Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 126 (sequence 6)
- Language
- German
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Staat vor dem Schlimmsten, vor dem Bankerott zu schützen. Es sollte aber bald den Dank des Hauses Romanow erfahren. Denn als es infolge dieser Vorgänge selbst Ln Bedrängnis geriet und einen größeren. Kredit der Reichsbank in Anspruch nehmen wollte, wurde ihm dieser — man. sagte, auf unmittelbare Veranlassung Alexanders III. — versagt.' Das Haus Günzburg geriet in große Verlegenheit und mußte in Liquidation treten. Sein Glänz war wohl erloschen, aber auch das Ende war ehrenvoll, denn niemand. verlor auch nur einen 'roten Heller dabei. Die Abwicklung des Geschäftes ergab die volle Befriedigung der Gläubiger und sogar die Verzinsung ihrer Guthaben. Der Familie blieb noch ein ansehnlicher Rest. Das moralische Ansehen des Hauses Günzburg wurde nicht im mindesten geschmälert, und als Baron Horace Günzburg vor sechs Jahren seinen siebzigsten Geburtstag feierte, wurden ihm in Rußland und außerhalb des russischen Reiches große Ehrungen zuteil. Man gedachte seines edlen Mäcenas, der großen Wohltaten, die er Jahrzehnte hindurch geübt hatte, seiner vielen Bemühungen und seiner eifrigen Arbeiten auf allen Gebieten der öffentlichen Wohlfahrt, Sogar die Regierung des Herrn Plehwe unseligen Andenkens sah sich genötigt, den Jubilar durch die Verleihung eines hohen Ordens auszuzeichnen. Baron Horace Günzburg war ein Stadlan nach dem Typus der früheren Jahrhunderte, gleichzeitig aber auch ein Grand-Seigneur im besten Sinne des Wortes. Neben den vielen Großtaten, die sein Leben auszeichnen, mag es ihm unvergessen bleiben, was er für den Forscher Senior Sachs und den Dichter I. L. Gordon getan hat. Sein Judentum pflegte er stets zu betonen, wie er auch die hebräische Sprache und Literatur eifrig förderte. Ehre seinem Andenken! Lrirk aus Ungarn. mit regem Interesse nehme ich eine jede Nummer der „Allg. Zeitung des Judentums" zur Hand, um von Woche zu Woche über das Schicksal der. über der ganzen Welt zerstreuten Judenheit Neues zu erfahren. Es ist nur selbstverständlich, daß ich als Ungar auch Nachrichten aus Ungarn darin suche, nicht so sehr, als dächte ich, mir unbekannte Neuigkeiten zu finden — sitze ich doch an der Quelle —, sondern eher aus Neugierde und zur Kontrolle. Aus Neugierde, ob auch wir mitzählen im Rate der übrigen Judenheit, und zur Kontrolle, ob nicht manches von fremder Hand, von mit den hiesigen Verhältnissen unbekannter Feder, vielleicht gar via Wien, mit ein wenig Geringschätzung uns gegenüber herstammt. Ich muß es mit Freude zugestehen, daß die „Allgemeine" oft Ln uns denkt. Fast keine Woche vergeht, wo sich nicht eine eingestreute Notiz, manchmal eine kurze Skizze mit uns oder den Unseren beschäftigt. Allerdings merkt man es manchmal an, daß sie nicht dem direkten Berichte des Beobachters, der hier zu Hause ist, entstammen. Manchmal zeigen sie fremde Färbung, manchmal unmotivierte Freude über unsere angeblich ganz günstigen Verhältnisse oder Teilnahme bei ganz gleichgültigen.Anlässen, oft streichen sie belanglose Dinge heraus und verschweigen wichtige Momente,- ja lassen uns statt Ernst zuzeiten unverdienten Spott zuteil werden. Aber seit Jahren schon warte ich darauf, daß manchmal ein zusammensassender Bericht, ein ausgiebiges Referat, eine wahre Schilderung unsererZustände, unserer Entwicklung, unserer Mitbrüder in diesem Blatte erscheine. Leider vergebens. Einmal nur, vielleicht vor zwei Jahren, erschien zwar ein etwas längerer Artikel, der sich aber mehr mit drei bis vier hervorragenden ' Persönlichkeiten, als mit