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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-12 · Heft 11 (12.3.1909) · p. Seite 124

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 11 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
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Lebensauffassung — so waren Preußische Energie und süddeutsche Leichtigkeit zu deutschem Wesen gepaart. Als Studium stand damals nur die Medizin und die Theologie offen — schon aus völligem Mangel an Neigung zu den Naturwissenschaften würde das Studium der Theologie und zwar in Würzburg - vorgezogen. Doch der lebenslustige, tatkräftige Jüngling vermochte sich den strengen Formen nicht zu fügen, die man damals und gerade in Würzburg unerbittlich von einem Theologen forderte. Beteiligung an dem blühenden Burschenschastsleben, freier Besuch von Konzerten und Theater waren Verbrechen, deren Wiederholung zu starken Spannungen führte. Aus dem Theologen wurde ein Philologe; eine tiefe Neigung des jungen Mannes fand hier Befriedigung. In Gießen bestandenes Doktor- und Staatsexamen waren für einen Juden erlaubte, erfreuliche — aber nutzlose Dinge, da eine Anstellung, am Gymnasium apsgeschlossen war. Paris, das zu jener Zeit, zirka 1860, eine enorme deutsche Kolonie hatte, übte auf den Mainzer große Anziehungskraft aus er versuchte dort sein Glück als Lehrer an privaten Anstalten. Groß war die Liebe zur Sache, aber unter gar zu großer Energie mag die pädagogische Zucht schwierig gewesen sein — wissenschaftliche Arbeiten verschiedener Art erregten das Interesse in viel höherem Grade. Bekanntschaften mit ersten Philologen waren die Folge, Jules Oppert, Renan und mancher andere konnten ihren Persönlichen Einfluß geltend machen. Vertrauend auf seine Kraft, seine Kenntnis der französischen Sprache^ seine selbsterworbenen Beziehungen konnte Cahn es wagen, ein Uebersetzungsbureau zu eröffnen, das in kurzer Zeit in Blüte kam. Beziehungen mit vielen Behörden usw. waren die Folge. Ein junger Franzose, der in nahen Beziehungen zum Unterrichtsminister Duruh stand, war mit der Einrichtung der Realschulen nach deutschem Muster beauftragt worden: da ihm das deutsche Wesen wenig vertraut war, brauchte er Hilfe, seinen Auftrag richtig auszuführen. Cahn, der sie ihm gewährte, bekam dadurch eine offizielle Stellung am französischen obersten Gerichtshof. Der Ruf seiner Kenntnisse,, seiner Energie, seiner Zuverlässigkeit muß ein großer gewesen sein, denn manche interessanten offiziellen Missionen fielen ihm zu und brachten ihn zu den Vertretungen vieler Staaten in Beziehung. So finden wir ihn nach einiger Zeit bei der bayerischen Gesandschaft beschäftigt und auch mit dem badischen Gesandten Baron v. Schweitzer, trat er in Beziehungen, die sich nicht mehr lösen sollten. Im Jahre 1870 finden wir ihn bei Ausbruch des Krieges als Kanzler der bayerischen Gesandtschaft. Im Aufträge des Gesandten,Grafen Quadt, hat er am 17. Juli einen eigenhändigen Brief Napoleons an König Ludwig nach München zu bringen; er hofft, während des Krieges in München bleiben zu können, da wird ihm ein ebenso interessanter wie schwieriger Auftrag. Zum Schutze der badischen und bayerischen Staatsangehörigen soll er während des ganzen Krieges in Paris bleiben. Das ist. nur möglich, wenn ein Beamter der Gesandtschaft eines „ fremden, neutralen Staates attachiert wird. Er wurde also als ein zur schweizerischen Gesandtschaft gehöriges Mitglied angesehen und der Immunität eines solchen teilhaftig. In München blieb dafür ein Mitglied der französischen Gesandtschaft der englischen Botschaft attachiert. Am 24. Juli kam er in Paris an, hatte am ersten Tage bereits dagegen zu kämpfen, daß er sofort ausgewiesen wurde, hatte auch weiter als Deutscher manches zu leiden, konnte hunderten,.