Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- Seite 118 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Noch einmal endlich, und diesmal wie auf der Apothekerwage abgewogen, bietet Spielhagen jüdische Kontrastbilder in seinem letzten Roman: „Freigeboren". Der alte Kommerzienrat Bielefelder und seine Frau sind — von den: unirdischen Jettchen Israel abgesehen — die besten Juden, die Spielhagen überhaupt gezeichnet hat. Von dem Spinozismus des alten Herrn war schon die Rede; als ihm dann die vielgeliebte Frau stirbt, rettet er sich in den wärmeren Glauben an persönliches Weltregiment, an ein Wiedersehen nach dem Tode hinüber. Aber nicht seine philosophischen und religiösen Gedanken machen den Kommerzienrat so sympathisch. Er erscheint liebenswert in all seinem Handeln, als Gatte, als väterlicher Freund, als Wohltäter . . . Und das gleiche gilt von seiner Frau, die sich mit Philosophie nicht sehr viel abgibt und ihre Erholung in der Musik findet. Die reiche Dame braucht wirklich Erholung, denn bei jedem Wetter, tagaus tag ein, sorgt sie aufopfernd für „ihre" Armen und Kranken. Die einzigen Leute fast, für die sie weniger Sympathie besitzt, sind ihre eigenen Söhne. Die haben auch gar nichts vom Wesen der Eltern geerbt; der eine ist der oberflächlichste Börsenmann, verändere ein eitler, nur flach begabter Kops, dem alles einzig zur Befriedigung seiner Eitelkeit dienen muß: der Finanzberuf, die Abgeordnetenwürde, die Ehe mit einer schönen und geistvollen Adligen. Damit ist die wesentliche Reihe der jüdischen Romangestalten Spielhagens erschöpft. Die treffliche Lässalle-Skizze nach dem Leben, die ein Einschiebsel von „Freigeboren" enthält — leibhaftig steht das widerspruchsvolle Genie vor dem Leser als Denker und Don Juan, klarster Wahrheitsverkünder und eitelster, jüdisch-eitler Komödiant, Selbstling und Altruist — diese Skizze fällt nicht unter die Romanbilder des alten meisterlichen Erzählers, der sich in seinem letzten Buch über die so oft strenggewahrten Regeln seiner Kunst hinwegsetzte und etwas an sich höchst Interessantes, aber durchaus nicht zuin Roman Gehöriges in den Kauf gab. Und die Erklärung, die von Lasialles Wesen gegeben wird: „Mir deucht, man kann ihn nicht verstehen . . ., wenn man vergißt, daß er dem so geistesmächtigen Stamm entsprossen ist, den man jahrhundertelang in schnöden geffelu gehalten, und der nun, da die Fesseln gefallen sind, nicht weiß, wohin mit der aufgespeicherten Kraft" --auch das bringt keinen neuen Zug in das hier entworfene Bild; läßt es sich doch ganz so aus dem Wesen Becki Lombards, der „Herrin", herauslesen... Um dies nun zu resümieren, so sinden sich also in Spielhagens großen Romanen keine einzelnen jüdischen Gestalten, statt dessen Gruppen, in denen der Dichter mit skrupulöser Genauigkeit: Licht und Schatten verteilt, die guten und die bösen Eigenschaften, die er für Stammeseigentümlichkeiten nimmt, abwägend zur Darstellung bringt. Kurz gesagt: in seinen Judenbildern tritt ein heißes Bemühen um Objektivität zutage. Spielhagen verkündet in der Frage des Judentums, wie in allen anderen, seine eigene Meinung aufs schärfste, aber er malt die Juden wie alle anderen Menschen ganz objektiv mit ihren Fehlern und Vorzügen. Es ist eine heillose Begriffsverwirrung, einem Dichter um jener Subjektivität willen diese gestaltende, psychologische, wahrhaft dichterische Objektivität abzusprechen. Daß Spielhagen diese wesentlichste