Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- Seite 103 (sequence 7)
- Language
- German
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Gefetzesübertreter, jetzt existiert kein Gesetz für uns! Gut. Vollziehen wir aber mehr als die Sanktionierung tatsächlicher Verhältnisse? Ich; will dabei nichts bemänteln. Zwischen jenen, die das Gesetzesjudentum nicht aufgeben wollen und jenen, die es tungähnt tatsächlich eine unüberbrückbare Kluft. Aber sie war schon da und ist da und wird immer größer, ob offiziell oder inoffiziell. Sind die beiden Parteien in Ungarn nicht vollständig getrennte Lager? Haben nicht viele Gemeinden in Deutschland neben den Institutionen der Muttergemeinde orthodoxe Synagogen, Schulen, ja sogar Friedhöfe? Welche religiöse Einheit wird also zerstört? Im Gegenteil. Mir handelt es sich doch darum, jenen Juden, die das alte Judentum nicht mehr haben, ein neues zu geben, vor allem.aber es jenen, die nahe daran sind, es zu verlieren, neu einzuhauchen, die toten und halb erstarrten Gebeine zu beseelen. Ich wiederhole es ja bis zum Ueberdruß, daß ich gar nicht daran denke, unter der Orthodoxie Propaganda zu treiben; ich will nur den Juden, die glauben,'daß sie schlechte Juden sind, weil sie das Religionsgesetz nicht beobachten, die glauben, daß Judentum ohne Gesetz keine Religion wäre, daß sie daher keine religiösen Menschen mehr wären, und die durch diesen Glauben nach und nach wirklich ihre Religion verlieren, diesen Juden will ich im Judentume die wirkliche Religion zeigen, die will ich vom Judentume als Religion überzeugen und sie für das Judentum retten. Sie halten das sür eine Utopie? Ich nicht. Aber zugegeben, die Geschichte, die weitere Entwicklung der Dinge zeigte, daß Sie besser in die Zukunft sahen, was ist dabei verloren? Wenn ein Schwerkranker mit dem sicheren Tode ringt, und nur ein schwacher Hoffnungsschimmer winkt, mittels einer Operation ihn zu retten, werde ich von der Operation absehen und den Kranken elend zugrunde gehen lassen? Oder wiegen Sie sich in der Hoffnung, daß wir zum Religionsgesetz selbst als freie Juden reumütig zurückkehren werden? Das wäre wahrlich noch mehr Utopie als meine Hoffnung, mit der Reform des Judentums einen großen Teil der gebildeten Judenheit dem Judentum zu erhalten. Oder erschüttert die offizielle Beseitigung des Gesetzes unsere Stammeseinheit? Werde ich aufhören, Tränen zu weinen um die russischen Juden, für sie politisch einzutreten, für sie Humanitär zu wirken, weil ich offiziell erkläre, der Schulchan aruch sei nimmermehr das kompetente Religionsbuch meiner Religionsgesamtheit, dieser Schulchan aruch, den in zahllosen deutschen Gemeinden außer dem Rabbiner kein Gemeindemitglied jemals gelesen hat? Werde ich dann nicht mehr beistehen meinen Stammesbrüdern in Palästina, in Marokko oder in Rumänien? Die Einheit unter den Juden wäre erst dann gefährdet, wenn die jüdische Orthodoxie als Kirche die Ehe zwischen Gesetzesjuden und Juden ohne Religionsgesetz verbieten wollte. Wird sie das tun? Hat sie die Macht dazu? Selbst wenn sie es wollte, könnte sie es nicht, denn sie würde sich des einzigen Mittels berauben, die von ihr abtrünnig genannten Juden bekehren zu können. Aber abgesehen davon, ist der Kreis der deutschen Orthodoxie so klein, so eng, daß ein solches Verbot sehr bald als unhaltbar sich erweisen müßte. Privatim strebt ja auch heute der ehrliche ernste Orthodoxe danach, sein Kind nur mit einem Gleichgesinnten zu verehelichen, ein solches allgemein gültiges Gesetz wird die Orthodoxie