Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-12 · Heft 11 (12.3.1909) · p. Seite 125

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 11 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
Seite 125 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228864--65392-3277514
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

fehlte. Das gilt für jüdische wie allgemein humanitäre Angelegenheiten. Daß ein Mann in so exzeptioneller Stellung nie von Gegnern angegriffen worden ist, das kann wohl als der beste Beweis für feine Fähigkeiten wie seinen Charakter angesehen werden. Zu der strengen, objektiven Pflichterfüllung und der erstaunlichen Arbeitskraft kam hier die persönliche Beliebtheit des jovialen, stets gutlaunigen, wohlwollenden Menschen, der eine Atmosphäre von Behagen um sich verbreitet. Gern blickt er auf die Erfolge seines Lebens zurück; ein sicheres, ruhiges Selbstbewußtsein aber läßt ihn stets, tief bescheiden sein und auch dem Einfachsten gegenüber sich benehmen wie gegen den Höchsten. Ein besonders glückliches Familienidyll verschönert ihm das Leben, das so wenig abgeschlossen vor ihm liegt, daß stets neue Arbeiten und Pläne für seine Werke und seine Mitmenschen ihn beschäftigen. Das Leben ist für ihn voll Mühe und Arbeit gewesen und wird es noch lange für ihn bleiben. K. Saran Harare Mn?burg. Von Tr. Simon Bernfeld. m 2. dieses Monats ist in Petersburg im Alter von sechsundsiebzig Jahren Baron Horace Günzburg gestorben. Es war dies eine der bedeutendsten und markantesten Persönlichkeiten der russischen Judenheit, und die ausführliche Biographie dieses Mannes würde nahezu die ganze Geschichte der russischen Juden in den letzten fünfzig Jahren in sich schließen. Es gibt kein bedeutendes Institut unter den russischen Juden, an dem nicht die Familie Günzburg hervorragend beteiligt wäre. Schon der Vater des jetzt verstorbenen Barons Günzburg, Josef Günzburg, war ein Mann von großen Verdiensten um die Verbreitung von Kultur und Bildung unter den Juden Rußlands. Durch seine großen geschäftlichen Unternehmungen hatte er sich ein bedeutendes Vermögen erworben. Er trat dann als „Stadlan" großen Stils auf, unterstützte reichlich jüdische Schriftsteller, Gelehrte und Künstler, die sich um die kulturelle Förderung der Juden bemühten. Zu den großartigen Schöpfungen dieses seingebildeten Mäcens gehörte vornehmlich die „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden". Er spendete zu diesem Zwecke große Summen und ließ sich angelegen sein, an verschiedenen Orten jüdische Volksschulen ins Leben zu rufen, Handwerks- und Landwirtschaftsschulen, jüdische Studenten und Knnstbeflissene während ihrer Studienzeit zu unterstützen. Horace Günzburg, ..der am 8. Februar 1833 in Zwenigorodka, einem kleinen Städtchen des Gouvernements Kiew 'geboren worden ist, wurde bereits in jungen Jahren von seinem Vater in sein edles Wirken eingeführt. Der junge Baron setzte es seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in noch größerem Umfange fort. Die Familie Günzburg selbst zeichnete sich durch Bildung, Gelehrsamkeit und Kunstbegabung in hohem Grade aus. Ein Sohn des Verstorbenen ist der bekannte Altertumsforscher David Günzburg, und ein zweiter Sohn war der früh verstorbene Maler Markus Günzburg. Auch die Damen dieser Familie, die ihren Sitz in Petersburg hatte, zeichneten sich durch Bildung und edle Wohltätigkeit aus. Die Glanzzeit dieser im wahren Sinne des Wortes vornehmen Familie fällt in die Regieruugszeit des Kaisers Alexander II., der die Bildungsbestrebungen seiner jüdischen Untertanen sehr wohlwollend förderte. Baron Günzhurg stand bei diesem Herrscher in hohem