Dichterfähigkeit besessen, trotz und neben seiner persönlichen politisch-philosophischen Leidenschaft völlig besessen, vermochte ich wohl am besten an seinem Verhältnis zum Judentum und seinen jüdischen Romangestalten zu zeigen. Und nun meine ich auch die Antwort geben zu können auf die selbstgestellte Frage, warum Spielhagen am jüdischen Romanhelden vorübergegangen sei. Aus allzugroßer Objektivität glaube ich. Denn während das Publikum sehr mit Recht gewöhnt ist, in Reinhotd Schmidt oder Leo Gutmann oder Oswald Stein neben den typischen Vertretern einer Partei oder Klasse oder Generation doch auch Einzelmenschen, .eben den Reinhold, den Oswald und Leo zu sehen, ist es ebenso und sehr zu Unrecht gewöhnt, in einem jüdischen Romanhelden durchaus keine Individualität zu suchen, sondern sofort und nur den Typus, die Verkörperung des ganzen Judentums. Trat Leo Gutmann als Jude auf, so waren in ihm „die Juden" gezeichnet, erhielt „Sturmflut" einen jüdischen Helden, so lag die verlogene Einseitigkeit des Dichters zutage, denn er feierte „die Juden" als Staatsretter. — — — Nur einen sehr kleinen Teil des mächtigen Spielhagenschen Schaffensgebietes umfaßt diese Studie. Aber gestattet nicht oftmals die mikroskovische Betrachtung nur eines Tropfens sehr weitgehende Schlüsse auf die Eigenart des ganzen Quells, dem er entstammt? SgUJkLggQ/j Ghetto-Komödien. Von I. Zangwill. Die Lastträgerin. 1. <^^ls ihre Fanny endlich heiratete, war Natalia — wie jeder die alte Trödlerin nannte — nicht sehr erfreut darüber. Natalia hatte früher immer gedacht, daß, wenn eine fast schon matronenhafte Tochter von dreiundzwanzig Jahren, die beinahe über das Heiratsalter hinaus war, dennoch in die Ehe träte, sie unbedingt eine gute Partie machen würde, die für Mutter und Tochter Vorteile bringe. Als aber der zukünftige Schwiegersohn sich ihr vorstellte, befriedigte er ihre Ansprüche keineswegs; er bestand durchaus nicht vor dem kritischen Auge der alten Trödlerin. Sie blieb dabei, daß Henri Elkmann kein richtiges jüdisches Aussehen habe. Schon der Schnitt seiner Kleider schien ihr verdächtig und regte die Vermutung in ihr an, daß er am Ende gar an Wettrennen teilnähme. Ganz vergebens versuchte Fanny ihr klar zu machen, daß Henri niemals zu den Rennen ginge, daß seine Pflichten als Buchführer in S. Cohns Warenhaus ihn viel zu sehr in Anspruch nähmen, um an solchen Vergnügen teilzunehmen, und daß der elegante Schnitt seines Anzuges von ihm gefordert wurde, um Reklame für das Geschäft zu machen. „Ach, das kenne ich schon; natürlich wird er Dich nicht mit zu den Rennen nehmen," erklärte sie in jüdischem Dialekte, „aber alle diese jungen Leute mit karierten Anzügen und mit Blumen in ihren Knopflöchern wetten und spielen und tun noch viel schlimmere Dinge, und nachher müssen dann ihre Frauen und Kinder die Hilfe ihrer alten Mütter in Anspruch nehmen." . „Ich werde Dir ganz gewiß niemals zur Last fallen," erwiderte Fanny ärgerlich. „Wem denn sonst? Du bist eine schöne Tochter! Möchtest Du denn Fremden zur Last fallen? Oder solltest Du vielleicht gar daran denken, die öffentliche Wohltätigkeit in Anspruch nehmen zu wollen?" Ein Schauder durchrieselte ihren mageren Körper. Sie war schon mit sechzig Jahren ein hageres,, altes Weibchen gewesen und hatte das Ansehen einer ehrwürdigen Großmutter gehabt, die sie nun allmählich geworden; nur daß ihr Haar tiefschwarz geblieben, denn als strenggläubige Jüdin )