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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-26 · Heft 9 (26.2.1909) · p. Seite 107

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 9 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
Seite 107 (sequence 11)
Language
German
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hinreißender Schönheit, und heute — zum erstenmal — vergaß er wirklich sein Auditorium, er wurde sich allmählich bewußt, daß diese Musik kaum dafür verständlich sein würde, doch das erhöhte nur seine Begeisterung. Mochten die heidnischen Ratten in hebräischer Musik schwelgen. Aber bald verlor sich sein stolzes Selbstgefühl und er vertiefte sich ganz in seine Improvisation. Es war eine seltsame Phantasie, die seine gehorsamen Finger den Tasten entlockte! Sie enthielt die sehnsüchtigen Lieder des alten Rituals, die festlichen Läufe und Tiraden der Vorsänger, den eigentümlichen Singsang, den die Talmudschüler in ihren dumpfen Studierhallen erschallen lassen, das langandauernde melancholische Gesumme der Psalmsinger in der Dämmerstunde des Sabbats, das Wehen der Psalmzweige, die Seufzer der Büßenden, die langgezogenen Töne des Widderhornes, bei dem Versöhnungsfeste und die leidenschaftliche Verkündigung des einigen Gottes, mit der die Pforten des Himmels bestürmt werden. Und vermischt mit diesen greifbaren Erinnerungen plauderten seine Töne in rührender Weise von dem Frieden des Sabbatabends und seiner festlich brennenden Kerzen, von der Liebe und den Wundern seines Kinderglaubens, von der Phantasie rabbinistischer Legenden, dem .spukhaften Bußgebet in der kalten Wintermorgendämmerung, der heiligen Freude, die allen Gläubigen in dem ihnen verheißenen Zion beschert wird, wo der Herr die Tränen von den Wangen seines Volkes trocknen wird. Als er geendet, trocknete er die Tränen von seinem eigenen Gesichte, und er tat es offen und ohne sich dessen zu schämen und ohne Notiz von dem rauschenden Beifall zu nehmen, mit dem seine Zuhörer ihn überschütteten, die nun ihrer lange aufgesparten Dankbarkeit freien Lauf ließen, da dies ja doch das letzte Mal war, daß man das Spiel des Künstlers bewundern konnte. Seine ganze Eitelkeit, die künstlerische Pose, die er sonst nie versäumte, alles verschwand in der Tiefe und Aufrichtigkeit seines Gefühls. Er schlug nicht wie er sonst zu tun pflegte, das Klavier hastig zu, sondern blieb traumversunken ein paar Augenblicke ruhig davor sitzen- Plötzlich bemerkte er, daß seine rothaarige Muse neben ihm stand. Ach, so hatte sie ihn doch endlich entdeckt/sie hatte das Genie und den Patrioten gleichzeitig in ihm erkannt und war nun gekommen, ihm ihre Seele zu Füßen zu legen! Aber warum sprach sie kein Wort? Warum hielt sie ihm schweigend einen duftenden Brief hin? Geschah es, weil sie nicht den Mut hatte, vor all diesen Menschen zu sprechen? Er riß das elegante Kuvert entzwei. Himmel, was war das? Würde der Maestro Frau Wildhammer die Ehre erzeigen, den Tee bei ihr in der Kajüte einzunehmen? Er starrte erstaunt auf das junge Mädchen, das in respektvollem Schweigen verharrte. ' „Haben Sie gehört, was ich spielte?" murmelte er. „O gewiß — ein Shnagogen-Potpourri," antwortete sie ruhig. „Es ist aus der Ostseite verlegt worden, nicht wahr?" „Auf der Ostseite?" — Er fühlte sich in seinen heiligsten Gefühlen gekränkt. „Ich weiß nichts von der Ostseite." Ihre absolute Verständnislosigkeit seiner geistigen Erregung und des Triumphes seines musikalischen Genies, die einfache Selbstverständlichkeit, mit der sie ihn als einen Stammes- und Glaubensgenossen erkannte und ihn als .solchen behandelte, ihre Gleichgültigkeit bei der Großartigkeit eines hebräischen Pianofortesolo, kurz alles, was sie