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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-05 · Heft 10 (5.3.1909) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
Seite 117 (sequence 9)
Language
German
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Dichter offenbar den praktisch ^ethischen Wert der Auffassung zu schätzen-. Aber, die letzte Meinung Spielhagens kommt doch - in der leidenschaftlich entsetzten Gegenfrage.seines Helden zum Ausdruck: „Und ihre Siebe> ifyxe eigene^ßiebe, jbte.Siebe, die sie (die Galten) zusammenführte... sie wollen Sie aus der Ehe nehmen?" Und .es ist auch gut, daß der Dichter also Partei zu. nehmen scheint, denn mit der praktischen Moral mag man sehr weit kommen, aber aufwärts kommt, man.nicht-mit ihr, und aufwärts .möchte doch gern, wer, dem Alltag für kurze Zeit abgewendet, sich einem Dichter anvertraut. Diese beiden Männer jedenfalls- Hirsch und Wollnow, sind wohl die einzigen Juden, die der Dichter als isolierte, -völlig sympathische Menschen zeigt. Sonst stellt er regelmäßig zwei oder mehrere. Juden nebeneinander, und zwar derart, daß der eine ein wenig besser, der andere etwas schlechter gehalten ist. Er sorgt also mit mathematischer Genauigkeit für eine Art ausgleichender Gerechtigkeit. Ganz genau ausbalanciert sind so Vater und Tochter Lombard in der tiefgreifenden psychologischen Studie „Herrin". Der Vater/ ein weiser Nathan, großer Arzt, harmonisch abgeklärter Mensch mit der einzigen Schwäche, sein geistvolles Mädchen von frühauf allzusehr verzogen zu haben; Becki ebenso geistvoll wie unstät, unäusgefüllt, von all der Herrschsucht, dem Egoismus getrieben, die dem Angehörigen eines lange unterdrückten, eben erst freigewordenen Stammes allzuleicht anhaften. Natürlich kann im breiteren Raum des politischen Romans, wo neben und über der Psychologie einzelner Gestalten andere Themen zu erledigen sind, eine derartige Mathematik, wie in der „Herrin", nicht getrieben, werden. Aber das Prinzip des Balancierens, der ausgleichenden Gerechtigkeit bleibt doch nach Möglichkeit gewahrt. Am niedrigsten gehalten sind die Juden in dem Roman „In Reih und Glied", wo sie durch die getauften und geadelten Sonnensteins vertreten sind. Herr von Sonnenstein, der große Finanzmann, betreibt die Politik in kühlster Berechnung genau so, wie sie in seine geschäftlichen Angelegenheiten paßt, läßt sich durch kein'e reinere Idee leiten, sucht Leo zu ködern und läßt ihn fallen,, je nach der geschäftlichen Konstellation, kennt auch keinerlei Bedenken seinem ideologischen, freiherrlichen Schwager gegenüber. Alfred Sonnenstein, der Sohn, ist ein junger Wüstling, dessen schließlicher Blutsturz nur als eine Quittung über eine Summe von Ausschweifungen angesehen werden kann, und seine Schwester Emma endlich das oberflächlichste, schwatzhafteste Geschöpf, das für sein eheliches Unglück fast auch nur allein verantwortlich zu machen ist. Aber nun beachte man, mit welcher Kunst in und zwischen diesen wenig sylnpathischen Menschen das Balanceprinzip oder die ausgleichende Gerechtigkeit geübt wird. Vater Sonnenstein ist durch einige imposante. Züge gehoben. In diesem Mann steckt Willen, den man am. richtigsten eine Art Shylock-Willen nennt. Er will den Juden, das Judentum zu Ansehen und Macht bringen, was ihm, ohne alle mittelalterliche Blutgier, doch eine Art Rache miteinschließt. Und zu diesem Stammesehrgeiz, tritt das heiße, freilich falsch gerichtete Gefühl für seine Kinder: der Junge darf sich von; keinem adligen Stutzer lumpen lassen, das Mädchen muß zum mindesten einen Baron heiraten. Kann man dies alles aber schließlich doch Härte und egoistischen-Ehrgeiz nennen, so gewinnt der schlaffe Alfred durch eine fast rührende Szene das Herz des. Lesers. Es handelt, sich da um wenige Worte- Henri von Tuchheim, Alfreds, robuster und verderbter Verführer, schilt aus den eigenen Vater. Da sagt Alfred, der sonst dem „Freunde" unbedingt ergeben ist: „Ich mag^ nicht hören, daß Du so über. Deinen Papa sprichst." Und auf die unwirsche Entgegnung: „Bekümmere Dich nicht, um Dinge,..mon eher,. fc)i,e; Du absolut nicht verstehst," versetzt Alfred sofort und. mit völliger .Selbstverständlichkeit: „Da ist gar nichts zu verstehen; Papa ist . Papa, und es ist unschicklich, sich so über seinen Papa zu äußern." Und auch die alberne Emma, und sie erst recht, wird durch Züge von Herzens güte gehoben. Geläutert durch das Unglück in ihrer Ehe mit Henri,. vertieft durch das immer wärmere Gefühl für Leo, von dem sie Gegenliebe weder zu erwarten hat, noch auch nur erhofft, ist sie schließlich fast die Einzige, die auf der Seite des Fallenden steht. Ein markanteres Gegenstück zu den Sonnensteins sind die Israels in „Was will das werden?". In dem kleinen Stralsunder Kornhändler und Geldverleiher, der durch zäheste Ausdauer und kühlsten Blick, natürlich auch durch den Glücksumstand, den der siebziger Krieg und die spätere Lage für den Lieferanten bedeuten, allmählich zum wahren Beherrscher der Stadt und. des umliegenden Landes wird, der die ganze Hafengasse besitzt und für seine Speicherbauten verwertet, dem die adligen Herren der Nachbargüter sozusagen mit Leib und Seele verfallen sind, und der schließlich vor seinem Geldfchrank, vom . Schlage getroffen, zusammenbricht, als die johlende Menge auf christlich-soziale Anregung gegen sein Haus marschiertin diesem schwerhörigen, kleinen Männchen steckt ein gutes Stück vom Wesen seines Ahnherrn Shylock. Ihm hält seine Familie das Gegengewicht. Von der Gattin, einer verschüchterten, schmächtigen Frau, ist wenig zu sagen. (Die Mütter spielen inSpielhagensWerkeneigentlich nie eine großeRolle. Das dürste daran liegen, daß der Dichter die eigene von einem Gemütsleiden befallene Mutter früh entbehren mußte.) Der Sohn hat zwei glaubhafte Eigenschaften: er ist dumm und dem Helden des Romans, der ihn auf der Schule beschützt und fördert, pudelanhänglich und zu tiefst dankbar. Weniger glaubhaft erscheint es mir, daß der beschränkte gutmütige Mensch zur Berliner Finanzgröße wird, daß er einen völligen Zusammenbruch gefaßt erträgt, vor allem, daß er eine anglisierte Galizierin, die Emma Sonnensteins schlechte Eigenschaften potenziert, von ihren besseren nicht eine besitzt, daß er diese gerade zur Gattin wählt Alles Licht dagegen, das in dem wetterwolkigen Roman überhaupt aufleuchtet, konzentriert sich auf die Tochter, auf Jettchen Israel. Um so viel Engelhaftigkeit möglicher zu machen, hat Spielhagen das Mädchen von aller Berührung mit der Außenwelt durch zeitiges tödliches Leiden abgeschlossen. Der „lieben Heiligen" legt er denn auch seine eigenen Wünsche für die Weiterentwicklung des Judentums in den Mund. Es möge sich ganz an ideale, freiheitliche, humane Dinge hingeben und „sich nicht in angeborenen Vorurteilen versteifen und verhärten", nicht hauptsächlich des „Geldmachens" befleißigen. Und wie nun Spielhagens Held aus Jettchens Krankenzimmer kommt, da denkt er „mit Verwunderung, welch sonderbarer Menschenboden dieser jüdische doch sei, der so unschmackhafte Früchte bringe und dann wieder andere von so berauschender Süßigkeit, gerade wie in ihrem heimischen Orient hart am Rande der steinigen Wüste die Zweige der Dattelpalme wehen". Und dem gleichen Kontrast, dem hier ein junger Dichter schöne Bilder abgewinnt, widmet an anderer Stelle des Buches ein verärgerter liberaler Politiker die derben Worte, der Freisinn müsse am Judentum zu Schaden kommen; er habe „das reine Wasser des Judentums. in den Strom der modernen. europäischen Kultur hinüberleiten wollen" und werde nun für allerhand „aufgewühlten Schmutz und Schlamm" verantwortlich gemacht. Es find das, wie gesagt, verbitterte und nicht allgemein berechtigte Worte. Es gibt in jedem Strom reines Wasser und Schlamm, in jedem Volk, in jeder Gemeinschaft gute und böse Leute; das ist keine Sondereigenheit der Juden

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