Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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der nun folgenden Tafel wurde teils in ernster, t'eils in-launiger Weise auf den Gemeindevorstand, den Aufsichtsrat des Vereins, den .Gemeinderabbiner, die Vorstände der Wohltätigkeitsvereine m Gemeinde und die bei dem Feste anwesenden Vorstandsdamen des Frauen-Hilfsvereins getoastet. Herr Bruck vom Stadttheater sowie Herr Oberkantor Leibowitz hoben durch rezitative und gesangliche Vorträge die Stimmung der Gäste. Erst spät nach Mitternacht trennte sich die Gesellschaft mit dem Bewußtsein, unter lieben Veremsbrüdern einige angeregte Stunden verbracht zu haben. ff. Posen, 8. März. Der Verein „Jüdisches Mädchen- Heim" hielt seine diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Nach dem Geschäftsbericht hat das Mädchenheim nach vierjährigem Bestehen sich weiter gedeihlich entwickelt. Im Laufe des Berichtsjahres stellte sich die zwingende Notwendigkeit heraus, die Anstalt abermals um zwei Plätze zu erweitern, so daß das Mädchenheim, das am 1. Oktober 1904 bescheiden mit vier Zöglingen begonnen hatte, jetzt zwölf jungen Mädchen Ausnahme gewähren konnte. Die Vereinsbeiträge blieben auf der alten Höhe, dagegen muß mit Bedauern festgestellt werden, daß die freiwilligen Spenden für den Verein im abgelanfenen Jahre erheblich geringer gewesen sind als in den Vorjahren. Der Vorstand des Vereins und das Mädchenheim haben einen herben Verlust durch das Ableben des Herrn Adolf Baruch erlstten. An seine Stelle ist Herr Emil Jeremias eingetreten. Seit Eröffnung waren 35 Mädchen im Heim; hiervon waren 21 im kaufmännischen Berus, 7 als Putzmacherinnen, 2 als Kindergärtnerinnen, 2 als Wäschenäherinnen und Schneiderinnen, 1 als Maschinenschreiberin, 1 als Wäschenäherin tätig, während 1 Mädchen sich zur Gewerbeschullehrerin ausbildete. Am Schluß des Vereinsjahres waren 12 Mädchen in der Anstalt, und zwar 4 Buchhalterinnen, 1 Lehrmädchen, 1 Verkäuferin, 2 Putzmacherinnen, 2 Schneiderinnen, 1 Kindergärtnerin und 1 zur Ausbildung als Gewerbeschullehrerin. Es muß festgestellt werden, wie vorteilhaft der Segen einer geordneten Häuslichkeit das berufliche Fortkommen der Mädchen beeinflußt, und daß j>ie günstige Einwirkung dieser Häuslichkeit auch von den Arbeitgebern besonders anerkannt wird. Der Verkehr der jungen Mädchen untereinander war ein freundschaftlicher, der Gesundheitszustand ein. guter. Die Anstaltsleiterin Frau Salz hat auch im vorigen Jahre ihre aufopfernde Fürsorge und Arbeit bewiesen. Das ursprüngliche Stistnngskapital von 30 000 Mark, hat sich auf 36 700 Mark vermehrt. An Pensionsgeld der Pfleglinge, das teils von diesen selbst oder ihren Angehörigen, teils von Vereinen, insbesondere vom Verein zur Förderung der Erwerbsfähigkeit unbemittelter Frauenbund Mädchen gezahlt worden ist, wurden 3912 Mark vereinnahmt. Dieser Summe steht gegenüber eine Ausgabe von 3849.54 Mark, alle anderen höheren Ausgaben hatte der Verein selbst zu tragen. Es wurden für 4482 Verpflegungstage für die Beköstigung allein 3339.78 Mark verbraucht. mithin pro Kopf und Tag rund 68 Pfennig wobei zu berücksichtigen ist, daß ein großer Teil von Naturalien von Freunden der Anstalt umsonst geliefert worden sind. Der Vorstand des Vereins besteht aus: Emma Licht. Clara Czapski, Martha Lesser, Else Ephraim, Ella Pehser, Placzek, Knttner, Schleyer, S. Hamburger und Emil Jeremias. ff. Posen, 26. Februar. Wie ich Ihnen bereits gemeldet, ist am 20. d. M. hier der allgemein angesehene Justizrat Julius Salz im 57. Lebensjahre gestorben. Um ihn trauern Stadt und Gemeinde. Seit mehreren Jahren bekleidete er das ehrenvolle Amt des Stadtverordnelen-Vorstehers. das er mit großem Geschick und gewissenhafter Pflichttreue ausfüllte. Innerhalb unserer Gemeinde gehörte er fast allen größeren Institutionen in leitender Stellung an. Seit 17 Jahren hat er als stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes in treuer Gemeinschaft mit seinen Amtskollegen die Verwaltung der Synagogengemeinde, namentlich in juristischen Dingen, geleitet. Ausgestattet mit umfassendem Wissen, auch auf dem Gebiete des Verwaltungswesens, unterstützt durch hervorragende Geistesgaben, Arbeitskraft und Arbeitsfreudigkeit, beseelt von Herzensgüte und Menschenliebe, hat der Heimgegangene stets das regste Interesse für die Aufgaben der Synagogengemeinde bekundet und sich bereitwillig in ihren Dienst gestellt. Seine hingebungsvolle Mitwirkung bei der Begründung und Entwicklung der Moritz Rohrschen Stiftungen, insbesondere