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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-12 · Heft 11 (12.3.1909) · p. Seite 129

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 11 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
Seite 129 (sequence 9)
Language
German
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Barett Perückenhäupter und ändere arme schwitzende Menschen Häupter." Den Ausgangspunkt bildet das in der Naturwissenschaft allgemeingültige Gesetz von der Erhaltung der Kraft (richtiger: Energie), das Gesetz nämlich, daß eine Kraft durch keinen physikalischen oder chemischen Prozeß verloren, sondern nur in eine andere Form umgesetzt werden kann. -Dasselbe gilt auch von der Materie: auch sie ist unzerstörbar. Diese zwei Gesetze sind freilich in der physikalischen Welt unumstößlich wahr. Der Monismus lehrt aber ferner, daß die Materie auch ewig, ungeschaffen ist. Daß alle die mannigfachen Erscheinungen wie in der körperlichen, so auch in der geistigen Welt nur rein materieller Art sind, daß auch die Seele einzig und allein ein Phänomen der Materie ist, daß eine Sonderexistenz ihr nicht zukommt. Alle geistigen Tätigkeiten bis zu den höchsten Leistungen des Willens und der Vernunft, alle Empfindungen des Gemütes sind nichts anderes, als das Produkt gewisser physikalischer und chemischer Vorgänge und beruhen nur auf Vererbung und Anpassung. Von einer Willensfreiheit kann dann selbstredend keine Rede sein, denn jeder Willensakt ist das Resultat gewisser materieller Vorgänge, über die frei zu bestimmen dem Menschen versagt ist.' Demnach gibt es keinen kategorischen Jmperativ/kein Pflichtgefühl. Die ganze Moral beruht vielmehr auf dem realen Boden der sozialen Instinkte, die wir bei allen lebenden Tieren finden; ihr höchstes Ziel ist die Herstellung einer Harmonie zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe. Nächstenliebe ist nur aus praktischen Gründen zu empfehlen. Für die Religion im üblichen Sinne des Wortes hat der Monismus keinen Platz. Keine offenbarte Religion, keine Konfession hat eine Existenzberechtigung, ihnen kommt höchstens nur eine historische Bedeutung zu; im Zeitalter, in dem die Naturwissenschaften herrschen, müssen sie als überlebte Rückstände längst überwundener Kulturepochen beseitigt werden. Das sind in flüchtigen Umrissen die ,Lehren des modernen Materialismus, des Monismus. Eine solche Weltanschauung erscheint dem Laien sehr einleuchtend und imponiert ihm schon deshalb gewaltig, weil sie als gesichertes Ergebnis der Naturwissenschaft verkündet wird- Unsere Zeit steht ja fast ganz und gar unter der Herrschaft der Naturwissenschaft, unser ganzes öffentliches und privates Leben wird direkt oder indirekt von ihr beeinflußt. Die glänzenden Leistungen der Chemie und der Physik mit ihrer bewunderungswerten Anwendung im Verkehrswesen, in der Technik, Industrie und Kriegskunst und dann die erstaunlichen Forschungsresultate im Bereiche der organischen Welt, die Entdeckungen und Erfindungen in der Biologie und ihre praktische Verwertung in der Heilkunst, alles dieses hat den Naturwissenschaften mit Recht ein hohes Ansehen verschafft. Was in ihrem Namen verkündet wird, ist von vornherein mit dem bestrickenden Nimbus lauterer Wahrheit umkleidet. Wenn nun eine ganze Welt- und Lebensanschauung gelehrt wird mit der Prätension, daß sie ein gesichertes Ergebnis naturwissenschaftlicher Forschung sei, daß sie eine praktische Anwendung bestimmter Naturgesetze sei, etwa so wie die elektrische Beleuchtung eine Anwendung bestimmter Gesetze der Elektrizitätslehre ist: dann ist es leicht begreiflich, daß die große Menge, die ja immer unter dem suggestiven Einfluß der zurzeit herrschenden Gedankenrichtung steht, ihr