Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-12 · Heft 11 (12.3.1909) · p. Seite 123

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 11 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228864--65390-3277512
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

, Ueber. den Anteil der Juden an der Politik der letzten 60 Jahre, so lesen wir in der ^Liberalen Korrespondenz", dem Orgsn des „Wahlvereins der Liberalen" (Freisinnige Vereinigung), hält der Schriftsteller Artur Schw eriner zurzeit Vorträge in den Literaturvereinen größerer jüdischer Gemeinden mit dem Zweck, die Juden in der Gesamtheit aufzufordern, sich den Aufgaben der Politik nicht zu entziehen, sondern mitzuarbeiten an der freiheitlichen Ausgestaltung des deutschen Vaterlandes. Schweriners Bestrebungen sind in vielen Orten einmütigem Interesse begegnet. In seinem Vortrag führte er unter anderem aus: Eduard Lasker, der mitbestimmend war für den politischen Werdegang Deutschlands, hat sich, so sehr er unter dem Fanatismus der Rasse gelitten hat, nicht entmutigen lassen, für die Verwirklichung seiner politischen Ideale zu kämpfen. Auch Ludwig Bamberger, den kein geringerer als Theodor Mommsen den „Deutschesten der Deutschen" genannt hat, hat die Liebe zu seinem Vaterland, für besten Einigung er von Versailles aus unablässig tätig war, opferwillig betätigt, obwohl er sich scharf» gegen Herrn v. Treitschke wenden mußte, der seinen Glaubensgenossen unter tausend Kränkungen und Verdächtigungen die Gleichberechtigungen nehmen wollte. Heute noch haben die Worte Bambergers über „Judentum und Patriotismus" volle Berechtigung: „Wenn Herr v. Treitschke recht hätte mit der Behauptung, daß die Juden anderer Länder bessere Patrioten, wären als die Deutschen, so läge gewiß keine Art der Erklärung näher, als daß diesen eben noch auf Schritt und Tritt die Vorstellung eingetränkt wird: Ihr seid nur Deutsche zweiter Klasse. Kein Beruf ist enger verwandt mit dem lebendigen Gefühl fürs Vaterland als derjenige der Waffen. Wie muß es in die Seele eines Jünglings schneiden, der mit Aufopferung und Ehre sein Blut auf dem Schlachtfelde vergossen hat und dann erfährt, daß er um feines Blutes willen nicht würdig befunden werde, dem Offizierkorps anzugehören." Wenn man auch heute, so schloß Redner, unter den Juden das Gefühl habe, man wolle sie nicht an hervorragender Stelle im öffentlichen politischen Leben haben, so sollten sie doch nicht aufhören, sich politisch zu betätigen im Dienste freiheitlicher Ideen. * Die französischen Nationalisten sind doch noch eine schlimmere Gesellschaft als die deutschen Antisemiten. In der vergangenen Woche haben sie das Denkmal für Scheurer- Kestner beschädigt. Offenbar hat bei diesem Akt des Vandalismus der rohalistische Jugendverein seine Hand im Spiel. Seine Anhänger brachen den beiden allegorischen Frauengestalten des Denkmals, der Wahrheit und Gerechtigkeit, die Nase ab, beschmierten sie und die Büste Scheurer-Kestners von unten bis oben mit einer dicken Schicht brauner Oelfarbe. Mit derselben Farbe pinselten die rohen Burschen auf die Sockel aller Standbilder des Jardin de Luxembourg in möglichst großen Buchstaben die Inschriften „Nieder mit der Dirne Republik". Und die Alten gehen den Jungen mit gutem Beispiel voran. So oft sie bei einer öffentlichen Ruhestörung, einem groben Unfug, einer sonstigen Uebertretung ertappt und vor den Strafrichter gestellt werden, suchen sie sich mit aller Gewalt zu. belasten, damit ihr Fall vor die Geschworenen gelange. Major Drehsus hat die „Libre Parole" und die „Action framaise" wegen