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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-05 · Heft 10 (5.3.1909) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
Seite 119 (sequence 11)
Language
German
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trug sie natürlich eine Perücke. Das Leben war immer unsanft mit ihr umgegangen. Seit dem-Tode ihres Mannes und seit ^Fannys frühester Kindheit hatte sie sich ihren kargen Lebensunterhalt dadurch verdient, daß sie mit alten Sachen handelte und sie etwas teuerer verkaufte, wie sie solche erstanden hatte. Sie pflegte sich an den Hintertüren der Villen einzustellen, um dort mit gewinnsüchtigen Frauen und Damen zu handeln, die sich nur deshalb mit der alten Trödlerin einließen, weil sie selbst ein Geschäft dadurch zu machen hofften. Natalia pflegte die vor ihr aus dem Boden liegenden alten Kleider und Putzgegenstände mit verächtlichen Blicken zu prüfen und wohl gar mit dem Fuße sortzustoßen. „Wie könnte ich solches Zeug wieder los werden?" fragte sie. „Ich habe Ihnen das letztemal zu viel gezahlt, ich habe bei dem Handel zugesetzt." Wenn sie dann den Preis hartnäckig bis auf das äußerste herabgesetzt hatte, zog sie einen alten schäbigen Lederbeutel aus ihrem Busen und zahlte den Betrag in Silber- und Kupfermünzen. Dann packte sie die erhandelten Sachen fa. schnell sie konnte in ihre» großen Sack und ging fröhlich davon. Die Herrenkleider verschacherte sie ohne weiteres an kleine Läden, in denen man mit getragenen Sachen handelte, aber die Frauenkleider wußte sie geschickt zu reinigen, zu wenden und aufzuarbeiten, um sie dann in erneutem Glanze Sonntag morgens in Petticoat-Lave zu verkaufen. Die alte Frau scheute keine Mühe, sie war zur Alchimistin und Chemikerin geworden und verstand es, die hartnäckigsten Flecken aus den Stoffen zu entfernen. Sie gehörte zu den bescheidenen Agenten des großen ökonomischen Prozesses, durch den abgesetzte Kleider ein neues frisches Ansehen erhalten, um dann aus den höheren Gesellschaftskreisen in immer tiefer stehende Regionen überzngehen. Als sie zuerst ihren Händel begann, da konnte sie nur gerade so viel Englisch, um sich notdürftig durchzuhelfen. Aber durch den fortgesetzten Verkehr mit Engländern hatte sie schon ein Jahr nach dem Tode ihres Mannes mehr Englisch gelernt als in den 25 Jahren, die sie vorher iu dem Ghetto von Spitalfields verbracht hatte. Es war Fannys Obliegenheit gewesen, während die Alte handeln ging, das Haus zu versorgen und das Abendessen zu bereiten. Der Widerstand der Mutter gegen ihre Heirat entsprang keinen selbstsüchtigen Motiven. Sie machte sich nichts daraus, wenn-sie, nachdem sie den ganzen Tag herum gelaufen war, endlich heimkehrte, selbst das Feuer anzuzünden und sich ihr bescheidenes Mahl zu bereiten. Fanny hatte ihr freilich angeboten, sie solle zu ihr ziehen in das elegante, zwei große Zimmer enthaltende Häuschen in der Nähe von King's Croß, das Henri einrichtete. Sie könnte dort ganz gut nachts auf einem zusammenlegbaren Bette im Wohnzimmer schlafen. Aber der Unabhüngigkeitsgeist der alten Frau und ihr Mißtrauen gegen den Schwiegersohn bewogen sie, ihr bescheidenes Ghettozimmerchen vorzuziehen. Trotz aller Gründe, die Fanny dagegen aufbrachte, konnte sie eine gewisse Antipathie gegen die Art, wie Henri sich kleideteja selbst gegen seine ganze Beschäftigung nicht überwinden — vielleicht war es der ihr unbewußte Antagonismus der alten Kleider gegen die neuen, der fast symbolisch war für die alte Generation und die pietätlosen Kinder der Neuzeit, die die Alten niedertreten. Henri selbst war außerordentlich erfreut darüber, daß die Alte das Anerbieten ihrer Tochter nicht annahm. In der ersten Zeit seiner Verlobung hatte er, da er wirklich sehr verliebt in Fanny war, die alte polnische Jüdin, die seltsamerweise die