des Kranken-und Siechenhauses, haben diese Einrichtungen I -i zu außerordentlich segensreichen gestaltet. Sein Hinscheiden bedeutet für unsere Gemeinde, für die er noch auf seinem Krankenlager tätig war, einen überaus schweren Verlust. — Zur Beerdigung und Trauerfeier hatten sich neben Freunden und Bekannten auch die Spitzen der Behörden im Sterbehause eingefunden. Rabbiner Dr. Bloch zeichnete in-seiner ergreifenden Trauerrede ein Bild von der Persönlichkeit und dem Wirken des Entschlafenen; Oberbürgermeister Dr. Wilms feierte in ehrenden, herzlich empfundenen Worten seine öffentliche Tätigkeit. Ein unübersehbares Gefolge geleitete die Bahre nach dem Friedhofe. Voran gingen die städtische Feuerwehr und die Ratsboten mit dem OrdenskisieN, ein schönes Zeichen der allseitigen Liebe und Verehrung, deren sich der edle Verblichene erfreut hatte, dessen Andenken in unserer Gemeinde fortleben wird. 8. Preiskretscham (O.-S.), 1. März. In unserer Stadt ist Herr Simon Berliner, welcher schon jahrelang als Stadtverordneter fungierte, vorige Woche einstimmig zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt worden, derselbe ist auch bei der hiesigen Synagogengemeinde, .welche ungefähr 25 Familien zählt, jahrelanger Vorsteher. — Am Freitag fand hier dieBeerdigung desSynagogenvorstehers Herrn Herrmann Pick statt. Kriegerverein und Feuerwehrverein, welchen der Verblichene angehörte, marschierten mit Musik, Fahnen und Kränzen voran; die Trauerrede hielt Herr Dr. Münz-Gleiwitz; sie war sehr ergreifend, ging allen zu Herzen. n. Breslau, 28. Februar. Der Liberale Verein der Synagogerrgemeinde. der seit zehn Jahren in Breslau besteht und sich der vor kurzem begründeten Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland angeschlossen hat, veranstaltete am Sonnabend im Saale der „Vier Jahreszeiten" eine zahlreich besuchte Versammlung, in der Justizrat Breslauer aus Berlin die Zwecke und Ziele dieses Verbandes auseinandersetzte. Er verlangt seinen Gegnern gegenüber für die Liberalen nur die Existenzberechtigung, die er auch ihnen nicht bestreitet. In der öffentlichen Bekennung liberaler Anschauungen sieht er den einzigen Weg, die Juden dauernd dem Judentume zu erhalten, und bezeichnet darum als Aufgabe der Vereinigung die Verbreitung allgemeiner Grundsätze, während die Stellunng bestimmter Forderungen den liberalen Männern in den einzelnen Vereinen überlassen bleibt. Sein Programm stellt demgemäß als ersten Punkt den Satz auf: Es gibt Fortentwicklung im Judentum, und mithin ist es nicht notwendig, veraltete abgestorbene Formen noch inne zu halten, da sonst ein Zwiespalt zwischen Leben und Lehre entsteht. Ferner fordert, es eine bessere Gestaltung des Religionsunterrichts, für den speziell in Breslau bereits gut gesorgt ist, hebt die Bedeutung der Wissenschaft für die Religion hervor, tritt für die völlige Gleichberechtigung der Frauen ein, die als Mütter und Erzieherinnen von höchstem Einfluß auf die Religiosität der Kinder sind, und verlangt .schließlich für die deutsche Landessprache einen breiteren Raum im Gottesdienste..— Dieses Programm gab Anlaß zu längeren Erörterungen, die trotz des friedfertigen Tones des Referenten doch mitunter heftige Formen annahmen. Der Vortrag selbst fand lebhaften Beifall. n. Breslau, 25. Februar. Gestern raffte der Tod einen unserer Mitbürger dahin, der auch in weiteren Kreisen unserer Stadt seit langem rühmlichst bekannt geworden war, Herrn Adolf Freyhan. Mit einem gefälligen und liebenswürdigen Formtalent begabt, erfüllt bim jenem idealen, selbstlosen Sinn, der noch in den Herzen unserer Väter lebte, widmete er sich von früh auf neben seinem kaufmännischen Berufe den schöngeistigen Bestrebungen. Er gehörte zu den ältesten Mitgliedern der „Breslauer Dichterschule", die noch in diesem Monat ihr 50jähriges Jubiläum begehen will. Jahrzehntelang stand er als Vorsitzender an ihrer Spitze, bis er sich im Jahre 1894. aus Gesundheisrücksichteu von der Leitung zurückzog; der Verein ernannte ihn in dankbarer Würdigung seiner Verdienste zum Ehrenvorsitzenden. Freyhans Begabung hatte namentlich in den 60er und 70er Jahren manchen hübschen Erfolg zu verzeichnen. Anfang der 70er Jahre debütierte er auch mit zwei Schwänken auf der Bühne, bis ihn dann seine merkantile Tätigkeit mehr und mehr vom eigenen dichterischen Schaffen ablenkte. Allein sein Interesse für die Poesie unserer Heimatprovinz blieb deshalb ungeschmälert. Manches reisende Talent hat er, mit Rat und Tat gefördert, und mit den älteren schlesischen Poeten