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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-05 · Heft 10 (5.3.1909) · p. Seite 110

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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Blätter, die ja ausschließlich spezifisch jüdische Fragen be-: handeln, das Interesse, bei den LanLbündlern.gewiß nicht finden, noch es überhaupt dort suchen. Daß Herr v. Bodel-, schwingh ferner Stöcker; feierte, soll ihm 'unbenommen 'sein, denn seiner Denkurrgsweise nach gehört er ja zu' Stöcker. Unrecht aber ist es, wie Herr v. Bodelschwingh es tat, den Namen des Pfarrers Naumann mit Stöcker in einem Atem zu nennen, diese beiden Männer in Parallele zu stellen. Pfarrer Naumann hat kerne Scheiterhäusenbriefe geschrieben, er hat auch keinen „Prozeß Becker" geführt, und man kann ihm nicht einmal Nachweisen, daß er in Bergwerksaktien Geschäfte gemacht hat, die so lohnend gewesen wären wie jene, die man Stöcker nachgewiesen hat. Pfarrer Naumann kann in keiner Weise zu Stöcker in Parallele gestellt werden, denn Naumann ist ein geistreicher sreidenkender Mann, Stöcker aber sein Leben läng doch ein fanatischer Parteimänn geblieben. Es ist immerhin auf der diesjährigen Heerschau des „Bundes der Landwirte" etwas weniger schroffer Antisemitismus zutage getreten als auf den früheren Tagungen. Aber es kommt ja schließlich weder auf Qualität noch Quantität des antisemitischen Geistes an, der auf diesen Tagungen zutage tritt, sondern Von Bedeutung, und zwar von recht großer Bedeutung ist es für die deutsche Judenheit, überhaupt nur festzustellen, wie diese agrarische Interessenvertretung von starkem antisemitischen Gifte dnrchtränkt ist zu einer Zeit, in der diese Sorte von Politikern eine so große und bedeutungsvolle Rolle nicht nur in der Einwirkung auf andere politische Parteien, wie die Konservativen und Nationalliberalen, spielt, sondern dieser „Bund der Landwirte" allgemach auch ein einflußreicher Faktor bei der Regierung und den maßgebenden Kreisen derselben geworden ist. Ernste politische Blätter geben .der Vermutung Raum, daß der „Bund der Landwirte" seinen Höhepunkt erreicht habe. Ganz gleich aber, ob dies der Fall ist oder nicht: Für uns ergibt sich in Hinblick auf die breite antisemitische Flut, die sich in die Reihen des agrarischen Bündlertums ergießt, die Konsequenz, überall dort, wo bei politischen Wahlen der „Bund der Landwirte" seine Hand itn Spiele hat, die gleichen Anstrengungen zur Beseitigung und Bekämpfung seines Kandidaten zu machen wie bei rein antisemitischen Kandidaturen. Was in unseren Kräften steht, müssen wir angesichts der steten Hervorkehrung antisemitischer Neigungen seitens des „Bundes der Landwirte" und angesichts der Versuche, immer nrehr die politischen Parteien unter sein Joch zu zwingen, alles tun, um dieses zu verhindern. Was .immer man auch sage: bei geschickter Arbeit und rechtzeitigem Eingreifen dürfte es nicht unmöglich sein, dem agrarischen Bündlertum in gleicher Weise Abbruch zu tun wie dem offenkundigen politischen Antisemitismus. Das ist für uns die Lehre auch aus der diesjährigen Zirkus Busch- Persammlung. Dir Woche. Berlin, 3. März. ^>iese Woche ist im ganzen still verlaufen. Kur die Agrarier haben wieder im Zirkus Busch getagt und gegen die Juden gehetzt. Die Herren Dr. Oertel, Dr. Roesicke Und v. Bodelschwingh hatten diesmal die lockende und lohnende Aufgabe übernommen. Wir sprechen darüber an leitender Stelle ausführlicher. Im Reichstag waren die Debatten über die Ausländersräge an den deutschen Hochschulen, die 'ja öine Domäne des Äntisemitismus ist, von Interesse. Auch diesmal - wurde die Erschwerung des Studiums von Ausländern