Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-03-05 · Heft 10 (5.3.1909) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228863--65369-3277490
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Berlin, 5. Marz 1909. 73. Jahrgang- Nr. 10- Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstkllen) b. zogen vierteljährlich 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles« Begründet von Rabbiner Ir- Ludwig Philipxson. VbilgN-LrveMoll: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HS/49, zu richten. Verlag von Rudolf Moste, Berlin. Der „Lund der Lsndwirtr". - Berlin, 2. Mürz, ^^^ie alljährlich, gab es auch Heuer dieser Tage die bekannte Heerschau der Landbündler im Zirkus Busch. Man weiß, daß aus diesen Tagungen, aus denen das agrarische Junkertum das schwerste Rüstzeug seiner Macht zur Schau stellt, in früheren Jahren vielfach antisemitische Clownspäße die Reden „würzten". Die Rolle des Hauptakteurs dieser antisemitischen Scherze hatte fast immer der Führer der Deutsch- Sozialen, Herr Liebermann von Sönnenberg. Die diesjährige Generalversammlung des „Bundes der Landwirte" erfreute sich der Anwesenheit dieses antisemitischen Führers nicht. Trotzdem hat man der antisemitischen Scherze nicht entbehrt. Man weiß ja, daß der „Bund der Landwirte", nicht nur politisch mit den Konservativen eng liiert ist, die ja noch immer in ihrem Parteiprogramm sogenannte „gemäßigte" antisemitische Forderungen aufstellen, sondern es ist auch eine bekannte Tatsache, daß der „Bund der Landwirte" erheblich über den konservativen Antisemitismus hinausgeht, und die demagogischen Heroen dieser antijüdischen Richtung, wie bekannt, die begünstigten Lieblinge des. offiziellen Agrarierorgans sind. Wenn also auf der diesjährigen Tagung auch auf das erheiternde Moment der antisemitischen Scherze im.ganzen verzichtet werden mußte, so sorgte doch einesteils eine Klasse von Zwischenrufern für derartige Ausfälle- und anderseits versuchte ein Agrarier aus dem „aufgeklärten Westen" die derbkomischen Witze durch das leichenbitterische Pathos einer würzlosen antisemitischen Rede zu ersetzen. Der bekannte Führer des „Bundes der Landwirte", Dr. Ro eficke, frischte zunächst den alten antisemitischen Ladenhüter auf, indem er das „Berliner Tageblatt" als ein Organ der jüdischen Presse bezeichnete. Es tief ihm dabei das kleine Malheur unter, diesem liberalen Blatte eine Aeußerungzuzuschreiben, die es gar nicht, gemacht hatte. Bei der Nennung dieses Blattes zeigte ein Herr'am Vorstandstische seinen eminenten Geistreichtum, indem er den Zwischenruf „Orientalische Phantasie" machte. Nun war allerdings die Ph anta sie'auf seiten des Herrn Roesicke, denn das „Berliner Tageblatt" hatte die ihm zügeschriebene Aeußerung in Wirklichkeit gar nicht gemacht. Es handelte sich also hier um eine 'teutonische" Phantasie, deren üppige Blüte ja aus den Redest, der Ahlwardt, Pickenbach, Pückler und Konsorten bekannt ist. Aber selbst wenn Herr Rösicke wirklich geglaubt hätte, sich über Aeußerungen des „Berliner Tageblattes" zu beschweren, , so sollte doch schließlich auch er wissen, daß dieses Blatt eine rein politische Zeitung liberaler Tendenz.und durchaus nicht „jüdische Presse" ist. ED ist antisemitische unehrliche Kampfesweise, die „unbeirrt durch tausendfache Widerlegung" immer fortgesetzt wird, alles, was ihnen unb equem ist, und wogegen sie mit sachlichen Argumenten nicht ankämpfen können, als jüdisch zu bezeichnen, indem sie annehmen, daß dies bei der Urteilslosigkeit ihrer Anhänger als Beweis genüge, und sie damit jeder sachlichen Widerlegung überhoben' seien.. Gilt' doch in jenen Kreisen das „Jüdische" als der Ausbund aller Schlechtigkeit! So stimmt es denn mit der antisemitischen Tendenz vollkommen überein, wenn die Herren vom „Bunde der Landwirte" auf diese verrostete Waffe aus dem Arsenal der Antisemiten nicht verzichten wollten. Sie überhebt ja so leicht der sachlichen Widerlegung und jeder geistigen Anstrengung. Es war daher nicht mehr wie recht, daß man der Manen des geistigen Vaters dieser antisemitischen Methode, des eben verblichenen Hofpredigers Stöcker, mehrfach gedachte. Dr. Roesicke feierte den .„Vater des Antisemitismus" als einen Mann, der für deutsche Art und Sitte gekämpft' hätte, und dem das agrarische Junkertums „die Treue bewähren" wolle. Die Buschmänner spendeten diesen Worten lebhaften Beifall, und wie das so in antisemitischen Versammlungen üblich ist, klang auch dieses Gedächtniswort an Stöcker in dem antisemitischen Kampflied „Deutschland, Deutschland über alles" aus. Wesentlich deutlicher war die antisemitische Rede des Rittergutsbesitzers v. Bodelschwingh-Schwarzenhafel. Auch er warnte seine bäuerischen Genossen vor der jüdischen Presse: „Haltet euer Haus rein von der jüdischen Presse und von den jüdischen Skribenten 'L la Maximilian Harden," die für schweres Geld von Stadt zu Stadt reisen und die Rolle des Vaterlandretters spielen? So führte Herr v. Bodelschwingh aus. Man weiß nicht rechtwas weniger geistreich ist, die Warnung vor der jüdischen Presse oder die Unkenntnis dessen, daß Maximilian Harden nicht nur kein Jude ist, wenigstens nicht mehr Jude als so mancher seiner agrarischen Standesgenossen und'der Vater des politischen Konservatismus Professor Stahl, und daß insbesondere die deutsche Judenheit es mit aller Entschiedenheit ablehnt, Maximilian Harden oder seine Presse als Vertreter jüdischer Interessen anzuerkennen, wie er es ablehnt, als solcher zu gelten. Und schließlich wird Herr v. Bodelschwingh selbst zugeben, daß die Warnung an seine Gesinnungsgenossen, zu denen er ja sprach, vor der jüdischen Presse etwas deplaciert erschien.' Ober ist .' er seiner Sache doch nicht ganz sicher und vermutet, daß selbst in. den Kreisen des bündlerischen Agrariertums eine Anzähl'Leüte die liberalen Blätter beim Frühstück'mit Behagen genießt? , Denn schließlich kann er doch mit der jüdischen 'Presse nur die liberalen Blätter gemeint haben, da die. wirklich jüdischen / -h w

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.