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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-02-26 · Heft 9 (26.2.1909) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 9 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
Seite 106 (sequence 10)
Language
German
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dem anderen technischen Bedenken, wonach mit Laster als Helden die Handlung nicht ins flutüberwaschene Rügen hinüberspielen konnte, steht der ungeheure, für moderne Begriffe bisweilen allzu große Reichtum dessen gegenüber, was ich Spielhagens äußere Phantasie nennen möchte, das Finden und Verknüpfen der Begebnisse. Nein, was ihm Laster zur Roman-Heldenschaft ungeeignet erscheinen ließ — ich denke mir, aus einem Instinkt heraus, nicht aus klarem Gefühl — das-war doch wohl Laskers Judentum. Aber warum das, warum? Sollte seine Judenfreundlichkeit doch ihre Grenzen haben? Sollte es in seinem Dichterstaate ähnlich aussehen wie im Deutschen Reich, wo die Juden gesetzlich den übrigen Bürgern gleichftehen, tatsächlich aber zu allen obersten Stellen, den Heldenposten gleichsam im realen Leben, nicht zugelassen werden? Aber mit solcher Falschheit oder Lauheit stünden doch die angeführten philosemitischen Sätze, insbesondere das Laskerhoch der „Sturmflut", im völligsten Widerspruch. Und weiter: man braucht noch längst nicht alles gelesen zu haben, was Spielhagen geschrieben hat, und weiß es doch schon ganz und ganz gewiß, daß diesem Manne jede kleinste Falschheit, jede geringste Lauheit oder Halbheit vollkommen unmöglich ist, daß es keinen aufrichtigeren, unermüdlicheren, heißeren Kämpfer für Wahrheit und Recht und Freiheit gibt als Friedrich Spielhagen. Noch einmal denn: woran liegt das Fehlen der jüdischen Helden? Wenn ich die Antwort noch einen Augenblick zurückhalte, so. geschieht das nicht etwa, um im Leser billige Rätselspannüng zu erwecken; vielmehr soll ihn die folgende Betrachtung der Lösung sehr nahe bringen. Ich möchte von den fehlenden jüdischen Helden für ein Weilchen absehen und die jüdischen Gestalten mustern, die Spielhagen in nicht allzu knapper Anzahl geschaffen hat. Da werden sich denn wohl die Guten, Weisen, Edlen finden, die nach dem Richtspruch jener Kritiker zu erwarten sind. (Schluß folgt.) gPÜltLetnfr Ghetto-Lomödikn. Von I. Zangwill. Die Mietlinge. IV. junge Dame erzählte ihm dann offenherzig, wie hart sie mit dem Leben gekämpft hatte. Bei Tage hatte sie für den Broterwerb arbeiten müssen, und den größten Teil der Nächte hatte sie dem Studium geopfert. „Natürlich konnte ich nur die abends stattfindenden medizinischen Vorlesungen besuchen. Ich habe eine ganze Zeit lang meinen bescheidenen Unterhalt damit verdient, daß ich Mäntel mit Pelz garnierte; mein Bett stand in der Ecke eines von der ganzen Familie bewohnten Zimmers. Eine Studentin der Medizin durfte selbstredend keine Pakete herumtragen. Dafür, daß sie die Arbeit holte und wegbrachte, zog meine Wirtin' mir über ein Viertel des Verdienstes ab. Als die Pelzsaison vorüber war, habe ich in einem Restaurant gekocht; ich. habe als Maschinenschreiberin und als „Hallo-Mädchen" am Telephon gearbeitet, kurz, ich habe alles und jedes getan, um mich durchzuschlagen." „Dann lernten Sie die Maniküre?" sagte er beinahe zärtlich. „Ja, die Maniküre," wiederholte sie lächelnd. „Da fragen Sie noch, ob ich es nicht für demütigend hielte, eine kunstliebende seekranke Dame zu bedienen?" ,-Kunstliebend!" zischte er. 