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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-05 · Heft 10 (5.3.1909) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
Seite 120 (sequence 12)
Language
German
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120" zu beruhigen suchte und ihr versicherte, .daß der Ehebllnd nur auf dem Standesamte geschlossen sei.; v " „Möchten alle Plagen Pharaos ihn ereilen" rief sie in ihrem ■ pittoresken Jargon. „Möchten, seine schönen; Kleider^ ihm vom Fleische und das Fleisch ihm von den Knochen fallen! , Möge Fannys ^beleidigte " Seele vor dem ewigen Gerichtshof . gegen ihn zeugen! Sie aber, dieses Heidenweib, soll von einem jähen Tode betroffen werden." Sie zog die Enden ihres Strickes fest zusammen, als ob es. um den Hals der Frau wäre. „SM doch, stille, Sie böse alte Hexe," rief die Wanderin ^.entrüstet, „was sollte dann wohl aus ihren eigenen Enkelkindern werden?" „Für die kann es gar nicht schlimmer werden, als wie es jetzt ist, nachdem eine Heidin in das Haus gezogen ist. Ihr Judentum wird dadurch vernichtet werden. Vielleicht wird sie die armen Geschöpfe sogar taufen lassen. O, Vater im Himmel!" Der Gedanke^lastete schwer auf ihr. Sie stellte sich vor, wie ihre unschuldigen Enkel Becki und Joseph das Kruzifix küßten. Es würde ganz sicher sein, daß sie kein koscheres Essen mehr bekämen. Wie.'sollte diese Fremde etwas von den Geheimnissen der Aleischzubereitung wissen, und wie man Fleischteller stets sorgsam von den Buttertellern zu trennen habe? Endlich konnte sie. die auf ihrem Herzen ruhende Last nicht mehr länger ertragen. Sie nahm ihren Weg an Elkmanns Haus vorbei und tief unter ihrem Sacke gebückt, pochte sie an die ihr so wohlbekannte Türe. Es war um die Frühstückszeit, und als man ihr öffnete, kämen ihr ungewohnte kulinarische Düfte entgegen. Ihre aufgeregte Einbildungskraft spiegelte ihr vor, daß sie Speck röche. Das immer noch an der Türpforte angebrachte jüdische Amulett vermochte ihr keinen Trost zu verleihen; es war einfach dort vergessen worden, ein stummes Symbol des früheren Judentums. Eine sehr hübsche, freundliche, junge Frau mit blauen Äugend und.wie Rosen prangenden Wangen öffnete die Tür. Vor Natalias^Augen tanzte alles, sie konnte kaum etwas sehen. „Alte Kleider?" frug sie mechanisch. „Nein, danke Ihnen," erwiderte die junge Frau. Ihre .Stimme war süß, aber Natalien klang sie. wie die Stimme Liliths, der Räuberin ^.neugeborener Kinder. Ihre rosigen Wangen hielt sie für Schminke. Im Hintergründe drang der Duft unkoscheren Essens aus 'der früher so rituell geführten Küche, die die christliche Eindrängerin profaniert hatte. Zwischen Natalia und ihren Enkeln aber stand diese fremde, mädchenhafte Gestalt und schien sie unerreichbar weit von der Großmutter zu trennen. ' Sie konnte die Schwelle nicht wieder überschreiten, ohne i eine weitere Erklärung zu geben. „Ist Herr Elkmann zu Hause?" fragte sie. „Sie kennen seinen Namen?" sagte die junge Frau etwas überrascht. „Ja, ich kenne ihn ziemlich genau." Der spöttische Ausdruck dieser Worte wurde glücklicherweise von der jungen Frau nicht verstanden. „Es^tut Jnir leid, daß jetzt nichts zu verkaufen da ist," sagte sie höflich. „Nichts? Nicht einmal ein Paar alter Schuhe? „Nein." .. .. „Aber die Schuhe der toten Frau? Oder — tragen Sie die