sagte und nicht sagte, fiel ihm plötzlich auf die überreizten Nerven und wirkte wie ein kalter Wasserstrahl auf ihn. „Wollen Sie sagen, daß ich die freundliche Einladung mit Vergnügen annehme," sagte er kalt. “ Das rothaarige Mädchen nickte'und, verschwand. Rozenoffski ging - mechanisch zu seiner Kabine, ohne Notiz von seinen sich um ihn drängenden Bewunderern zu nehmen. Mechanisch kleidete er sich um, und erst als er seinen Gehröck abbürstetewich seine Verstimmung und er sah erwartungsvoll der nächsten Stunde entgegen. Jetzt klopfte er an die ihm wohlbekannte Türe. Eine süße aber ihm unbekannte Stimme rief: „Herein!" und im nächsten Augenblick stand er vor einer großen schönen Amerikanerin, die von einem seidenaussehenden, knisternden Teekleide umhülltmit köstlichen Ringen geschmückt und von einem leisen Patchoulidust umgeben, ihn mit einer Flut von Komplimenten überschüttete. „Es ist so entzückend von Ihnen, daß Sie gekommen sind — ich weiß ja, daß Ihr genialen Männer sehr farouche seid — es war auch wirklich furchtbar dreist von, mir, eine Einladung zu wagen, ich weiß das alles, aber Sie haben es mir vergeben, nicht wahr?" „Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite, gnädiges Frau," sagte er auf Deutsch. „Ach so. Sie sind ein Deutscher," antwortete sie in derselben Sprache. „Ich dachte es mir. Engländer oder Amerikaner sind einer so göttlichen Begeisterung nicht fähig. Sie sehen, mein Herr, ich kenne nicht einmal Ihren Namen, nur Ihr Genie. Jeden Nachmittag habe ich hier gelegen und in Ihrer Musik geschwelgt, aber ich würde niemals den Mut gefunden haben. Ihnen zu danken, wenn Sie nicht heute diese wunderbare Komposition gespielt hätten; es klang darin wie die Klage 'eines gebrochenen Herzens, dann wieder strömte eine köstliche Heiterkeit aus Ihren Akkorden und endlich dröhnte der Donner der Götter daraus. Ich fürchte, Sie werden mich für sehr unwissend halten — aber ich kannte die Komposition nicht — sie war wohl von Grieg, nicht wahr?" Er sah verstimmt aus. „Ich fürchte, daß sie nicht an die Kompositionen Griegs heranreicht — es war nur eine Improvisation von mir." „Von Ihnen!" Sie klatschte mit mädchenhaftem Entzücken in die von Brillanten schimmernden Hände. >,O, wo kann ich sie bekommen?" Ein spottender Dämon versuchte ihn: „Auf der Oftseite," zu sagen, aber er wies die Versuchung von sich und antwortete ablehnend: „Sie können Sie nicht haben. Es ist eine Improvisation, die mir diesen Nachmittag durch den Sinn ging — sie kam — und ist verschwunden und verklungen." „Wie schade!" Die Fruchtbarkeit seines Talentes, der Reichtum seiner Phantasie hatten einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. „Ich hoffe. Sie werden versuchen, die Komposition nachträglich niederzuschreiben?" „Unmöglich — es war ja doch nur eine Stimmung." „Ach, wie traurig zu denken, daß Sie vielleicht viele solcher Stimmungen gehabt, denen ich nicht lauschen durste. Warum habe ich in Amerika nie etwas von Ihnen gehört?" Er errötete. „Ich — ich habe dort überhaupt nicht gespielt," fuhr er verlegen fort. „Sehen Sie, ich bin außerhalb der europäischen Musikkreise noch nicht bekannt." Dann seinen ganzen Mut zusammenraffend, sagte er seinen Namen: „Rozenoffski," er warf das Wort hin, wie eine Bombe und wurde bleich in der Erwartung, wie sie es aufnehmen würde. Aber die Bombe verursachte keine Explosion. Die Dame fuhr fort in enthusiastischen Ausdrücken des Künstlers Lob zu preisen. Offenbar war die kleine Episode, die auf ihn so herabstimmend gewirkt, eindruckslos von ihr abgeglitten. „O, aber Amerika muß Sie kennen lernen, Herr Rozenoffski. Sie müssen es mir versprechen dahin zurückzukehren und Sie

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