Trödlerin den Kindern wie der ganzen Nachbarschaft unter dem Namen die Großmutter bekannt sei. Die zweite Frau Elkmann starb, als sie ihrem ersten Kinde das Leben gab. Das rosige Antlitz verblaßte und sah aus wie ein weißes Engelsgesicht; die zarte zierliche Gestalt lag wie ein aus Marmor gehauenes Bild still und regungslos, und das Geschrei eines winzigen kahlköpfigen Geschöpfchens war der Preis ihres Sterbens. Henri Elkmann war überwältigt von Schmerz und abergläubischem Grauen. Ihm summte eine althebräische Redensart durch den Kopf: „Es gibt drei Dinge, um derentwillen die Frauen im Wochenbett sterben." Er erinnerte sich nicht genau, was für Dinge es seien; nur das fiel ihm ein, daß es eine Frau niemals unterlassen dürfe, ein Stückchen des Teiges, aus dem das Sabbatbrot gebacken würde, in das Feuer zu werfen. Aber solche Unterlassungssünden konnten doch kaum einer Christin angerechnet werden, dachte er traurig. Das einzige, was ihn etwas von seinem Kummer abzog, war die Sorge um das neugeborene Kindchen. Es dauerte ein paar Tage, ehe die traurigen Nachrichten die alte Frau erreichten. „Es ist eine gerechte Strafe," sagte sie mit einer gewissen feierlichen Befriedigung. „Nun wird die Seele meiner Fanny Ruhe finden." Aber sie rühmte die Gerechtigkeit des Gottes Israels nicht, und kam auch nicht, um die alten Kleider der gestorbenen jungen Frau zu erhandeln. Sie war einfach zufrieden, daß eine ihr sündhaft erscheinende Verbindung durch höhere Gewalt aufgelöst sei, und sie klopfte dann ohne ihren Sack bescheiden an der Tür Elkmanns an, um zu fragen, ob sie ihm in dieser tragischen Krisis irgendwie behilflich sein könne. „Aus meinen Augen, Du mit Deinem bösen Blick," rief Henri und schlug ihr die Tür vor der Nase zu. Da brach Natalia, von ihren Gefühlen überwältigt, in heiße Tränen aus. So sollte sie immer noch ausgeschlossen bleiben! Die nächste Neuigkeit, die Natalia zu Ohren kam, war? ebenso aufregend wie Gretchens Tod. Henri hatte abermals geheiratet. Wahrscheinlich hatte er sich des schon bei seiner ersten Ehe benutzten Vorwandes bedient, daß er dies seinen Kindern schuldig sei; jedenfalls hatte er auch diesmal die übliche Trauerzeit nicht abgewartet. Seine dritte Frau war jedoch eine Jüdin, wie die erste. Henri war zu seinen Glaubensgenossen zurückgekehrt. War es sein Gewissen, das ihn dazu veranlaßte? Niemand wußte, es. Was aber jeder wußte, das war, daß die dritte Frau Elkmann eine jüdische Schönheit reinster Rasse sei, die dem orthodoxen Glauben angehörte, und die ihre 50 Pfund Sterling in bar und außerdem eine reiche Aussteuer von Betten, Leinen und anderen nützlichen Dingen mitbrachte, die ihre Eltern für sie zusammengerafft hatten, ohne vorauszusehen, daß sie einen Mann heiraten würde,. der zum zweitenmal Witwer war, und der daher schon überreich mit Möbeln und Hausinventar versorgt war. Die Gefühle der alten Trödlerin waren gemischter wie je. Sie hatte eine Empfindung, als hätte der jüdische Geistliche unter keiner Bedingung Elkmann unter den Heiratsbaldachin zulassen dürfen. Ihr schien die Erinnerung an Fanny auf das neue entweiht durch diese so rasch aufeinanderfolgenden Ehen. Auf der anderen Seite freute es sie, daß die neue Stiefmutter ihrer. Enkel eine orthodoxe Jüdin sei, die sie lehren würde, die Gesetze der Religion heilig zu halten, und die ihnen keine Mama, sondern eine jüdische Mutter sein würde, die sie lieben und treu pflegen, würde. Dieser Gedanke tröstete sie einigermaßen dafür, daß sie aus ihrem Leben ausgeschlossen blieb; sie fühlte, daß dies notwendig sei, selbst wenn Henri ihr freundlicher gesinnt gewesen wäre. 'Diese dritte Frau hatte sie natürlich dem Hause noch mehr entfremdet, sie fühlte, wie ihre Beziehungen immer loser würden. Sie war in den Rang einer Kusine entfernterer Verwandten zurückgedrängt, wagte es kaum mehr, ihre Rechte als Schwiegermutter geltend zu machen. Die Tage gingen vorüber, und wieder beschäftigte sich der Klatsch mit Elkmanns Haushaltung. Die Nachrichten darüber, die, wie alles, was ihr zu Ohren kam, aus zweiter oder dritter Hand stammten, wurden von Natalia auf ihren Rundwanderungen begierig gesammelt. Es schien, als ob Henri mit seiner dritten Frau ganz elend hereingefallen sei. Sie war zänkisch, sie schlug ihre Stiefkinder, und was die schlimmste und seltenste Sünde bei einer jüdischen Hausfrau ist — sie trank. Man sagte, daß Henri in Verzweiflung darüber sei. „Nebbich, die armen kleinen Kinder," rief Natalia entsetzt. Sie sann vergebens darüber nach, wie ihnen zu helfen sei; aber wie sehr sie auch ihr Gehirn zermarterte, sie konnte keinen Ausweg finden. Wochen vergingen, und von allen Seiten trug man es der Alten zu, wie schlecht die dritte Frau Elkmann sich betrage, dann kam der Zusammensturz — Henri war verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlaffen! Die schlechte Frau und die unschuldigen Kinder saßen verlassen in dem vierzimmerigen Hause. Er erschien nicht mehr in dem großen Kleidergeschäfte S. Cohns. Einige wollten wissen, daß er Selbstmord begangen habe; andere behaupten, daß er nach Amerika geflohen sei. Benjamin Beckenstein, der Zuschneider des Geschäftes,' der die letztere Hypothese aufgestellt hatte, erzählte, daß er ihm gesagt habe: „Nachdem ich mit zwei Engeln gelebt habe,, ist es mir unmöglich, mit einem Dämon zu leben." „Och! Endlich also sieht er doch ein, daß Fanny ein Engel war," sagte Natalia, ohne dev Vermutung, daß er vielleicht nach Amerika gegangen sei, irgendwelche Bedeutung zu