der Gesamtheit beschäftige. Und doch, diese Gesamtheit besteht Nicht bloß aus einzelnen versprengten Gliedern der großen Gemeinde Israels, sondern bildet eine große Gemeinschaft, ansehnlich an Zahl. Die ungarische Judenheit " zählt heute beinahe 900000 Seelen, wovon Budapest. allem beinahe 200000. Sie spielt eine nicht unwichtige Rolle in Handel und Industrie, in Kunst und Wissen schaft und überhaupt im ganzen öffentlichen Leben. Sie haben viel zum raschen ' Aufschwung der Stadt beigetragen und man kann sich Budapest ohne Juden gar nicht mehr denken. Ja, auch wir haben unser Leben und Treiben, unsere Vorzüge und Fehler unsere Institutionen und gemeinnützigen Werke, unsere höhere und niedere Politik, unsere. Bestrebungen, unsere Leiden und unsere Freuden. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis, werter Herr Redakteur, will ich Ihnen von Zeit zu Zeit in einem kürzeren oder längeren Briefe Bericht erstatten, damit man auch draußen in der großen Welt unser günstiges oder ungünstiges Los, die freudigen und traurigen Wandlungen unseres Schicksals, unseren Kampf für : Israel und gegen den Feind kennen lerne, daß man sich richtige Vorstellungen über das ungarische Judentum bilde und es als einen vollsäftigen, wertvollen Zweig des Stammes Juda schätzen lerne. Der XVII. Artikel der Gesetzgebung vom Jahre 1867 hat den ungarischen Juden die bürgerliche Gleichstellung gesichert, der XLII. vom Jahre 1895, der israelitischen Religion die gleichen Rechte wie den christlichen Religionen zuerkannt. So wären wir also laut dem Gesetz in jeder Beziehung allen anderen Bürgern des Staates gleichgestellt und sollten auf jedem Gebiete vollständige Berücksichtigung finden. Aus' manchen Gebieten und besonders den einzelnen Israeliten gegenüber ist diese Gleichstellung auch zur Wahrheit, zur Tat geworden. Wollten doch die liberalen Ministerien zeigen, daß sie es mit ihrem Liberalismus und ihren Gesetzen ernst meinen. Juden wurden ohne besondere Schwierigkeit zn^ Richtern ernannt, konnten ans der Rangstufe höher steigen, nahmen und nehmen noch Stellungen bei den höchsten Gerichten wie bei der königlichen Tafel und Kurie ein. Ja sogar einen jüdischen Oberstaatsanwaltsvertreter gibt es.. Erst unlängst sind wieder drei jüdische Richter zu den höheren Instanzen vorgerückt. Im Heere zeichnen sich Juden ebenfalls in allen Rangstufen aus, scheint es dort auch schwerer zu sein, die höheren Positionen zu erobern. Von solcher Zurücksetzung wie in Deutschland und gar bei Ernennung zu Reserveoffizieren, kann natürlich lange nicht die Rede sein. Bis vor kurzem wurde auch bei der Ernennung zu Oberlehrern — ' hier werden sie Professoren genannt — kein Unterschied zwischen den Bekennern der verschiedenen Konfessionen gemacht. Es genügte der Geburtsschein, es mußte kein Taufschein sein. M ja selbst an der Budapester Universität einer der vom nationalen Standpunkt wichtigsten Lehrstühle, der für ungarische Geschichte, vor einem Jahrzehnt mit einem hervorragenden jüdischen Gelehrten, Marczali, dem Sohne eines Rabbiners, besetzt worden. Leider beginnt seit zwei bis drei Jahren auf diesem Gebiete ein reaktionärer Einfluß sich bemerkbar zu machen. Man fordert wieder Taufscheine wie vor 20 bis 30 Jahren, man ernennt nicht aus eigene Verdienste hin, sondern weil klerikale Beamte dem Einflüsse der Geistlichkeit nicht widerstehen können oder wollen. Der Leiter der Unterrichtsangelegenheiten im Ministerium für Kultus und Unterricht ist ein berüchtigter Klerikaler, der mit an der Spitze einer katholischen Volksorganisation steht, die seit einem I Jahre bereits 200 060 Mitglieder in den untersten Schichten