'Sein Herz war von tiefem Mitleid für das Mädchen und von bitterem Groll gegen ihre Herrin erfüllt. - „Gewiß, kunstliebend," lachte Sie, „aber weshalb haben Sie ein solches Vorurteil gegen die Dame?" Er errötete. „Ein Vorurteil." stotterte er. „Woran sollte ich gegen sie eingenommen sein? Nach allem, was ich von ihr gehört habe, ist sie es, die unter der Herrschaft von Vorurteilen steht. Mich wundert nur, daß sie eine Jüdin in ihre Dienste nahm." „Was ist daran Wunderbares? Haben nicht die Südländer schwarze Diener?" Er errötete noch tiefer. „Was," sagteer, „wollen Sie die Juden mit den Negern vergleichen?" „O, ich bitte die Schwarzen um Entschuldigung. Die Neger haben doch wenigstens ihr Liberia. Dort ist ein schwarzer Präsident, ein schwarzes Parlament. Wir aber haben nichts." „Wir?" sie sprach immer noch im Plural. Aber er suchte es trotzdem zu umgehen, sich offen als Stammesgenoffen zu bekennen. „Nichts?" erwiderte er. „Ich denke. Sie sagten, alles? Jede Gabe des Genies, die die Natur aus ihrem Füllhorn schenken kann?" „Die jüdischen Genies" — ihre Stimme hatteeinen schmerzlichen Klang. „Sprechen Sie mir nicht von unseren Genies! Sie sind es, die uns jederzeit betrogen haben. Jedes andere Volk hat seine großen Männer; aber unsere großen Männer? Sie gehören jedem anderen Volke an, nur nicht Israel. Die Welt zieht unsere Elitegeister an sich und verdammt uns um des minderwertigen Restes willen. Unsere Besten tanzen nach der Pfeife der Heiden! Sie bauen und malen, sie schreiben oder sind Rechts gelehrte. Aber singen niemals das Lied Israels, Sie malen kein Bild, sie bilden keine Statue zu Ehren ihres Volkes, sie kümmern sich nicht um seine Gesetze,- sie bauen Israel keinen Tempel. Bah! Was sind sie anders als Mietlinge?" Wieder riß die Leidenschaft ihres Patriotismus auch ihn weg. Ja, sie sprach die Wahrheit. Er selbst war nur ein Mietling. Aber er wollte ein Herr werden, er wollte zurück — zurück zu dem Ghetto, und diese edle Jüdin sollte seine Genossin werden. Gott sei Dank, daß er noch frei war! Aber ehe er noch Zeit gefunden, ihr seinen Entschluß mitzuteilen, erschien plötzlich die stattliche Schauspielerin aus San Franzisko an seiner Seite, um einen letzten verzweifelten Sturm auf seine Gutmütigkeit zu machen und ihn zu bewegen, für einen der Mitwirkenden, der plötzlich erkrankt sei, einzuspringen. Rozenoffski schlug den Angriff kurz ab, aber ehe noch die Dame ihre ganze Beredsamkeit erschöpft hatte, nickte seine rothaarige Begleiterin ihm freundlich lächelnd zu und zog sich dann rasch in die Kajüte zurück. V. Er verbrachte eine schlaflose aber glückliche Nacht, in der er schöne Zukunftspläne aussann; zunächst wollte er sie aus ihrer dienenden Stellung befreien, dann würden sie vereint für ihr Volk arbeiten. Er fürchtete sich nicht mehr vor dem Meere. Er fürchtete sich vor nichts, selbst nicht vor den Pogromen, die seiner in Rußland harrten. Selbst Rußland erschien ihm plötzlich wieder unendlich teuer — es war das schöne Land der Kindheit; sein Vogelgesang, seine flüsternden Blätter und murmelnden Bäche waren die erste Musik gewesen, die sein Ohr vernommen. Aber teurer als alle dies erschienen ihm die jüdischen Erinnerungen, die in ihm auftauchten. Als er am letzten Nachmittage der Reise fast mechanisch zum Klavier schritt, war er so erfüllt von diesen Reminiszenzen, daß er ihnen in einer Rhapsodie, der er eine Synagogenmelodie zugrunde legte, Ausdruck zu verleihen suchte. Sein Spiel war von I.

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