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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-12 · Heft 11 (12.3.1909) · p. Seite 128

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 11 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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Geistlicher amtlich vertreten sind. — Die staatliche Dotation der . israelitischen Konfession beläuft sich bei einer Seelenzahl von,, 900 000, auf die geringe Summe von 90 000 Kronen, während die Unitarier z. B. bei einer Seelenzahl von 60 000 eine staatliche Dotation von 200 000 Kronen erhalten. - Dabei darben natürlich die Kultusbeamten der kleinen Dorfgemeinden, und die Mitglieder dieser bedauernswerten kleinen Gemeinden brechen unter der Last der hohen Kultussteuern fast zusammen. Und noch manche andere solcher willkürlicher. Nechtsbeschränkungen könnte ich herzählen, leider ohne Aussicht auf Besserung. Wenn aber die ungarische Judenschaft gegen solche Gefahren wenigstens gewappnet da stände und ihnen als starke, einheitliche Macht Trotz bieten könnte. Aber auch -hier ist Israel zerklüftet, in Parteien geteilt, in Parteikämpfe vernickelt. Der Riß im eigenen Lager wird auch hier immer drohender und gefahrvoller. Fordern doch die Orthodoxen von der Regierung ihre Anerkennung als besondere, ja als die eigentliche israelitische Konfession und behaupten, die fortschrittliche Judenheit trage den-Namen Jude zu Unrecht. In den politischen Wirren vor vier Jahren ist es ihnen gelungen, eine ministerielle Verordnung in diesem Sinne zu erwirken, die sie aber jetzt — da man ihre Richtigkeck und Gesetzmäßig-. keit bezweifelt — gern vom Gesetz selbst anerkannt haben , möchten. Leider ist auch dieser Zwiespalt mehr eine Machtfrage, als eine Sache der Ueberzeugung. Ich will Ihnen, geehrter Herr Redakteur, nächstens einmal, wenn ich wieder mit einigen Strichen zur Zeichnung des Bildes der inneren und äußeren Verhältnisse des ungarischen Judentums bei-, trage, über diesen Kampf, besonders über die Bemühungen der fortschrittlichen Partei diesen Streit zu schlichten, schreiben. Leider merke ich auch, erst jetzt, daß ich nicht mit Raschis Feder schreibe. So ist es gekommen, daß ich trotz so vieler Worte erst die äußere Lage der ungarischen Juden behandelt und fast kein Wort über unser gesellschaftliches Wirken, über Gemeinde und Wohlsahrtseinrichtungen berichtet habe. Ich will denn heute die Worte nicht mehren und Ihnen, nur noch eine kleine Anekdote nicht vorenthalten, die sich so recht darüber lustig macht, daß bei den Orthodoxen nicht die Ueberzeugung die Hauptsache sei, auch nicht die Ausübung religiöser Satzungen oder eine höhere Auffassung dom Judentum, sondern das Bekennen zur Partei, die Treue zur ortho-, doxen Leitung, die Anerkennung vom Alleinseligmachen der orth odoxen Institutionen. Kommt da zu Reb Koppel Reich, dem Rabbiner der Pester orthodoxen Gemeinde, ein Jude und meldet ihm an, daß er sich taufen lassen wolle! Der Rabbiner, , erklärt ihm, das orthodoxe Rabbinat sei dazu nicht eingerichtet, führe kein Buch über Täuflinge, er möge sich zu Dr. Kohn,. : dem Oberrabbiner der neologen Gemeinde, bemühen, worauf. der Taufkandidat erregt ausruft: „Was, ich alsOrthodox soll zum neologen Rabbiner gehen, wenn ich mich will schmaddenlassen?!" Also das Ideal der Zukunft: Chomez schel Pessach und ' Schinken unter ritueller Aufsicht! Ed neemon. Judentum und KsturwMrnlchskt. Von Dr. med. Emanuel Fink in Hamburg. f I. enn der religiöse Sinn bei uns Juden in so auf- „ fallender Weise im Schwinden begriffen ist, so liegt. dieser Erscheinung sicherlich ein ganzer Komplex von Ursachen zugrunde. Ein Moment ist aber ganz besonders.auffallend: die Tatsache