Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- Seite 105 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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allerdings schon bei dem vierten- und fünften Glied der Atem ausgeht"; wo dann Spinoza die Wetterführung ins Unendliche hinein unternimmt. Zu solchen politischen und philosophischen Ansichten gesellt sich Spielhagens intimer Verkehr mit bedeutenden Juden. Hier ist neben Lasker vor allem Berthold Auerbach zu nennen, mit dem .Spielhagen herzliche Freundschaft und wahrhafte Geisteskameradschaft hielt. - An Berthold Auerbach sind ein paar schöne Verse in Spielhagens wenig bekannten „Gedichten" gerichtet; zu den Briefen Bertholds an Jakob Auerbach hat der Dichter, einen eingehenden Essay geschrieben, er hat ferner die tiefe „Gedächtnisrede auf Berthold Auerbach bei der vom „Berliner Literarischen Klub veranstalteten Feier (1882)" als Anhang zu seinen berühmten „Beiträgen zur Theorie und Technik des Romans" herausgegeben. Seine schönsten. und gehaltvollsten Worte über den Freund aber schrieb Spielhagen in die Vorrede eben dieses Bandes, um den scheinbar willkürlichen Anhang, zu begründen. Dies Buch gehöre dem Dahingegangenen völlig, erklärt er. „Wir halten uns in der wachsenden Intimität unserer Freundschaft zuletzt daran gewöhnt, uns unsere literarischen Arbeiten bereits im ersten Entwurf einander.mitzuteilen, einer den anderen im Fortgang der Ausarbeitung auf dem laufenden zu erhalten... Da dürfte in diesen Aufsätzen kein Thema, ja, was sage ich, kein wichtigerer Satz sein, der nicht von uns gemeinsam — und das meistens nicht einmal, sondern wieder und wieder — von den verschiedenen Gesichtspunkten behandelt wäre, die jedem von uns die notwendigen, weil seiner Individualität bequemsten und natürlichsten schienen. Aber von wie verschiedenen Punkten wir auch ausgingen, auf wie verschiedenem Wege wir uns auch dem Ziele zu nähern suchten — am Ziele selbst trafen wir jedesmal zusammen; ich. erinnere mich nicht, daß wir über einen wichtigen Satz der Theorie unserer Kunst jemals zweierlei Meinung gewesen wären . . ." Man nehme hierzu Spielhagens oft gebrauchte antike Freundschaftsdefinition, Freundschaft bestehe im gleichen Wollen und gleichen Nichtwollen, wobei natürlich wiederum nur Spielhagens eigene Ansicht vom Wesen der Freundschaft ins Gewicht fällt, und es gleichgültig ist, daß andere Leute etwa meinen, Freundschaft könne sich überhaupt erst da über ihre Echtheit und Stärke ausweisen, wo die Willensrichtungen zweier bisher gemeinsam Strebender im breitesten Winkel auseinanderklaffen — und man bedenke ferner, wie sehr die Anschauungen über Dinge der Kunst für jeden Künstler Herzenssache find: so hat man einen Begriff von der Wärme und Aufrichtigkeit des Gefühls, mit dem Spielhagen dem jüdischen Freunde ergeben war. Alles bisher Mitgeteilte beweist den eingangs behaupteten philosemitischen Zug in Spielhagens Wesen und Werken, und gleichzeitig beweisen die Gründe dieser Judenfreundlichkeit, daß es sich dabei nicht um ein oberflächliches Gefühl, vielmehr um ein tief und mehrfach wurzelndes Empfinden handelt. Wie mag es nun um die Gestalten bestellt sein, durch die Spielhagen in seinen Werken des Judentum verkörpert? Die Antwort erscheint kinderleicht. Denn seit vor 25 Jahren die Brüder Hart im 6. Heft ihrer „Kritischen Waffengänge" ihre ebenso schneidigen wie sonderbaren Ansichten über „Friedrich Spielhagen und den deutschen Roman der Gegen- . wart" aussprachen, ist es ja immer wieder hergebetet worden und sogar in die Literaturgeschichte Professor Richard M. Meyersy!). „Die deutsche Literatur des