Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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73. Jahrgang. Ni\ 10. Berlin, 5. März 1909. Vellage zur „Allgemeinen Leitung deS Judentums". lkorrekpondrn?rn und Nachrichten. Weutschlsnd. s. Berlin, 28. Februar. Die am 21. dieses Monats abgehaltene zweite Delegiertenversammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens war aus allen Teilen Deutschlands reichlich besucht. Es waren über 150 Herren erschienen um an 'den Verhandlungen teilzunehmen. Den Hauptpunkt der Beratungen und Beschlußfassungen bildete der neue Satzungsentwurf des Vereins, nach dem eine alle zwei Jahre stattfindende Delegiertenversammlung aus Vertretern aller im ganzen Reiche bestehenden Unterverbände des Vereins in Zukunft an die Stelle der bisherigen Mitgliederversammlung tritt. Dadurch ist gewährleistet, daß sämtliche im ganzen Deutschen Reiche befindliche Mitglieder eine Einflußnahme auf die Zusammensetzung des Vorstandes gewinnen und durch ihre Abgeordneten in der Hauptversammlung ihre Anträge und Wünsche vertreten lassen können. Weitere Beratungsgegenstände waren die Organisation der Frauen und der jüdischen Jugend. Die Referentin Frau Minna Schwarz legte eingehend dar, inwieweit die jüdische Frau berufen und in der Lage sei, an den großen Aufgaben im Kampfe um die politische und gesellschaftliche Gleichstellung der Juden fördernd teilzunehmen. Auf die Bedeutung der Mitarbeit der Frauen-in diesem Kampfe wurde hingewiesen und die Mittel und Wege gezeigt, wie die praktische Mitarbeit der Frauen am besten in die Gesamttätigkeit des Vereins eingeschaltet werden könne. Die Organisation der jüdischen Jugend, über welche die Herren Rabbiner Dr. Jacob-Dortmund, Dr. jur. Äpfel-Köln und Referendar Regensburger-Braunschweig referierten, gab zu einer interessanten Aussprache Gelegenheit über die Grundlage, das Wesen und die Ziele der jüdischen Jugendvereine. Eine ersprießliche Debatte über die Stellungnahme der Zentralvereinsmitglieder zu Kandidaturen getaufter Juden und zu öffentlichen Körperschaften beschloß die vorzüglich verlaufene-Tagung. Die am 22. dieses Monats abgehaltene, von weit über 600 Personen besuchte Generalversammlung des Zentralvereins nahm zunächst den Geschäftsbericht entgegen. Aus den Darlegungen des Geschäftsberichts ist zu entnehmen, daß der Verein fast 23 000 Einzelmitglieder zählt und einschließlich der korporativ angeschlossenen Gemeinden über 120 000 deutsche Juden vertritt. Die Generalversammlung nahm sodann den neuen Satzungsentwurf an und beschäftigte sich eingehend mit einem Anträge, der das Ausscheiden eines Vorstandsmitgliedes verlangte, weil es in der bekannten Wahlangelegenheit Mngdan-Richert sein Einverständnis zu der öffentlichen Erklärung gegeben hatte, es werde Mugdan wählen. Dieser Antrag wurde nach eingehender Diskussion, in der Redner aller Anschauungen zu Worte kamen, abgelehnt. Lediglich zwölf bis fünfzehn von sämtlichen Anwesenden stimmten dafür. Die ausscheidenden Vorstandsmitglieder wurden durch Zuruf wiedergewählt. Eine Erstattung des Kassenberichts und die Wahl der Revisoren beschloß den Abend. Die Delegiertenversammlung sowohl wie die Generalversammlung erbrachten einen vollen Beweis dafür, daß der Zeniralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens n erfreulicher Entwicklung begriffen ist. n. Berlin, 28. Februar. ' In Breslauers Restaurant fand die diesjährige Generalversammlung des „Jüdischen Volksvereins" statt. Wie den Lesern dieses Blattes aus einer früheren Mitteilung bekannt sein dürfte, hat hat sich der Volksverein im November v. I. mit dem erst einige Monate alten Verein „Laumeoli Nauph'lim“, der dieselben Bestrebungen wie der Volksverein hatte, vereinigt. Die wenigen Wochen der gemeinsamen Tätigkeit zeigten bereits, wie gerade in der Wohltätigkeit die Verschmelzung zweier nebeneinander wirkender Vereine für dieselben nur von Nutzen sein kann. Die Bahnhosswache,' die von jeher die Hauptaufgabe^ des- Volksvereins gebildet hat,- steht, nach wie vor an ■m 1 der Spitze des Vereinsprogramms, und wer einmal die Gelegenheit hatte, die Tätigkeit derselben auf den Berliner Bahnhöfen fzu beobachten, der wird den Namen des Volksvereins wohl zu schätzen. ■- wissen. Wie viele hilflose Auswanderer würden sonst auf den Straßen Berlins planlos umherirren, wie viele von ihnen würden >•; den habgierigen Herbergswirten in die Hände fallen, die den Unglücklichen noch die letzten Pfennige abzulocken verstehen! In den letzten Monaten ließ leider die Funktion der Bahnhofswache'manches zu wünschen übrig, doch scheint sie nach der Verschmelzung beider Vereine und namentlich durch die unermüdliche Kraft des jetzigen Vorsitzenden Herrn Jlia Ber ihre alte Höhe wieder zu erlangen. Neben der Bahnhofswache besteht noch immer das Jnformationsbureau in der Dircksenstraße 46, und der Verein unterhält gleichzeitig.eine Kasse für kleinere Unterstützungen. Herr Ber erstrebt als nächstes Ziel die Gründung eines eigenen Auswandererheims, wofür alles bereits in die Wege geleitet ist. — Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß der Volksverein der jüdischen Gemeinde den beiden großen jüdischen Organisationen, „Hilfsverein" und Ü-Hiaaee I8raü1ite, deren, Subventionierung er seine Existenz zu verdanken hat, zu großem und aufrichtigem Dank verpflichtet ist. In den neuen Vorstand wurden neben'Herrn Jlia Ber als erster Vorsitzender, die Herren Dr. Mühsam, . Dr. Sachs, Herrmann Aron, Dr. Garbatth, Dr. Namiot, ■ Max Wollsteiner, Herrmann, Levi, Kroll und Landau von der Versammlung einstimmig gewählt. s. Berlin, 2. März. Ein Denkmal für Geheimrat Professor Dr. Emanuel Mendel soll auf dem Grundstück des Pankower Gemeindekrankenhauses, um dessen Entstehung der Gelehrte und Forscher sich die größten Verdienste erworben hat, errichtet werden. Es hat sich zu diesem Zweck ein Komitee gebildet, dem eine Reihe hervorragender Persönlichkeiten, besonders aus der ärztlichen Welt, angehört. Aber auch Männer, wie Freiherr d. Manteuffel, der Präsident des Herrenhauses, Staatsminister Hobrecht, der Vortragende Rat Dr. Dietrich, Kammerherr Dr. v. Saldern, Landrat Graf Rödern und viele andere gehören zu den Unterzeichnern des Aufrufs. s. Berlin, 28. Februar. Aus Anlaß eines Vorschlages zur Verleihung der Ehejubiläumsmedaille an ein jüdisches Ehepaar hat das Geheime Zivilkabinett mitgeteilt, daß der Kaiser als maßgebend für die Verleihung der Medaille an jüdische Eheleute den Zeitpunkt der rechtsgültigen Eheschließung betrachtet, als welcher nach dem Gesetz vom 23. Juli 1847 über die Rechtsverhältnisse der Juden nicht der Tag der rituellen Trauung, sondern der Tag der Eintragung der in das gerichtlich zu führende Register anzusehen ist. Für die Bewilligung des Allerhöchsten Gnadengeschenkes an jüdische Eheleute zu Feier der goldenen und diamantenen Hochzeit kommt danach derselbe Tag in Frage. - Posen, 1. März. Nachdem am Sonntag abend der „Israelitische Verein für Krankenpflege und Leichenbestattung (Oüervra. Laäweba) unter Leitung des Herrn Gemeinderabbiners den Festgottesdienst in der neuen Gemeindesynagoge abgehalten hatte, versammelten sich am Montag abend Mitglieder und Gäste in Sterns Festsälen zum Festessen. An Stelle des verhinderten Vorsitzenden, Herrn Silberberg, begrüßte Herr Israel Friedlaender die Gäste und gab eine Uebersicht über die finanzielle Lage des Vereins. Er gedachte ferner der im letzten Jahre verstorbenen Mitglieder, deren Angedenken die Versammlung durch Erheben von den Sitzen ehrte, und schloß mit dem Wunsche, daß die junge Generation in ihrer Pflichterfüllung den Alten nicht nachstehen möge. Sodann ergriff Herr Rabbiner Blum, an Stelle des leider verhinderten Herrn'Oberrabbiner, Dr. W. Feilchenfeld, das Wort, um in längerer, wohldurchdachter Rede das edle, selbstlose Wirken der Vereinsmitglieder : zu schildern. Er ließ seine Rede in ein von der Versammlung begeistert aufgenommenes Hoch auf den Verein ausklingen; während