ans deutschen Hochschulen von dem Zentrumsabgeordneten Schiffer, einem Führer der christlichen Arbeiterbewegung, ängeregt, ohne daß der Staatssekretär des Innern) Herr v. Bethmänn-Hollweg. trotz mehrfacher Provokation, hierauf eingegangen wäre.' Die Antisemiten, in deren Namen im Vorjahre Herr Lattmann so bewegliche Klagen über die „Masseninvasion" ausländischer Elemente'auf den Universitäten angestimmt hatte beteiligten sich diesmal an der Debatte nicht, vielleicht jedoch nur deshalb nicht, weil ihre Hauptwortführer verhindert waren, der Sitzung beizuwohnen. Nur Herr Kreth, der Sprecher der Konservativen, konnte sich eine kleine antisemitische Anspielung nicht verkneifen, die aber, da er zur Sache selbst nichts zu sagen hatte, von den Rednern der Linken mit Stillschweigen gestraft wurde. Unterstützung fand Herr Schiffer nur bei dem freikonservativen Herrn v. Gamp, der von einer Ausnutzung der auf deutschen Hochschulen erworbenen Kenntnisse ausländischer Techniker eine empfindliche Schädigung der chemischen Industrie Deutschlands befürchtete. Im Ab geordneten hause ersuchte der Abgeordnete Fischbeck den Minister des' Innern sehr schüchtern, es möchte doch bei der Naturalisation etwas mehr Toleranz geübt und nicht gefragt werden, ob einer Jude oder Christ sei. Ob im Abgeordnetenhause die Frage des Erlasses, betreffend die jüdischen Kreis- oder vielmehr Regierungssekretäre, noch einmal angeschnitten werden wird, ist nicht bekannt. Aber zum erstenmal befinden wir uns dem Kommissionsbericht über diese Frage gegenüber in voller Uebereinstimmung mit der — „Deutschen Tageszeitung", selbst auf die Gefahr hin, daß dieser eine solche Uebereinstimmung nicht angenehm sein sollte. Denn das agrarische Blatt zitiert zunächst das offiziöse Kommunique der Kommission, das also lautet: „Durch die Blätter ging in der letzten Zeit eine Notiz, wonach ein ministerieller Erlaß existiere, der den Juden den Eintritt in die Karriere der mittleren Verwaltungsbeamten erschwere beziehungsweise fast unmöglich mache. In einer der letzten Sitzungen der Budgetkommission des Abgeordnetenhauses hat nun der Minister des Innern v. Moltke Gelegenheit erhalten, sich zur Sache zu äußern. Auf die Anfrage eines freisinnigen Abgeordneten erklärte er, ein Erlaß, nach welchem Juden zu Kreis- und Regierungssekretären nur mit ministerieller Genehmigung ernannt, werden können, sei ihm nicht bekannt. Es sei ihm zwar mitgeteilt worden, daß ein Erlaß in dieser Beziehung im Jahre 1851 ergangen sei, aber er betrachte ihn als Antiquität und handhabe ihn nicht." Daran knüpft das Agrarierblatt die folgenden diesmal durchaus zutreffenden Bemerkungen: „Diese Mitteilung kann unmöglich ganz richtig sein. Der Minister kann doch nicht gleichzeitig gesagt haben, daß ihm der Erlaß unbekannt sei, und anderseits, daß ihm Mitteilung über den Erlaß gemacht worden sei. Wenn ihm diese Mitteilung gemacht worden ist, so hat er selbstverständlich sicher vom Inhalte des Erlasses Kenntnis genommen. Ist aber ein solcher Erlaß vorhanden, dann muß sich der Minister danach richten. Es geht nicht an, ihn deswegen unbeachtet zu lassen, weil man ihn für „antiquiert" hält. .Hegt der Minister diese Meinung, dann muß er dafür sorgen, daß der Erlaß aufgehoben werde. Das ist alles so klar und selbstverständlich, daß man uns allgemein zustimmen muß, wenn wir sagen, daß der Minister sich unmöglich so ausgesprochen haben kann." Eine Entscheidung des Hanseatischen Oberlandesgerichts hinsichtlich der Gültigkeit einer in Deutschland geschlossenen Mischehe zwischen einem österreichischen Juden und einer deutschen Christin wird jetzt veröffentlicht.

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