Beleidigung verklagt, weil sie ihn fortwährend Verräter nennen. Ueber Beleidigungen erkennt das- Zuchtpolizeigericht. Die Leiter der angeklagten Zeitungen wenden nun ein, „Verräter" sei keine allgemeine .Beleidigung, sondern die Behauptung einer bestimmtemTatsache, also eine Verleumdung; für diese sei das Schwurgericht zuständig- . vor dem der Wahrheitsbeweis geführt werden könne. Das Urteil steht noch aus. Diese Leute setzen ihre Hoffnung in die Pariser Geschworenen. Sie zweifeln nicht daran, daß sie im Schwurgericht in den wüstesten Schimpfreden gegen die Regierung schwelgen können unddann unter wildem Beifallsjubel einstimmig freigesprochen werden. Der Wahrspruch in der Strafsache des Meuchelmörders Gregori, den die Geschworenen des Mordanschlags auf den von ihm aus unmittelbarer Nähe angeschossenen Drehfus nichtschuldig fanden, hat den „Hausierern des Königs" ihr Vertrauen zu diesen gerechten Bürgern gegeben. Theodor Roosevelt hat aufgehört, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu sein. Ein Rückblick auf seine Wirksamkeit ist also gestattet. Soweit dieser sein Verhältnis zu den Juden betrifft, kann derselbe nur ein erfreulicher sein. Roosevelt war ein absolut vorurteilsloser Mann; er hat nie einen Unterschied zwischen den Bekennern verschiedener Glaubensbekenntnisse gemacht. Durch die Berufung eines Juden Oscar S. Straus als Staatssekretär in sein Kabinett hat er gezeigt, daß er die moralische und wirtschaftliche Bedeutung des amerikanischen Judentums wohl zu schätzen wisse. Darüber hinaus ist er aber auch mit voller Entschiedenheit jederzeit für die unterdrückten Juden anderer Länder eingetreten. Die Aktion seines Kabinetts in Rumänien und zu wiederholten Malen in Rußland ist ohne Zweifel auf Roosevelts eigenste Initiative zurückzuführen. In der Einwanderungsfrage ist er stets für milde Maßregeln gegen jüdische Immigranten eingetreten. So werden die Juden Amerikas seine Präsidentschaft in dankbarer Erinnerung behalten. Man darf voraussetzen, daß der neue Präsident der Vereinigten Staaten Mr. Taft in denselben Bahnen wandeln wird wie sein großer Vorgänger. Auch er hat wiederholt seiner Anerkennung für den Patriotismus und das Wirken der Juden in Amerika Ausdruck gegeben, und wenn er auch — wie aus den neuesten Meldungen über die Zusammensetzung seines Kabinetts hervorgeht — keinen Juden in dasselbe ausgenommen hat, obwohl davon in letzter Zeit vielfach die Rede war, so wird er doch auch im entscheidenden Moment ganz unzweifelhaft für die Inden eintreten. Ja, man darf nach den Versprechungen, die er vor der Wahl gegeben hat, mit Bestimmtheit erwarten, daß er durch energische Intervention eine für die Juden günstige Lösung der russischen Paßfrage herbeisühren wird. Br. Wilhelm Cshn. ine Persönlichkeit von merkwürdigen Eigenschaften und Schicksalen wird man ohne weiteres hinter einem Manne suchen, der, soviel uns bekannt, als erster und letzter Jude eine Stellung im auswärtigen Amt des deutschen Reichs bekommen und Jahrzehnte hindurch behaupten konnte. Wilhelm Cahn, der am 15. d. M. seinen 70. Geburtstag feiert, ist der Sohn einer alteingesessenen Mainzer Familie, der mit Stolz auf Eigenschaften seiner Familie blickt, — die er selbst im höchsten Grade besitzt. Sein Großvater mütterlicher Seite ging mutig voran, als in Mainz die Tür des Ghettos eingeschlagen.wurde, ein Onkel ließ sich als 90jähriger Mann ins Wahllokal tragen, um seine Pflicht gegen den Staat zu erfüllen. Diese Energie war oft geeint mit schönem süddeutschen Humor und fröhlicher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.