vielleicht?" - Diese Worte kamen ffo unerwartet, wurden mit so selt-. amem Ausdruck gesprochen, und die Augen des alten Weibes leuchteten dabei so unheimlich, daß die junge Frau mit einem leisen Schrei zurückbebte. , „Henri," rief sie, v . . . .../ (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. - Wie uns die „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" mitteilt, befindet sich der V. Band des'„Grundriß für die Wissenschaft des Judentums", und zwar die Systematische Theologie auf geschichtlicher Grundlage von Rektor Dr. K. Kohl er-Cincinnati bereits im. Druck und wird voraussichtlich Ende April oder Anfang Mai d. J. erscheinen. Diese Mitteilung wird sicher allgemeines Interesse erregen. Sprechsaal. Herr Redakteur! ie zweifeln, wie mir scheint, mit vollem Rechte auf S. 39 Ihres geschätzten Blattes die höchst merkwürdige Geschichte von dem Interview des japanischen Graseu Okurna mit der russischen Journalistin Frau Gorjatschewska an. Sehr unwahrscheinlich ist es, daß irgendein Diplomat einer ausländischen Regierung einen Rat über die Behandlung ihrer eigenen Staatsbürger erteilen sollte. Noch unwahrscheinlicher ist es, daß ein japanischer Diplomat, der, wie er selbst sagt, die Juden gar nicht kennt, ein so überzeugter Anhänger der Staatskunst Jgnatieffs*und Pobjedonoszeffs sein sollte. Sicherlich unwahr ist es, daß „wir Japaner... die Juden unter keiner Bedingung in Japan sich ständig ansiedeln", lassen. Es gibt eine jüdische Gemeinde.in Nagasaki, deren Gründer^ ein aus dem Posenfchen stammender Jude, mit einer Japanerin verheiratet ist und seine Kinder als Juden erzieht. Diese. Gemeinde hat vor zwei Jahren einen Friedhof angelegt, worüber „Jewish Chronicle" am 17. Mai 1907, S. 17, einen Bericht brachte. In derselben Zeitung vom 24. Juni 1904 findet sich ebenfalls ein Bericht über die jüdische Gemeinde in Nagasaki. Ich hoffe übrigens zuversichtlich, in kurzer Zeit authentische Mitteilungen über dieses Interview zu erlangen, das wahrlich nicht dadurch an Glaubwürdigkeit gewinnt, daß es in der „Nowoje Wremja" erschienen und von der Presse Herrn Stöckers weiter verbreitet worden ist./ * Ergebenst Gotthard Deutsch. Cincinnati, 5. Februar 1909. * Dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund wird von Herrn Rechtsanwalt Nassau in Hagen geschrieben: ' ' Anfang Dezember sammelte ein Herr A. S. Rosen in Hagen Beiträge für das Israelitische Waisenhaus in Jerusalem. Aus einem vorgelegten Buche ergab sich, daß er bereits seit zwei Jahren in England und Deutschland gesammelt habe. Eine Erkundigung bei der Verwaltung des Waisenhauses ergab, chaß Rosen ein Schwindler ist Vor zwei^Jahren ist er nach Jerusalem gekommen und hat sich erboten, für die Anstalt zu sammeln. Die Anstalt hat ihm 500 Francs für Reisespesen gezahlt. Seitdem hat er nichts von sich hören lassen. Aus Anfragen von verschiedenen Seiten ersah die Verwaltung, daß er überall erhebliche Summen eingesammelt hat. Abgeliefert hat er noch keinen Pfennig. Die Verwaltung des Waisenhauses bittet dringend darum, Rosen verhaften zu lassen. Es ist durchaus erwünscht, daß dies geschehe.. Zu diesem Zweck ist die Weiterverbreitung dieser Warnung notwendig. Druck nnd Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für, die Redaktion: Ma^Bauchwid in Berlin.

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