Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 130 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Uebrigens ist — beiläufige gesagt — das ganze imponierende Gebäude der Atomtheorie in der letzten Zeit selbst noch ins Wanken geraten. Vor dem inneren Wesen des Naturgeschehens steht die Wissenschaft also heute noch nach wie vor dem verschleierten Bilde von Sais. ^gUlLfLetJo/7 RSS5SS Lhetto-Lomödien. Von I. Zangwill. Die Lastträgerin. II. mit der Gabel in der Hand kam Elkman aus dem Speisezimmer und blieb erschrocken stehen, als er Natalia erkannte. „Was willst Du hier," murmelte er. „Fannys Schuhe," rief sie. „Wer ist das?" sragte die junge Frau, ihren Mann erstaunt ansehend. „Ein halb verrücktes altes Weib, dem wir aus Mitleid zuweilen etwas zu verdienen geben," flüsterte er zurück, führte sie dann rasch in das Zimmer. „Laß mich allein mit ihr fertig werden," sagte er leise und schloß die Tür. „So, das also ist Deine geschminkte Puppe," zischte die- Schwiegermutter in jiddischem Jargon. - „Geschminkt," sagte er ärgerlich. „Gretchen geschminkt? Sie ist so wenig geschminkt wie ein rosiger Apfel. Sie ist ein Landmädchen, und ihre Mutter war eine Lady." „Ihre Mutter vielleicht! Aber sie? Du siehst im Schaufenster einen glänzenden Zylinderhut, der zu 16 Schilling 50 Pence ausgezeichnet ist, und bildest Dir ein, er wäre neu. Aber ich weiß es besser, woher er stammt. Er ist aus dem Rinnstein aufgelesen worden. Ach, wie ist es nur möglich, daß Du Dich von ihr bestricken ließest, während es doch so viele rechtschaffene Jüdinnen gibt, die keinen Mann haben." „Es tut mir leid, wenn sie Dir nicht gefällt, aber es ist das meine Angelegenheit und nicht die Deine." „Nicht die meine? Nachdem ich Dir meine Fanny gegeben, die Sklavenarbeit für Dich verrichtet und Dir zwei^ Kinder geboren hat?" „Es ist ihrer Kinder wegen, daß ich wieder zu heiraten gezwungen war." „Was? Du mußtest wegen Fannys Kindern ein Christin heiraten? O möge Gott Dir Deine Sünde vergeben!" „Wir sind hier nicht mehr in Polen," sagte er verdrießlich. „Ach! Ich habe es stets gesagt,' daß Du ein Sünder in Israel bist. Meine Fanny hat um Deiner Sünden willen sterben müssen. O, möchte der schwarze Tod auch Dich vernichten!" „Wenn Du jetzt nicht aufhörst zu fluchen, werde ich einen Polizisten rufen." „O, sperr? mich nur ein, sperr? mich nur ein — die Schmach kommt'über Dich. Die ganze Welt soll es wissen." „So geh' ruhig fort. Du bist nicht dazu berechtigt, hierher zu kommen und Gretchen — meine Frau zu erschrecken. Sie ist sehr zart und muß geschont werden." „So mag sie für uns alle geopfert werden. Ich habe das Recht, hierher zu kommen, so viel es mir beliebt." „Das Recht hast Du nicht.";,Doch. Ich habe ein Recht auf die Kinderl Mein Blut fließt in ihren Adern." „Du hast kein Recht auf sie. Die Kinder gehören ihrem Vater." „Ja, ihrem Vater im Himmel," sägte sie die Hand , erhebend und mit dem Pathetischen Ausdruck einer Prophetin, während sie mit der Hand den Sack auf ihre Schultern lud. „Die Kinder sind die Kinder Israels, und sie müssen sich unter das Joch des Gesetzes beugen." „Was willst Du denn eigentlich hier," sagte er, sie zornig anblickend. ' „Gib mir die Kinder, ich werde sie in der Furcht des Herrn erziehen. Wandle Du Deine eigenen gottlosen Wege, frei von jeder Last — Du und Deine christliche Puppe! Du gehörst nicht mehr zu uns. Gib mir die Kinder, und ich werde ruhig gehen." Er sah sie spöttisch an. „Du hast wohl getrunken, meine gute Schwiegermutter?" „Ja, das Wasser der Trübsal. Gib mir. die Kinder." „Aber die würden gar nicht mit Dir gehen wollen. Sie lieben ihre Stiefmutter zärtlich." „Sie lieben diese geschminkte Dirne? Sie, in deren Adern jüdisches Blut fließt, und in deren Adern das Gedächtnis an ihre Mutter noch so lebendig ist? Unmöglich." Er öffnete leise die Zimmertür. , „Becki, Joseph, kommt doch mal her, nein. Du nicht, Gretchen, mein Liebling. Es ist alles in Ordnung. Die alte Frau möchte nur so sehr gerne den Kindern guten Tag sagen." Die zwei Kinder trippelten in den Hausflur; ihre Servietten waren noch umgebunden und ihre Mündchen noch nicht abgeputzt, aber sie waren tadellos sauber und zierlich gekleidet. Beim Anblick ihrer Großmutter, die sie ernst und mit gerunzelter Stirn anblickte, blieben sie verdutzt stehen. „Meine Lämmer," rief Natalia in zärtlichstem aber darum doch nicht gewinnendem Tone, „wollt ihr nicht zu mir kominen und mir einen Kuß geben?" Becki, ein sehr .verständiges Persönchen von sieben Jahren, trat mutig näher und hielt der Großmutter die Backe hin. „Wie geht es Dir, Großmama," sagte sie steif. „Und Du Joseph," sagte Natalia ohne ihr zu antworten, „mein Herzblatt und meine Krone, willst du nicht zu mir kommen?" Der kleine Joseph, der erst viereinhalb Jahre alt war, stand verlegen da und steckte den Finger in den Mund. „Bring ihn zu mir, Becki. Sage ihm, daß ich gekommen bin, Euch mitzunehmen, und daß Ihr von jetzt an bei mir wohnen sollt." Becki zuckte die Achseln. „Er kann es tun, wenn er will. Ich will es nicht," sagte sie lakonisch.. „O Becki," erwiderte die Großmutter, „Du wirst doch nicht hier bleiben wollen und Deine arme Mutter dadurch quälen?" Becki stutzte. „Meine Mutter? Sie ist tot," sagte sie. „Ja, aber ihre Seele lebt und wacht über Euch. Komm Joseph, mein Augapfel, komm mit mir." Sie gab ihm die schönsten Schmeichelworte, aber der kleine Junge, der zu glauben schien, daß sie ihn in ihren Sack stecken und darin sorttragen wolle,, erhob ein entsetzliches Geheule. Darauf kam die junge Frau erschreckt aus dem Eßzimmer, und das Kind stürzte ihr entgegen und drückte sich eng an sie, als suche es Schutz bei ihr. „Mama, Mama," rief es. Henri sah die alte Frau mit triumphierendem Lächeln an.