darüber nie erlassen können, und täte sie es, es wäre ein Messer ohne Stiel, es bliebe unbrauchbar. Nein, geehrter Herr Rabbiner, die Einheit der Judenheit bliebe nach wie vor unberührt. Ja, ich wage eine große Hoffnung auszusprechen. Wenn die gesetzesfreien Juden nur zeigen, daß sie treu zu ihrem Judentum halten und religiöse Menschen werden, die Schar ihrer Anhänger wird - wachsen, und nicht allzulange währt es, werden alle Inden, denen das politische Joch abgenommen ist und die auf dem heutigen Stande des Geisteslebens sich befinden, treue Bekenner des geläuterten Judentums sein. Die traurige Wahrnehmung unserer Tage, daß die freien Juden häufig irreligiös erscheinen, wird nach dieser Umwandlung und Erneuerung, wenn auch nicht mit einem Schlage, doch nach und nach schwinden; indifferente Juden wird es dann nur in der — Orthodoxie geben. - Hat das heutige Israel noch die Kraft, die religiöse Regenerierung an sich durchzuführen? Es gibt viele, sehr viele, die das verneinen, die behaupten, die Judenheit sei überkultiviert und infolge ihrer Ueberkultur religiös am Ende ihrer schöpferischen Kraft; andere wieder behaupten, die Juden wären zu große Materialisten, um die Welt der Religion über ihre nächste bloß menschliche Welt herrschen zu lassen. Mein Herz spricht anders. Mir erscheint gerade dieser Kampf für und wider das Religionsgesetz ein Zeichen der Verjüngung, des Vorhandenseins eines noch immer mächtigen religiösen Innenlebens zu sein. Ein Stamm, der eine solche religiöse Veranlagung besessen und sie rege erhalten hat Jahrhunderte hindurch, kann sie in einem halben Jahrhundert nicht verlieren. Wenn auch mancher in dem schweren Kampfe um die religiöse Freiheit in der politischen Freiheit uns verloren geht, in strahlendem Glanze ersteht die Religion des Judentums, eine ewige Leuchte allen, die um sie sich scharen. Ich schließe mit den Trostworten des Propheten: „Verzögert es sich auch, harre nur seiner, denn es kommt gewiß und bleibt nicht aus!" (Habakuk 2, 3). Ihr liberalen Rabbiner, an euch liegt es m Gemeinschaft mit begeisterten Laien das Verjümgungswerk zu vollbringen! Und es wird vollbracht, denn die alte religiöse Glut unseres Stammes ist noch nicht erloschen! Soweit der Anonymus. Von verschiedenen Seiten wurde ich gefragt, ob die Veröffentlichung der „Gedanken eines Laien" meine Uebereinstimmung mit ihnen bedeute, und wenn nicht, welchen Zweck ich mit ihrer Herausgabe verfolge. Ich wiederhole darum, was ich schon im Begleitworte gesagt habe, „daß ich in sehr wesentlichen Dingen ganz gegenteiliger Anschauung bin;" ich identifiziere mich nicht mit dem Laien. Anträge, wie zum Beispiel die Verlegung des Chanukkafestes auf Weihnachten sind für einen Rabbiner einfach undiskutabel. Ich habe trotz alledem das „Schreiben" unverkürzt veröffentlicht, weil es erstlich von wahrer Liebe zum Judentum erfüllt ist, sodann weil es manche sehr beherzigenswerte Vorschläge enthält und schließlich, jueit ich mich freue, daß wieder einmal ein Laie unsere Zustände bespricht *)• h Wir haben es eigentlich nicht für nötig gehalten, unseren Lesern, die ja unsere Stellung zu diesen religiösen Fragen kennen, noch ausdrücklich zu sagen, daß wir durchaus nicht in allen.Punkten aus dem Standpunkt des „Laien" stehen, obwohl wir im einzelnen mit manchen seiner Ausführungen einverstanden sind. Um aber Mißdeutungen vorzubeugen, schließen wir uns dem Epilog des Herrn Rabbiner Dr. Ziegler. der uns und gewiß auch den meisten Lesern durchaus sympathisch ist, vollinhaltlich an. Die Red.