zujubelt und sie ohne Kritik als Richtschnur für das praktische Leben hinnimmt. Aber ist denn der Monismus wirklich ein gesichertes Ergebnis der naturwissenschaftlichen Forschung? Hat er oder hat die Religion den letzten Sinn des Universums erfaßt? Da muß vor allem eine Tatsache hervorgehoben werden, die allgemein verkannt wird, daß nämlich die Naturwissen - schüft uns nur die Kenntnis von den äußeren Erscheinungen der Dinge verschafft. Schon Albrecht von Haller, der große Arzt und Naturforscher, sagt mit Recht: „In das Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist." — Und in wundervoll klarer und anschaulicher Weise führt Goethe diesen Gedanken aus, indem er dem ernsten Forscher Faust, im Gegensatz zu dem selbstgefälligen ober-, flächlich denkenden Wagner, die Worte in den Mund legt: „Geheimnisvoll am lichten Tag Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, Und was sie Deinem Geist nicht offenbaren mag, Das zwingst Du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben." Daran haben bis auf den heutigen Tag alle die gewaltigen Entdeckungen auf dem Gebiete der Naturwissenschaft nichts geändert. W. Ostwald, einer der großen zeitgenössischen Chemiker, den wir auch als genialen Naturphilosophen mit Recht bewundern, sagt: „Wir stehen vor der Natur wie vor einem geschlossenen Kasten: an der einen Seite ragt ein Hebel heraus und an der anderen Seite desgleichen. Wir beobachten, wenn wir an den Hebeln an der einen Seite Bewegungen vornehmen, daß dann auch die Hebel an der anderen Seite in Bewegung geraten. Durch Beobachtung und Erfahrung, stellen wir fest, daß gewisse Bewegungen auf der einen Seite stets ganz bestimmte auf jener zur Folge haben, und wir stellen uns die Aufgabe, die Regeln zu finden, nach welchen man aus den einzelnen Bewegungen die anderen voraus berechnen kann. Ganz so haben wir auch in der Naturwissenschaft bk Aufgabe, die Gesetzmäßigkeit zu finden, nach welcher aus der einen sichtbaren Erscheinung andere sichtbaren Erscheinungen im voraus sich berechnen lassen. Was dabei im Innern jenes verschlossenen Kastens sich vollzieht, durch welche verborgene Vorgänge der Uebergang von der einen Erscheinung in die andere sich vollzieht, das bleibt für ewig ein Geheimnis." Man kann ja freilich über dieses Geheimnis sich verschiedene Gedanken machen, das heißt, man kann den Zusammenhang der Erscheinungen durch Theorien erklären. Man muß sich aber darüber klar sein, daß man dann den festen Boden der naturwissenschaftlichen Tatsachen verlassen hat und sich schon im Bereiche des Transzendentalen bewegt. Kirchhofs, der große Mitbegründer der Spektralanalyse, hat sehr richtig gesagt: „Die Natur erklären heißt soviel, wie sie beschreiben." Die Naturwissenschaft kann also nichts inehr leisten, als den Tatsachenbestand feststellen. Beispielsweise können wir wohl durch Beobachtung feststellen, daß gewisse Elemente sich miteinander chemisch verbinden, und zwar immer in gewissen Gewichtsverhältnissen, daß beispielsweise ein Gewichtsteil Wasserstoff genau mit drei Teilen Kohlenstoff, mit 80 Teilen Brom oder mit sechzehn Teilen Schwefel sich chemisch verbindet. Wir kennen auch die äußeren Bedingungen, unter welchen solche Verbindungen vor sich gehen, aber die eigentliche Ursachen der chemischen Verwandtschaft bleiben im Dunkel; ihre Erforschung gehört ins Gebiet der Philosophie. Wir sind heute noch nicht weiter gekommen als die griechischen Philosophen Leukippos^ Empedokles und Demokritos, welche die Liebe und den Haß der Atome als Ursache der stofflichen Veränderung auffaßten. Nur daß wir an Stelle der anthropomorphen Anschauungsweise der I Alten die wechselnde Verwandtschaft der Atome gesetzt haben.

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