XIX. Jahrhunderts." übergegängen, daß Spielhagens Grund- und tödlicher Fehler in seiner überquellenden Subjektivität bestehe, . in dem völligen Mangel objektiv psychologischer Kunst, ein Vorwurf, der einem modernen Dichter eigentlich alles Dichtungsvermögen überhaupt abspricht, indem doch nun einmal von ihm Psychologie vor allem und noch einmal und zum drittenmal Psychologie gefordert wird, und dann erst all das andere zum Dichten Gehörige, als Kunst der Sprache, Straffheit und Fülle der Handlung usw. Spielhagen, sagen die Kritiker der modernen Schule seit einem Vierteljahrhundert — Spielhagen ist kein Psycholog und Dichtersondern nur ein liberaler Tendenzfchriftsteller, der seine Parteigenossen weiß und engelgleich, seine Gegner aber schwarz und höllisch malt. Danach also ist ohne weiteres anzunehmen, einmal, daß Spielhagen die Juden sehr gut und edel darstellt — denn sie sind seine Parteigenossen, stehen zum mindesten links und nie auf der verhaßten Rechten, sie zählen die persönlichsten Freunde des Dichters zu den Ihren, find endlich die unterdrückte Minorität — sodann, daß er gegebenenfalls gern auch einmal einen Juden als Helden, als guten Verfechter einer guten Sache abschildern wird. Und zweimal in der Reihe seiner umfassenden Zeitromane, sozusagen feiner Haupt- und Staatsaktionen, bietet sich ihm die Gelegenheit, nein, mehr! sieht er sich fast vor die Notwendigkeit gestellt, einen jüdischen Romanhelden zu wählen. Und nun geschieht beidemal das Merkwürdige, das bisher, soviel mir bekannt, noch keinem Kritiker seltsam erschien, und dennoch so überaus seltsam ist: der freisinnige, judenfreundliche, vollkommen subjektive Friedrich Spielhagen weicht dem scheinbar notwendigen Judentum des Helden ebenso glatt wie entschieden aus. Ich spreche von den beiden mächtigen Zeitdichtungen: „In Reih und Glied" und „Sturmflut". Zu feinem Leo Gutmann hat dem Dichter der geniale Begründer der deutschen Sozialdemokratie, Ferdinand Lasfalle, Modell gesessen. Lasfalle-Gutmann ist von Spielhagen keines-, Wegs mit parteidoktrinärer Feindseligkeit, vielmehr als wahrhaft großer tragischer Held gezeichnet worden (was eine tragische Schuld natürlich miteinschließt). Lasfalle und Leo Gutmann sehen sich sehr, sehr ähnlich, nur daß Leo als der. Poesieerzeugte doch wohl auf höherer Stufe steht als der menschgeborene Lasfalle. Und dann eben: Lasfalle . ist Jude, Leo Christ. Warum das? Etwas anders und doch ganz gleich im wesentlichen ist die Sachlage in der „Sturmflut". Hier hatte Spielhagen längst den Stoff zur Dichtung: er wollte den Gründersturz mit der Sturmflutkatastrophe des Jahres 1872 in einen symbolischen Zusammenhang bringen. In „Wie ich zum Helden von Sturmflut kam",*) erzählt er nun von seiner ursprünglichen Absicht, Eduard Lasker, der im Reichstag die „prachtvolle Rede gegen den Gründungsschwindel gehalten hatte", zum Helden des Romans zu machen. Hiergegen hätten sich dann technische Bedenken erhoben: der Held sei ihm „zu aktiv" vorgekommen, sei auch in'keine rechte Verbindung mit der Sturmflub zu bringen, gewesen. Ich muß gestehen, daß ich mich gegen diese technischen Bedenken sehr skeptisch verhalte. Ist etwa Leo Gutmann kein höchst aktiver Romanheld; und warum soll denn unter der Aktivität des Helden die Bewegung und Ausbreitung der übrigen Personen leiden? Was Spielhagen in „Hammer und Amboß" auf moralischem Gebiet darlegt, daß der Amboß den Hammer gerade so kräftig schlage, wie er von ihm getroffen werde, das läßt sich, wie ich glaube, auch ins Aesthetische transponieren und auf die Oekonomie des Romans anwenden. Nun gar *) „Neue Beiträge zur Theorie und Technik der Epik Und Dramatik." . ,