Ansehen, und die damalige Regierung zeigte sich bestrebt, die Lage der Juden in Rußland politisch und wirtschaftlich zu verbessern. Von der völligen politischen Gleichberechtigung waren sie nicht mehr weit entfernt. Da trat mit den schrecklichen Ereignissen am 13. März 1881, der Ermordung des Kaisers Alexander II., im Schicksal der russischen Juden eine traurige Wendung ein. Am 1. Mai desselben Jahres übernahm Jgnatieff an Stelle des entlassenen Loris Melikoff das Ministerium des Innern. Die reaktionäre Gesinnung des neuen Herrschers, der unter dem Einstuß des sattsam bekannten Pobjedonoszew stand, trat deutlich zutage. Der Minister befand sich damals in äußerst bedrängten Finanzverhältnissen; man trat an den Baron Günzburg mit großen Geldforderungen heran, wofür man den neuen Kaiser den Inden günstig stimmen wollte. In den jüdischen Finanzkreisen der russischen Hauptstadt war man über diese frechen Erpressungsversuche sehr empört; man wollte zu solchen Zwecken keine Kopeke hergeben. Vielleicht war dies ein großer Fehler, denn man hätte mit diesen „russischen, allzu russischen" Verhältnissen rechnen sollen. Es brachen auch bald an verschiedenen Stellen des russischen Reiches die bekannten Judenhetzen aus, die im gesitteten Europa Entsetzen und Entrüstung hervorriefen. Sie dauerten länger als ein Jahr und nahmen erst dann ein Ende, als von Wien aus eine sehr hohe Persönlichkeit den russischen Kaiser auf die schmachvolle Vorgeschichte dieser mittelalterlichen Vorgänge aufmerksam gemacht hatte. Jgnatieff wurde im Juni 1882 plötzlich und in sichtlicher Ungnade entlassen, und auch die Pogrome hörten vorläufig auf.. Aber ein trauriges Erbe hinterließ Jgnatieff den russischen Juden in den: ausgestachelten Judenhaß und in den „provisorischen" Maigesetzen vom Jahre 1882, durch welche den dicht zusammengedrängten Juden in der „Tscherta^ der Aufenthalt auf dem Lande verboten wurde. Sie blieben seitdem mit ihrem Wohnrecht auf die Städte beschränkt, und wollte die Polizei die Juden aus irgendeiner Stadt fortjagen, so wurde sie einfach in eine Dorfgemeinde verwandelt. Auch die Bildungsbestrebungen der Juden wurden nunmehr zurückgedrängt. In den Gymnasien und Realschulen wie auch in den Hochschulen fand nur eine sehr beschränkte Zahl von jüdischen Schülern und Studenten Aufnahme. Die Errichtung eigener Schulen wurde den Juden sehr erschwert oder gar gänzlich unmöglich gemacht. Es ist selbstverständlich, daß der frühere wohltuende Einfluß des Barons Günzburg unter den neuen Verhältnissen ganz aushörte. Die finanzielle Stellung des Hauses Günzburg erhielt Anfang der neunziger Jahre einen starken Stoß. Die russische Regierung, welche immer mehr in das Fahrwasser der deutsch-feindlichen Politik geraten war, wurde mit ihren Kreditansprüchen vom deutschen Markt weggewiesen. Sie suchte und fand Hilfe in Paris. Damals sollte eine neue dreiprozentige Anleihe in Paris ausgenommen werden, für welche sich auch das Haus Rothschild einsetzte. Um dieselbe Zeit aber inszenierte die russische Regierung die schändliche Judenaustreibung aus Moskau, von der eine große Zahl Juden plötzlich betroffen wurde. Diese barbarische Maßregel erregte in Europa große Erbitterung, und das-Haus Rothschild in Paris wurde von der öffentlichen Meinung bestürmt, sich unter solchen Umständen an der russischen Anleihe nicht zu beteiligen. Das Haus Rothschild gab diesem Drängen nach, und die neue russische Anleihe ' endete mit einem jämmerlichen Fiasko, welches den ganzen russischen Staatskredit aufs äußerste gefährdete. Bei dieser 'Gelegenheit griff das Haus Günzburg ein, um den russischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.