nämlich, daß die Entwicklung der Irreligiosität s zeitlich mit einem mächtigen Aufschwung -der Naturwissenschaft ' zusammenfällt: Beides kann seit etwa der Mitte des vorigen Jahrhunderts datiert werden. Daß hier kein blinder Zufall waltet, sondern daß eine ursächliche Beziehung zwischen diesen beiden Kulturerscheinungen besteht: das kann gar nicht bezweifelt werden. Und leicht begreiflich ist auch der innere Zusammenhang. In dieser Zeit ist unsere Kenntnis auf fast allen Gebieten der Naturerscheinungen in umfangreicher Weise — wie man es vorher auch nur zu hoffen nicht gewagt hatte — erweitert worden. Ganz neue Gebiete der Naturkräfte sind entdeckt und ausgebaut worden; überall hat man tiefere Einblicke in die Werkstatt des.Naturgeschehens gewonnen, und die so erworbenen Kenntnisse konnte man in mannigfacher Weise praktisch verwerten. So dringt in weiteste Kreise des Volkes das Interesse für die Ergebnisse der naturwissenschaftlichen Forschung. Und mit lebhafter Begierde wendet man sich der mit der Erweiterung unseres naturwissenschaftlichen Wissens gewonnenen neuen. Naturerkenntnis zu. Diese Erkenntnis ist freilich aus Tatsachen und Hypothesen, zusammengesetzt. Während aber der Gelehrte wohl weiß, daß Hypothesen nichts mehr bedeuten als die dürftigen Krücken, die über klaffende Lücken unseres Wissens hinweghelfen, daß sie aber durchaus nicht imstande sind, diese Lücken auszusülleu, ist der Laie sehr geneigt, Hypothesen für ausgemachte Wahrheiten zu schätzen. Und so glaubt er es gern, wenn man ihm im Namen der Naturwissenschaft verkündet, daß die althergebrachten Vorstellungen über Welt und Menschen, über Körper und Geist, Schöpfung und Entwicklung als irrig und falsch erkannt seien, daß an ihrer Stelle nur die rein materialistische Auffassung einzig der Dinge und allein. berechtigt sei. Diese Weltanschauung in ihren grundlegenden Prinzipien ist freilich schon uralt. Immer aber nimmt sie noch neue Formen an. Jetzt wird sie unter der Bezeichnung Monismus gelehrt und mit großem Eifer und auch — das muß zugestanden werden — mit großem Geschick in die weitesten Schichten des' Volkes getragen. Eine ungeheure Menge von wissenschaftlichen und von populären Schriften,, steht im Dienste dieser Idee; die übergroße Mehrzahl der Zeitungen, namentlich alle liberalen, die von Juden gelesen werden, sorgt für die weiteste Verbreitung des monistischen Gedankens, so daß jeder Zeitungsleser ihn kennen lernen muß. Er kann sich seiner gar nicht erwehren. Der Monismus, der aus einer sehr geschickt vereinigten. Komposition verschiedener Theorien besteht, hat in der Tat sehr viel Bestechendes für sich. Mit seiner Einfachheit, mit derer die ungeheure Mannigfaltigkeit der gesamten Erscheinungswelt auf körperlichem wie aus geistigem Gebiete auf ein Prinzip zurückzuführen sucht, besitzt er eine zwingende Ueberzeugungskraft, wenigstens in.den Augen der naturwissenschaftlichen Laien, die es nicht vermögen oder sich der Mühe nicht unterziehen, einen Gedanken bis zu seinen letzten Konsequenzen kritisch zu verfolgen. Bietet der Monismus aber in Wirklichkeit eine befriedigende Weltanschauung, vermag er alle Welträtsel, wie Haeckel es siegesbewußt verkündet, oder auch nur eines befriedigend restlos zu lösen? Bietet sein Ideengehalt Wertvolleres als die positive Religion, die er zu beseitigen sucht? Vergegenwärtigen wir uns zunächst den Gedankengang des Monismus in seinen Grundzügen, dieser Weltanschauung, die es kühn unternimmt, eine völlig befriedigende Antwort aus die bangen, quälenden Fragen zu geben, die die Menschen seit Jahrtausenden grübelnd zu lösen suchten! „Häupter in Hieröglyphenmützen — Häupter im Turban und schwarzen.

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