-ja tausenden Bayern und Badensern helfen, die vor und im belagerten. Paris zu leiden hatten, fort wollten oder mußten, und blieb; die ganze Belagerung über in Paris. In einem außerordentlich anschaulichen Werk „Pariser Gedenkblätter" hat Cahn seine Pariser Zeit geschildert — es ist die einzige deutsche Quelle zur Kenntnis der Vorgänge in Paris während der Belagerung. Nach Beendigung des Krieges blieb er noch zwei Jahre in Paris. Inzwischen verheiratete er sich. Die bayerische Gesandtschaft hatte durch die Gründung des deutschen Reichs an Einfluß stark eingebüßt — die wesentlichen politischen Maßnahmen gingen auf die deutsche Botschaft über. Im Jahre 1873 wurde Cahn in das deutsche Auswärtige Amt übernommen und siedelte nach Berlin über. Ein anregender Kreis von Mitgliedern des Amtes, darunter ' besonders Ernst v. Wildenbruch, und von liberalen Abgeordneten fand in dem Hause ein geistiges, von Ernst und Humor gleichdurchwehtes Heim. Ein ganz besonders tiefe Freundschaft verband das Ehepaar mit EduardLasker, der ein täglicher Gast des Hauses war. Vom Legationssekretär und ständigen Hilfsarbeiter'stieg Cahn zum Legationsrat und Geheimen Legationsrat auf, bis ihn vor einigen Jahren ein schweres Augenleiden zwang, den ihm lieben Beruf aufzugeben. Er hatte lange Zeit das Dezernat für den Rechtsschutz der Deutschen im Ausland inne und dabei Gelegenheit, viel mit den Staatsangehörigkeitsverhältnissen der Deutschen sich zu beschäftigen. Die Frucht dieser praktischen Tätigkeit und umfassender Studien war 1888 sein Werk „Das Reichsgesetz über die Erwerbung und den Verlust der Reichs- und Staatsangehörigkeit", das 1908 in dritter Auflage erschien und ein unentbehrliches Handbuch für alle deutschen Behörden im Aus- und Inland geworden ist. Als. Ergänzung dazu erschien 1908 sein Vorschlag „Zur Reform des Reichs¬ und Staatsangehörigkeitsgesetzes", ein kleines, inhaltsvolles Werk, das hoffentllch die Grundlage zu einem neuen, wesentlich verbesserten Gesetz werden wird. — Einige Veröffentlichungen „aus Eduard Laskers Nachlaß" (1902), den er von Lasker überkommen hat, geben ein gutes Bild von der Bedeutung dieses Mannes; vielleicht wird eine Biographie Laskers ihm noch gelingen und das Interesse an diesem trefflichen Menschen wiederbeleben. Im Anschluß an die amtliche Tätigkeit fei erwähnt, daß die Unterredung mit Bismarck, die oft in verschiedenen Blättern auftauchte, nie stattgefunden hat. Bismarck soll ihn danach zur Taufe aufgefordert und ihm unter dieser Bedingung weitere Beförderung versprochen haben. Es heißt das Bismarcks Intelligenz unterschätzen, wenn man ihm zutraut, sich durch einen solchen Vorschlag bloßzustellen. Ein solcher Vorschlag hätte mindestens durch weniger hervorragende und der öffentlichen Kritik ausgesetzte Persönlichkeiten gemacht werden müssen — auch das ist nie und in keiner Form geschehen. Mann kannte dazu Cahns Charakter wohl zu gut, um ihm die Zumutung zu stellen, einen solchen Handel einzugehen; er wäre um so weniger darauf eingegangen, als er das Judentum innerlich sehr hoch schätzt. Von allem Dogmatischen und Rituellen ist er nicht nur weit entfernt, sondern hat eine ausgesprochene Abneigung dagegen. Den ethischen und metaphysischen Wert des Judentums, wie es sich besonders im Prophetentum bei Amos, Jeremias und Jesaia entwickelt hat, stellt er dagegen so hoch, daß er darin die reine Religion erblickt und Freude daran hat zu zeigen, wie das Christentum die Grundgedanken des.Judentums überkommen und entwickelt hat. Wenn er bei solchen Anschauungen mit dem öffentlichen und Gemeinschaftsleben des Judentums daher nie in engere Beziehungen treten konnte, so hat er nie gefehlt, wo es galt, Judentum und Juden moralisch und materiell zu unterstützen; es hat wohl keine Sammlung der letzten Jahrzehnte, für Wohltätigkeitswerke gegeben, bei der er

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