Mutter der hübsch und rosig aussehenden Fanny war, mit in den Kauf genommen. Aber wenn es etwas in der Welt gab, das ihm Ekel und Abscheu erregte, so waren dies alte Kleider. Ä >*v * » fr Er fühlte sich wie ein Teil der großen englischen Welt der Mode und des Geschmacks, deren Taillenweite er von seinem hohen Stuhle herab registrierte, und sogar in gewisser Beziehung zu dem beliebten Komiker, dessen zwar nicht teueren, aber stilvollen Abendanzug er bis in die kleinsten Details zu beschreiben liebte. Die Jahre gingen vorüber, und es schien wirklich beinahe so, als ob die Befürchtungen der alten Frau grundlos gewesen. Henri ging nicht zu den Nennen, und Fanny und ihre Kinder Becki und Joseph hatten es nicht nötig, die Unterstützung der Mutter in Anspruch zu nehmen. Seine Stellung verbesserte sich vielmehr, und er konnte es sich leisten, ein nettes Häuschen mit vier Zimmern in der Holloway Street zu mieten; das war besonders angenehm, .da es sö nahe bei dem Warenhause S. Cohns gelegen war, daß er des Mittags zum Frühstück nach Hause kommen konnte. Aber ach! die arme Fanny sollte die Annehmlichkeiten ihrer verbesserten Lage nicht lange genießen. Sie zog in das enge Gräbeskämmerlein, und nachdem sie heimgegangen, erschien das vier Zimmer enthaltende Häuschen den Hinterbliebenen unglaublich leer und kahl zu sein. Selbst Nataliens Dachstube in dem Ghetto, die Fanny doch schon seit sieben Jahren nicht mehr geteilt hatte, erschien der armen Mutter öde und leer. Sie fühlte sich unsäglich einsam, und dabei wurden dennoch die Besuche bei ihren Enkelkindern nnmer seltener. Nachdem das verbindende Glied ihrer Tochter fehlte, fühlte sie sich keinen Augenblick mehr wohl in dem Hause, dessen ganze Einrichtung ihre eigene soziale Stellung weit überragte. Henri behandelte sie auffallend steif und frostig, und die Kleinen näherten sich nur ungern dieser ernst und streng aussehenden alten Frau, die sie danach frug, ob sie regelmäßig ihre Gebete verrichten, und die so unangenehm nach Heringen roch.. Allmählich ging sie gar nicht mehr in das Haus ihres Schwiegersohnes. Dann plötzlich erwies es sich, daß das Mißtrauen, das sie stets gegen Henri Elkmanu empfunden hatte, nur zu gerechtfertigt war. . Ehe nur das Trauerjahr vorüber, eher er berechtigt war aufzuhören, den Kaddisch für ihren Liebling Fanny zu sprechen, horte sie, daß der Elende schon wiederverheiratet sei! Verheiratet und zwar, um das Maß des Greuels vollzumachen, mit einer Christin! Natalia erfuhr diese Neuigkeit von einer plauderlustigenDame, einer ihrerKlientinen; sie bohrte mit ihrem Messer Löcher in den über vollen Sack, um den Strick hindurch zu ziehen; sie bohrte verzweifelt mit ihrem Messer hinein, als ob der Sack Henri Elkmanns Herz gewesen sei. Sie kannte die Details des pikanten zarten Verhältnisses nicht, das sich zwischen ihm und der hübschen Gehilfin in dem großen Tuchgeschäft, das in der Nähe des Holloway Warenhauses gelegen war, entwickelt hatte, und sie hatte nicht das kleinste Verständnis für die allmähliche Umwandlung, , die sich in Henri vollzogen hatte. Wie er, nachdem er anfangs nur die Reize der hübschen Britin bewundert hatte, allmählich dazu gekommen war, sein Judentum aufzugeben. Es war ihr zum Glück nicht bekannt, daß selbst ihre Fanny in den letzten Jahren den Pfad der Tugend oft genug verlassen und am Sabbat nachmittag mit ihrem Manne Partien gemacht hatte, um etwas Landluft zu atmen. Sie war rücksichtsvoll genug gewesen, ihr solche Dinge zu verschweigen. In den Augen der strenggläubigen alten Trödlerin war Henri Elkmann einfach ein Ungeheuer von Schlechtigkeit, sie glaubte sogar, daß er sich habe taufen lassen, und daß er in einer christlichen Kirche getraut sei, obwohl die Vermittlerin der schlimmen Nachricht sie über diesen-Punkt

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