Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Denn daß das heutige Judentum krank, sehr krank ist, wird wohl kein Jude leugnen,- dem seine Religion noch am Herzen liegt. Aus dieser Krankheit führen meiner Ansicht nach zwei Wege zur Genesung: der eine ist der derromantischen Orthodoxie, der zweite ist der der durchgreifenden Reform. Der Mittelweg, das dem und dem Recht tun, vergrößert nur die Verwirrung. Ich stimme aber darin mit dem Anonymus überein, daß die Hoffnung auf Rückkehr der freien Judenheit in toto zur romantischen Orthodoxie eine Utopie ist, sonach eine Reform an Haupt und Gliedern die unbedingte Notwendigkeit. Die liberalen Rabbiner haben die große Aufgabe, aus der traditionellen Existenzform des Judentums das Ewige an ihm in verjüngter Existenzform, derart herauszuarbeiten und zu alleiniger Geltung zu bringen, daß j eder Jude sich freudig zu diesem Judentum bekenne, dadurch seine religiöse Welt höher schätzen lerne als die irdische und bereit sei, diese für jene hinzuopsern. . Das ist meine innerste Ueberzeugung. Wie diese große Aufgabe zu lösen sei, dafür geben die „Gedanken eines Laien" gewiß nicht die einzig richtige, aber jedenfalls eine kleine Grundlage schon durch ihre Zusammenfassung des gesamten Fragenkomplexes. Ob ein liberal-einheitliches Vorgehen.überhaupt möglich ist? Ich wollt', wir Rabbiner besäßen den göttlichen Optimismus dieses Laien! . .■; ,;. : Bit Juden in Spirlhsgms Werken. (Eine Studie zu seinem achtzigsten Geburtstag.) Von Victor Klemperer. I. Eriedrich Spielhagen ist in seinen Schriften leicht als Philosemit zu erkennen. Mehrere Gründe, alle sofort aus seinen Werken aufweisbar, machen ihn hierzu. Einmal gehört der Politiker mit Leib und Seele der freisinnigen Partei und freut sich aller Siege der Seinen, einerlei ob sie von Juden oder Christen erfochten werden. In der „Sturmstut" macht er zu Eduard Lasters Ehren eine der seltenen Ausnahmen von seiner Regel, die Namen der Zeitgenossen zu verschleiern. Nachdem in einer Tischrede aus dem Einweihungsfest des Philipp Schmidtschen Palais' ein brutales Scheltwort gegen „die rostige Zunge" gefallen ist, die neulich im Parlament mit so starkem Erfolge die Gründer befehdet hat, erhebt sich der kleine tapfere Bildhauer Justus und bringt mitten in dieser Gesellschaft von Gründern ein dreimaliges Hoch auf den Mann aus, der „drei Leben braucht, um die Herkulesarbeit, die er sich vorgenommen, durchzuführen: Eduard Laster lebe hoch!" Sodann ist Spielhagen weit über alles Parteipolitische hinaus der leidenschaftlichste Verfechter völliger Geistesfreiheit. Jede Art von Religionsmäkelei ist ihm verhaßt; an die dauernde Ehrlichkeit religiöser Eiferer vermag er nicht zu glauben, und muß denn einmal um solche Privatdinge öffentlich gerungen werden, so steht er natürlich auf seiten der Unterdrückten. Welch ein geheimer Hohn steckt hinter den gelassen malenden Worten, mit denen er in „Was will das werden?" ein meisterliches Stöcker-Porträt gibt. Er nennt da seinen Mann Pastor Renner und läßt ihn als fanatischen, aber ehrlich überzeugten Eiferer in einer Kleinstadt beginnen?) Dann aber wird sich Renner seiner großen Gaben bewußt, findet auch in der Hauptstadt ein gewaltiges Wirkungsfeld und verwandelt sich nun völlig in den berechnenden Heuchler, y Ich habe hierauf dieser Tage auch an anderer Stelle hingewiesen, dem heiligste Worte zu weltlichsten Zwecken herhalten müssen.' Der Leser wird mit dem christlich-sozialen Programm in konzentrierter Fassung und zugleich endgültig mit Renners Charakter bekannt, als der Geschmeidige in einer Gesellschaft aus vertrautem Zwiegespräch zur tönenden, dem ganzen Kreis geltenden Rede übergeht: „Ichanerkenne nur einen Kulturkampf, das ist: mit Gott für den König. In diesem Kampfe aber müssen wir Schulter an Schulter stehen mit unseren gläubigen katholischen Brüdern ... Wie sollen wir . denn, wenn wir uns um einiger, für uns ein wenig lästiger Aeußerlichkeiten willen von unseren geborenen Freunden trennen, uns des gemeinschaftlichen Feindes, wie sollen wir uns des Liberalismus, dieser Inkarnation des glaubens- und gottlosen, durch und durch entchristlichten, ganz und gar verjüdelten, königsfeindlichen Jrrgeistes, erwehren? Etwa dadurch, daß wir einen. Bund mit dem Sozialismus eingehen? Nun, meine Herren, ich bin gar nicht so abgeneigt gegen diesen Bund unter einer Bedingung: daß der Gottesglaube mit hineingeknüpft wird.. ." Sein Eintreten für das Judentum wird dem Dichter um so leichter, als er unter den europäischen Bekenntnissen keines weiß, das sich mit seinem klaren Denken besser verträgt, als eben das Judentum. Freilich, jede Offenbarungsreligion, welcher Art auch immer, appelliert an den Glauben — den Spielhagen nicht besitzt, und so .kann ihm also auch das biblische Judentum nicht genug tun. Aber.er kennt oder konstruiert sich eine Fortentwicklung der jüdischen Religion in der Lehre seines geliebten Meistersdessen „suum esse conservare“ er eigentlich bei jeder Mltzgßnheit im Munde führt: in Spinozas Philosophie. WoUgemerkt, diese Fortentwicklung der jüdischen Religion besteht in Spielhagens Anschauung und dürste höchst anfechtbar sein. Spinoza ist doch wohl so wenig der Fortentwickler des Judentums, wie Luther der Weiterbildner des Katholizismus. Die beiden so ganz verschiedenen Männer bringen ihren Religionen doch wohl etwas Feindseliges entgegen, sie stemmen den Gedanken gegen den Glauben. Aber für Spielhagens Philosemitismus kommt es natürlich nur auf seine Meinung an und nicht auf ihre objektive Richtigkeit, und menschlich begreiflich ist es. ja sehr, daß sich Spielhagen durch den Juden Spinoza dem Judentum verbunden fühlt. Er hat die hier wiedergegebenen Gedanken in seinem letzten Buche „Freigeboren" durch den sympathischsten Juden anssprechen lassen. Der alte, edle Bielefelder erklärt: „Ich habe auch in meinen jungen Jahren den Gottesglauben verloren gehabt, und ich meitte, es muß ihn jeder verlieren, der sich von der Vorstellung Gottes als einer Persönlichkeit nicht losmachen kann. Es gibt so viele Ungerechtigkeit unter den Menschen; es geschieht bei. ihnen so viel Grausames — und nicht bloß bei den Menschen: durch die ganze Natur, von der wir ja nur ein Teil sind — es läßt sich nicht faffen und begreifen, solange wir Gott nicht von allem entkleidet haben, was noch an einen Menschen erinnert. Das hat Spinoza getan. Er hat den alten Judengott Jehova in die unergründliche Tiefe getaucht, aus der das Wort des Psalmisten herausklingt: „Ehe denn die Berge wurden, und die Erde und die Welt geschaffen wurden, warst Du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit." So ist Spinoza und nicht, soweit mein Verständnis reicht, Christus der Fortsetzer und Erfüller der jüdischen Gotteslehre. Wie seine Geburt selbst ein Wunder sein soll, hat er den Gang der Natur durch das Wunder des Glaubens unterbrochen und aufgehoben..." „Dieser Wunderreligion gegenüber ist schließlich auch die rein biblische Lehre vorzuziehen, die die „Kette von Ursache und Wirkung wenigstens eine kleine Strecke weit verfolgt, bis ihr